"Lucky Luke" Dürr dopte bis Ende 2018

Zweite Dopingbeichte gegenüber ARD und Ermittlern

"Lucky Luke" Dürr dopte bis Ende 2018

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Jörg Winterfeldt und Josef Opfermann

Am Dienstag (05.03.2019) hat es eine weitere spektakuläre Entwicklung in der Seefelder und Erfurter Blutdoping-Affäre gegeben. Kronzeuge Johannes Dürr hat gestanden, bis Ende 2018 weiter gedopt zu haben. Sein Blut bewahrte der Erfurter Mediziner und Drahtzieher Mark Schmidt unter dem Tarnnamen "Lucky Luke"auf.

Johannes Dürr

Johannes Dürr

Es ging hoch her in der Landespolizeidirektion Tirol in Innsbruck am späten Abend des Faschingsdienstags. Aus den Fenstern im zweiten Stock schallten Karnevalslieder, die ersten Beamten, verkleidet als Superhelden, Astronauten oder Wikinger, verließen die behördeninterne Party gegen 22 Uhr.

Johannes Dürr trat gut eine Stunde später durch die Sicherheitstüren am Haupteingang heraus auf die Kaiserjägerstraße. In Zivilkleidung fiel der Österreicher an der Seite seines deutschen Anwalts Michael Lehner kaum auf. Der Kronzeuge in der Seefelder und Erfurter Dopingaffäre hatte ein vierstündiges Verhör am Ende eines für ihn niederschmetternden Tages hinter sich, der in der Seefelder und Erfurter Dopingaffäre eine weitere, schier unglaubliche Wende brachte.

Dürr sagte nur einen Teil der Wahrheit

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion hat Dürr, der im Zuge der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi aufgeflogene Dopingsünder, bis Ende 2018 weiter gedopt - während der Dreharbeiten zur ARD-Reportage "Geheimsache Doping - die Gier nach Gold", in der er eine vorgeblich vollständige Beichte ablegte. Er sagte nur einen Teil der Wahrheit.

Während der Mensch Johannes Dürr vor den ARD-Kameras Ende 2018 versuchte, seinen Ruf mit der Schilderung seines Weges in die Dopingfalle wiederherzustellen, dopte der Athlet Johannes Dürr bei seinem verzweifelten Versuch, ein erfolgreiches Comeback hinzulegen, mit Hilfe des Erfurter Mediziners und mutmaßlichen Blutdoping-Drahtziehers Mark Schmidt und dessen Entourage fleißig weiter.

Dürrs Blut noch nach Überführung deponiert

Auf seinen Blutbeuteln stand nach Informationen der ARD-Dopingredaktion der Tarnname "Lucky Luke". Und wieder flog Dürr auf, wie schon 2014, als er zwischen zwei Rennen in Sotschi in die Heimat zurückgekehrt war, gedopt hatte und daraufhin positiv getestet wurde.

Langläufer Johannes Dürr macht reinen Tisch

Vermeintliche Beichte: In der ARD-Doku "Gier nach Gold" sagte Johannes Dürr nicht die ganze Wahrheit.

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion ermittelten die österreichischen Beamten in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft München in den vergangenen Tagen Details. Dürr ließ demnach noch 2015 abgezapftes Blut für Dopingzwecke deponieren - also sogar noch, nachdem er überführt worden war. Er gestand zudem, dass es noch vor kurzem drei weitere konspirative Treffen zwischen ihm und den Erfurter Blutpanschern gab: Schmidt persönlich behandelte ihn im Spätsommer 2018 am Rasthof Irschenberg an der A8 bei München, wo er schon vor Sotschi 2014 in einem Hotelzimmer Blut gelassen hatte.

Festnahme in Innsbruck

Danach, nach ARD-informationen am 19. oder 20. Oktober, half Schmidts Assistentin Diana S.  in einem Auto auf einem Rasthof in Pichl bei Schladming nach, bevor im Dezember am Rande eines Wettkampfes in Campra, dem Swiss Cup, laut Dürr die letzte Behandlung durch einen weiteren Helfer Schmidts stattgefunden haben soll. Damit ist die Schweiz erstmals von der Blutdoping-Affäre betroffen.

Die Innsbrucker Staatsanwaltschaft gab am Mittwoch pauschal bekannt, dass Dürr "unter Verdacht" stehe, "bis vor kurzem Eigenblutdoping betrieben" zu haben und sich dabei von Schmidt behandeln ließ. Dürr, der am Dienstagmorgen auf seiner Arbeitsstelle beim Zollamt in Innsbruck festgenommen worden war, wird damit in dem Fall nicht mehr als Zeuge, sondern als Beschuldigter geführt.

Streit um Crowdfunding vorprogrammiert

Ihm wurden die Aussagen derjenigen zum Verhängnis, die infolge seiner Bekenntnisse in der ARD festgenommen worden waren: der Helferin von Mark Schmidt sowie die Langläufer Max Hauke und Dominik Baldauf. Dürr droht nach dem österreichischen Anti-Doping-Gesetz eine Haftstrafe. Zudem dürfte es Streit um die etwa 35.000 Euro geben, die er für sein Comeback per Crowdfunding gesammelt hatte. Denn jetzt steht fest: Sein Comeback mit dem angeblichen Beweis, dass es auch ohne Doping geht, basierte auf einer Lüge.

Hauke und Baldauf erklärten in einem gemeinsamen Interview mit der österreichischen Kronen-Zeitung (Dienstagausgabe), eine "riesige Dummheit" begangen und "daraus Konsequenzen" gezogen zu haben. Auf Schmidt seien sie 2016 durch Dürrs Hinweis gekommen. Er habe ihnen gesagt, dass es "ohne Doping nicht möglich sei, an die Spitze zu kommen". Den letzten Schritt Richtung Erfurt haben Baldauf und Hauke dann allerdings offenbar selbst vollzogen. "Letztlich beschlossen wir, Kontakt zu dem Mediziner aufzunehmen", sagte Hauke. Dies sei "der Beginn unseres Untergangs" gewesen.

Stand: 06.03.2019, 16:20

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