Johannes Dürr: Ein Leben in Fetzen

Johannes Dürr legt offen, erneut gelogen zu haben

Das Geständnis

Johannes Dürr: Ein Leben in Fetzen

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Josef Opfermann und Jörg Winterfeldt

Nach seiner vorübergehenden Verhaftung hat sich der Skilangläufer Johannes Dürr im Interview der ARD-Dopingredaktion gestellt. Dieses Mal soll es die volle Wahrheit sein über sein dreist fortgesetztes Blutdoping, seine tiefe Zerrissenheit und seine kühnste Geschäftsidee.

Der Mensch wirkt wie verwandelt. Johannes Dürr ist kaum wieder zu erkennen. Gegen das Azurblau seiner Windjacke hebt sich sein aschfahles Gesicht ab als wäre es farblos. Die Stimme ist leise, brüchig, zuweilen muss man fürchten, die Laute verflüchtigen sich, noch bevor sie zu hören sind. Dürrs Gesicht ist verweint. Der Blick sucht schüchtern die Augen des Gegenübers, um wie ein Sensor behutsam abzutasten, welches Maß an Enttäuschung, an Verachtung, an Unverständnis er zu erwarten hat: Der Skilangläufer hat ein weiteres Mal alle Welt belogen und betrogen, ausgerechnet der Mann, der in der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Die Gier nach Gold“ die Hintergründe seines Sportbetrugs mit vielen Details enthüllt hat, hat an einer entscheidenden Stelle die Wahrheit für sich behalten.

Beim Versuch, noch einmal bei einer Weltmeisterschaft an den Start zu gehen, nachdem er bei den Olympischen Spielen 2014 positiv auf EPO getestet und gesperrt worden war, hat Dürr noch im vergangenen Jahr während der Dreharbeiten zum ARD-Film wieder Blutdoping betrieben. Mit dem Erfurter Mediziner Mark Schmidt und dessen Helfern, was die ganze Entwicklung besonders unverständlich erscheinen lässt.

Dürr selbst bis zuletzt Kunde beim Doping-Drahtzieher

Schließlich haben zunächst Dürrs Aussagen im Film dazu geführt, dass die Ermittler ihn noch einmal als Zeugen verhört haben. In der Aussage hatte er seine Hintermänner vom Sotschi-Doping preisgegeben – jene Leute, die ihn kurz zuvor auch wieder strafrechtlich relevant behandelt hatten und die in der vergangenen Woche in Seefeld oder Erfurt festgenommen worden sind bei spektakulären Razzien. Johannes Dürr hat gewissermaßen eine Bombe gelegt, die Lunte gezündet und ist später zurückgekommen, um sich drauf zu setzen und sich zu wundern, als das Ganze explodiert ist.

Nun liegt sein ganzes Leben endgültig in Fetzen. „Der Martin (Anm.: Martin Prinz, Mitautor seines Buchs) hat nichts gewusst, niemand hat etwas gewusst. Nachdem die Vernehmung (Anm.: bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck am Dienstag, 5. März, d. Red.) beendet war, war für mich der erste Weg nach Hause zu meiner Freundin, und ich habe ihr sagen müssen, was ich gemacht habe.“

Geheime Dopingtreffen auf Autobahnraststätten

Ab Sommer 2018 ließ sich Dürr erneut Eigentblut zu Dopingzwecken infundieren

Außenstehenden ist sein Verhalten kaum verständlich näherzubringen. Im Interview bei seinem Heidelberger Anwalt Lehner in einer abgelegenen Berghütte in den Alpen um St. Moritz zeigt er sich selbst völlig hilflos. Dürr sagt, als Sportler habe er den Rest „einfach ausgeblendet“. Es wirkt wie ein Schizophrener. Und in gewisser Weise skizziert er sich auch wie einer. Wenn er beschreibt, wie es als suspendierter Leistungssportler dazu kommen konnte, dass er sich nach seiner Doping-Enttarnung in Sotschi weiter Blut abnehmen und für später einlagern lassen hat. Und wie er es sich ernsthaft ab dem Sommer 2018 reinfundieren ließ.

Sucht nach Erfolg und Anerkennung

Und wenn er gleichzeitig als Privatmann Johannes Dürr die Welt, der er heimlich weiter angehört, scheinbar distanziert und reflektiert von außen betrachtet und froh ist, nicht mehr zum Lügen gezwungen zu sein. „Da war der Leistungssportler Johannes und der Mensch Johannes. Und der Johannes als Mensch hat ganz klar gesagt, das ist ein Blödsinn, ein Scheiß, das darf man nicht machen, davor muss man andere warnen. Ich hab‘ es am eigenen Leib erfahren, wie es an einem nagt, diese zweite Welt, die parallel im Dunklen verläuft, die sich mit der anderen nicht berühren darf. Auf der anderen Seite ist der Leistungssportler Johannes Dürr, der sagt: ‚Das gehört dazu. Wenn du Leistungen bringen willst, dann musst du es machen.‘“

Im Gespräch sitzt seine Freundin Kati auf der Eckbank und kämpft mit den Tränen. Irgendwie fassungslos, auch hintergangen worden zu sein, gleichzeitig aber tiefes Mitleid empfindend für den Lebenspartner, der sich so verirrt hat im Leben, dass er sich selbst nicht mehr über den Weg getraut hat. Irgendwo verloren gegangen auf seinem eigenen Weg. Einmal mehr drängt sich die Erkenntnis auf, dass er einer dieser Spitzensportler ist, die ihr Leben so ehrgeizig wie rücksichtslos auf den Sport ausgerichtet haben, dass sie in ihrem Tunnel zu allem bereit sind in ihrer Sucht nach Erfolg, Anerkennung, Selbstbestätigung.

Wie ungewöhnlich weit es bei Johannes Dürr gegangen ist, zeigt seine letzte schockierende Enthüllung. Sie macht deutlich, was er an Wagnissen in Kauf genommen hätte: Dürr gesteht, dass er 2015, als sein Arzt Mark Schmidt überlegt hätte, seine Blutdopinggeschäfte einzustellen, angefragt habe, ob er nicht alles selbst übernehmen könne. Wie ein Junkie, dem der Dealer wegzubrechen droht. „Das ging so weit, dass Mark Schmidt sich zurückziehen wollte und ich mit ihm diskutiert habe, es selbst weiterzumachen, den Kühlschrank zu besorgen, der dann aber in Erfurt gelandet ist“, sagt Dürr, „er hat gesagt, er ist müde und hat es lange genug gemacht. Er will sich quasi zurückziehen. Bei mir war das einfach ein letzter Strohhalm, um eine Chance auf Topleistungen im Hochleistungssport zu wahren. Denn wenn das ganze Depot weg ist – das wollte ich halt vermeiden.“

Vermeintlich sauberes Comeback

Es war in erster Linie der Umstand, dass Dürrs Freund Harald Wurm dann wegen Dopings aufflog, der die Umsetzung des Vorhabens verhinderte. Dass er später- ab Sommer 2018 - die angejahrten Konserven wieder reinfundiert bekam, behauptet Dürr, habe allerdings nicht mehr auf seiner eigenen Initiative beruht. „Mark Schmidt war 2015 nicht mehr in meinem Leben, keine Handynummern, keine Kontaktdaten, nichts mehr“, sagt Dürr, „Plötzlich, Mitte Juni, kommt ein Anruf, deutsche Nummer, da war es der Mark. Er sagte‚ Geld kann ich dir keines geben, aber ich unterstütze Dich bei deinem Projekt auf meine Art und Weise.‘“ Zunächst stimmte Dürr nicht zu, erklärt er der ARD-Dopingredaktion.

Sein Comeback sollte für dopingfreien Sport werben. Er sah sich gezwungen, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen, weil der Österreichische Skiverband ihn nach seinem Geständnis ächtete. Zunächst essenziell für seine Rückkehr in den Sport birgt sein erfolgreiches Crowdfunding nun die Gefahr, wie ein Bumerang zurückzukommen. Auf den etwa 39 000 eingesammelten Euro gründet sich der gravierendste neue Tatvorwurf, der zum Haftbefehl gegen Dürr am vergangenen Mittwoch führte, als die Ermittler ihn aus seiner Dienststelle beim Zoll abholten: Die Polizei erhebt gegen Dürr den Vorwurf des schweren Betruges. Es ist denkbar, dass der Verdacht dahin geht, dass Spender getäuscht wurden, sollten sie ihn in seinem Vorhaben, nur mit ehrlichem, sauberen Sport sein Comeback anzugehen, unterstützt haben. Sie könnten in dem Fall sogar auf die Idee kommen, das Geld zurückzufordern von Dürr. „Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Leute mich unterstützten, weil sie einfach Leistung sehen wollten“, sagt Dürr, „meine Intention war zu diesem Zeitpunkt ganz klar, dass das Projekt sauber und ohne Doping abläuft.“

Drei Dopingtreffen bis Dezember

Doch dann sei er „schwach“ geworden und habe sich doch erneut auf die Dienste von Mark Schmidt eingelassen: Insgesamt drei Mal will Dürr sich den verbotenen Turbo verpassen lassen haben: Im August 2018 noch einmal an der Raststätte Irschenberg, die er im ARD-Film schon gezeigt hatte, von Mark Schmidt persönlich. Am 19. oder 20. Oktober während des Trainingslagers in der Ramsau ist er nach Pichl bei Schladming gefahren. Dort hat ihm die Schmidt-Helferin Diana S. seine Infusion gelegt. Sie hatte ihn bei Vernehmungen nach ihrer Festnahme auch identifiziert. Ein weiteres Mal will Dürr sich um den 11. Dezember herum am Rande eines Wettkampfes in Campra zur Vorbereitung auf das Swiss-Cup-Rennen Blut von einem weiteren Helfer rückführen lassen haben.

Der zweite Tatvorwurf der Fahnder ergibt sich offenkundig aus den Aussagen der beiden in Seefeld verhafteten Landsmänner Dürrs: Max Hauke, der beim Zugriff der Sondereinheit mit der Infusion im Arm erwischt wurde, und Dominik Baldauf, dessen Betrug die Ermittler schon zuvor durch Observierungen auf die Schliche gekommen war. Beide haben wohl ausgesagt, berichtete Baldauf dem Boulevardblatt Krone, Dürr habe ihnen gesagt, es ginge nicht ohne Doping und „sein Erfurter Arzt könne helfen“. Allerdings sagte Hauke auch, offenkundig unter Aufsicht beider Athleten Anwalt: „Letztlich beschlossen wir, Kontakt zu dem Mediziner aufzunehmen.“

Wenn Dürr bestreitet, den Kollegen den Kontakt vermittelt zu haben („Ich kann mich an keine Situation erinnern, dass ich ihnen gegenüber einen Namen genannt habe, eine Kontaktdatenweitergabe schon gar nicht.“), dann spricht seine Begründung, warum die beiden dann ausgerechnet beim selben Blutdoper gelandet sind wie er Bände. Mit verblüffter Selbstverständlichkeit in der Stimme sagt Dürr: „Es hat ja noch andere gegeben, die im Team waren, die Kontakt zu ihm hatten.“

"Hatte ja selber noch Leiche im Keller"

Es gehört zu den Seltsamkeiten der ganzen Affäre, dass der Betrüger noch immer erschüttert ist über den Zugriff und seine Folgen für die beteiligten Athleten. So sehr er früher in der Lage war, aller Welt den unbedarften Sonnyboy vorzuspielen, so wenig wahrscheinlich scheint, dass sein Entsetzen nun vorgespielt ist, wenn er beschreibt wie er die Razzien wahrgenommen hat. „Ich dachte, das kann einfach nicht wahr sein. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe versucht, es einzuordnen, aber ich habe es nicht einordnen können. Es war dann so groß, es ist ständig irgendwas Neues rausgekommen. Das war einfach viel zu groß. Ich habe das nicht verarbeiten können, bis heute nicht. Dann ist noch dazugekommen, dass ich ja noch eine Leiche im Keller habe und ich wusste nicht: Kommt es jetzt, oder kommt es nicht.“

Wie tief die Spaltung in seinem Unterbewusstsein angelegt ist, unterstreicht womöglich schon ein kleines Detail seines Blutdopingtreibens. Als er anfänglich einmal gefragt wird, mit welchem Codenamen er gern seine Blutkonserven gekennzeichnet hätte, habe er geantwortet, sagt Dürr: „Lucky Luke – das war das Erstbeste, was mir eingefallen ist. Das hat keinen bestimmten Grund gehabt.“ Er verbarg seinen Betrug damit ausgerechnet hinter jenem Comic-Cowboy, der seine Popularität einem besonderen Umstand verdankte: Er sorgt für Recht und Ordnung.

Stand: 07.03.2019, 18:09

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