Wie bei der Mafia: Ermittlungen in Blutdopingaffäre vor entscheidender Phase

Ermittler vergleicht Erfurter Doping-Netzwerk mit Mafia Mittagsmagazin 11.03.2019 03:12 Min. Verfügbar bis 11.03.2020 Das Erste

Operation Aderlass

Wie bei der Mafia: Ermittlungen in Blutdopingaffäre vor entscheidender Phase

Von Jörg Mebus

Die österreichischen Behörden gaben sich am Montagmorgen alle Mühe, die mafiösen Strukturen in der Seefelder Blutdopingaffäre noch einmal ausführlich zu skizzieren. Nun gehen die Ermittlungen in eine äußerst sensible Phase: Am Dienstag startet die Vernehmung des Erfurter Drahtziehers Mark Schmidt.

Dieter Csefan redete Klartext. Der österreichische Chefermittler ließ am Montag während einer Pressekonferenz in Wien keine Zweifel an der immensen kriminellen Energie der Drahtzieher in der Erfurter und Seefelder Blutdopingaffäre aufkommen. "Ich kann ganz klare Parallelen der Machenschaften dieser Gruppierung um den festgenommenen Arzt Dr. Mark Schmidt und anderer Mafia-Organisationen wie der russischen Mafia, der italienischen Mafia oder auch der Balkan-Mafia feststellen", sagte Csefan.

Fahrkarte in die Weltspitze

Die von ihm geleitete "Operation Aderlass" förderte seiner Darstellung nach Details zutage, die auch die Perfidie im System des mutmaßlichen Drahtziehers aus Erfurt enthüllten. Dr. Schmidt und seine Komplizen hatten Athleten offenbar zu den Doping-Anwendungen animiert, sie sollen ihr System quasi als Fahrkarte in die Weltspitze angepriesen haben. Nach Kontaktaufnahme zu den Sportlern wurden diese zunächst zum kostenlosen Blutdopen eingeladen, damit sie am eigenen Leib die Leistungssteigerungen feststellen konnten, erklärte Csefan. Wie viele Kunden Schmidt hatte, ist noch immer unklar.

Erfurter Zelle operierte weltweit

Laut Csefan steht fest, dass die Anwerbung zum Dopingbetrug weit über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus erfolgte. Die laufenden Ermittlungen hätten gezeigt, dass Schmidt und seine Helfer "seit Jahren weltweit bei internationalen Wettkämpfen und Sport-Großveranstaltungen anwesend waren". Details würden die laufenden Ermittlungen noch zeigen.

Ohnehin geht die Aufarbeitung der Operation Aderlass nun in eine sehr sensible Phase. Am Dienstag beginnen Czefan und sein Team gemeinsam mit den Kollegen der deutschen Schwerpunktstaatsanwaltschaft in München mit der Vernehmung Schmidts und dessen ebenfalls beschuldigten Vaters.

Ein Ziel ist dann auch die Decodierung der etwa 40 Blutbeutel, die die Ermittler in Erfurt sichergestellt hatten. Schmidts Anwalt Andreas Kreysa hatte angekündigt, dass sein Mandant mit den Behörden "vollumfänglich kooperieren" wolle. Klar ist für die Ermittler jetzt schon, dass Schmidt der Anführer einer hochkriminellen Vereinigung war.

Schmidt als "Kopf"

Mark Schmidt

Ende Februar in Erfurt verhaftet: Ab morgen wird der mutmaßliche Doping-Drahtzieher Schmidt verhört.

Die Organisation des Erfurters seien "hierarchisch aufgebaut" gewesen mit dem "Kopf" Schmidt, sagte Csefan. Die Gruppe sei arbeitsteilig vorgegangen, "jeder hatte seine eigenen Aufgaben, die Blutbeutel von A nach B zu bringen, die Infusionen zu setzen". Die Organisation habe auch versucht, sich von der Strafverfolgung abzuschirmen durch die Verwendung ausländischer Wertkartenhandys, "wie wir es auch bei anderen Mafia-Organisationen immer wieder sehen".

Gleichzeitig gehen die internationalen Ermittlungen weiter, immer mehr ins Visier rückt offenbar eine weitere Schlüsselfigur. Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion wurde nach dem Trainer Mati Alaver international polizeilich gefahndet, er wurde am Montag in seiner Heimat Estland vorläufig festgenommen. Das gab die Staatsanwaltschaft bekannt. Alavers Codename im Netzwerk lautet angeblich "der General".

Der Kronzeuge Johannes Dürr hat seine Aussage vor der Staatsanwaltschaft schon hinter sich. Der österreichische Skilangläufer war in der vergangenen Woche vorübergehend festgenommen worden, nachdem klar geworden war, dass er entgegen aller öffentlichen Beteuerungen - vor allem in der ARD-Dokumentation "Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold" - noch bis Ende Dezember vergangenen Jahres weitergedopt hatte.

Lehner geht von Freispruch aus

Sein deutscher Anwalt Michael Lehner geht dennoch von einem Freispruch aus und verweist auf die Verdienste seines Mandanten als Whistleblower. "Als Anwalt sage ich: Einstellung!", sagte Lehner im Interview mit der ARD-Dopingredaktion. Den Zollbeamten Dürr, der bereits mit einem dienstrechtlichen Verfahren und Anfeindungen aus der Öffentlichkeit zu kämpfen hat, solle man laut Lehner "nicht noch zusätzlich strafen". Dürr habe in dem Fall "wirklich viel geholfen".

Dürrs ebenfalls überführte Langlaufkollegen Max Hauke und Dominik Baldauf entschuldigten am Sonntagabend in der ORF-Talkrunde "Im Zentrum" noch einmal ausführlich ihre Doping-Machenschaften. In Anwesenheit ihres Anwalts verweigerte das Duo Aussagen zu Details in dem Fall, etwa zu den Kosten der Dopingkuren oder zur Frage, wie häufig sie Schmidts Dienste in Anspruch genommen haben.

Stand: 11.03.2019, 16:22

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