"Es liegt noch einiges vor uns": Blutdoping-Affäre nimmt riesige Ausmaße an

Kai Gräber

Pressekonferenz der Staatsawaltschaft München

"Es liegt noch einiges vor uns": Blutdoping-Affäre nimmt riesige Ausmaße an

Von Hajo Seppelt, Jörg Mebus, Jörg Winterfeldt und Moritz Radecke

Bislang 21 betroffene Athleten aus acht Nationen, Menschenversuche, Blutpanscher bei den Winterspielen in Pyeongchang und auf der ganzen Welt - und kein Ende der Ermittlungen in Sicht: Die Erfurter und Seefelder Blutdoping-Affäre nimmt riesige Ausmaße an.

Obwohl sich der leitende Münchner Staatsanwalt Kai Gräber während einer Pressekonferenz aus "ermittlungstaktischen Gründen" bei zahlreichen Details bedeckt hielt, darf der Weltsport seine Schlussworte durchaus als Drohung auffassen: "Es liegt noch Einiges vor uns."

Keine Angaben zu deutschen Sportlern

Knapp hundert Journalisten und ein Dutzend Kamerateams folgten den entscheidenden Sätzen Gräbers. "Zum derzeitigen Stand der Ermittlungen konnte Eigenblutdoping an 21 Athleten und Athletinnen ermittelt werden. Diese stammen aus acht europäischen Nationen", sagte der Staatsanwalt, der auf Nachfrage keine Angaben machen wollte, ob auch deutsche Sportler betroffen sind. 

Der Zeitraum der vom Erfurter Arzt Mark Schmidt und dessen Helfern durchgeführten Handlungen habe sich von Ende 2011 bis zur nordischen Ski-WM in Seefeld 2019 erstreckt. "Es hat wohl eine dreistellige Anzahl von Blutentnahmen und Rückführungen weltweit stattgefunden: in Deutschland, Österreich, Italien, Schweden, Finnland, Estland, Kroatien, Slowenien, Südkorea und auf Hawaii", ergänzte Gräber. Betroffen seien Athleten aus fünf Sportarten, drei davon Wintersportarten.

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion soll auf Hawaii allerdings nicht der weltberühmte Ironman der Triathleten betroffen sein, sondern der Marathon in Honolulu. Gesichert sind bislang zwei konkrete Sportarten: Die neun bereits geständigen Athleten kommen aus dem Langlauf und dem Radsport.

Schmidts Helfer bei Winterspielen in Pyeongchang vor Ort

Neben Drahtzieher Schmidt waren bislang drei seiner Helfer festgenommen worden, am vergangenen Montag kam eine fünfte Person hinzu, die dem Erfurter Netzwerk zugerechnet wird und die in Untersuchungshaft sitzt. Der 38 Jahre alte Mann hat neben Kurierdiensten auch Blutdoping durchgeführt -  ohne medizinische Ausbildung.

"Das Stechen", so Gräber, sei in diesem Fall "durch learning by doing erlernt" worden. Zu weiteren beschuldigten Personen schwieg der Staatsanwalt, weil noch Athleten im Visier stünden, "die nichts davon wissen". Weitere Aussagen würden "den Ermittlungserfolg gefährden". Was er auf Nachfrage bestätigte: Zwei Helfer Schmidts seien während der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang vor Ort gewesen.

"Menschenversuch"

Die Einzelheiten, die Gräber noch preisgab, offenbarten neben einer erstaunlichen Sorglosigkeit der Täter zahlreiche mitunter schockierende Situationen aus dem Tagesgeschäft eines Blutdopingrings. In einem Fall sei ein Sportler als Versuchskaninchen benutzt worden, um Wirkung und Nebenwirkung eines unbekannten Präparats zu testen. Gräber nannte den Vorgang im Interview mit der ARD-Dopingredaktion einen "Menschenversuch".

In einem anderen Fall zeigte ein Sportler auf die Behandlung eine derart drastische Kreislaufreaktion, dass er Panik bekam und zum Abkühlen des Körpers beide Arme bis zur Schulter in den Schnee steckte. Andere Athleten hätten auf Langstreckenflügen den zurückgeführten zusätzlichen Liter Blut als "Eigenblutpacker" (Gräber) im Körper transportiert, ungeachtet großer gesundheitlicher Risiken.

Kein Ende abesehbar

Fest steht für die Ermittler: Für Schmidt und seine Helfer, zu denen auch sein Vater Ansgard gehört, hat sich das Geschäft gelohnt. Laut Gräber kassierte der Erfurter Mediziner, der auch mit weiteren verbotenen Substanzen wie Wachstumshormon hantiert hat, pro Saison und Athlet zwischen 4000 und 15.000 Euro. Gräber rechnete vor, dass Schmidt bei einem niedrig angesetzten Mittel von 5000 Euro bei 21 Athleten mehr als 100.000 Euro Umsatz pro Saison gemacht habe.

Ein Ende der Ermittlungen ist nicht absehbar, sie würden noch "eine Zeit lang dauern". Gräber verwies auf den E-Mail-Verkehr eines verdächtigen Sportlers über 1200 Seiten, der derzeit ausgewertet werde. Schmidt und seinen Helfern drohen nun lange Haftstrafen, der Strafrahmen betrage laut Gräber "ein bis zehn Jahre" pro Tat.

Nicht nur Gräber, auch die bei der Pressekonferenz anwesenden Behördenleiter Hans Kornprobst und Bayerns Justizminister Georg Eisenreich wollten ihren Stolz über die erfolgreichen Ermittler nicht verbergen. Er kenne keinen vergleichbaren Fall im Sport, so Gräber, in dem "die Beweislage so grandios ist". Die bis zu 50 sichergestellten Erfurter Blutbeutel könnten sogar ohne DNA-Abgleich den betreffenden Sportlern zugeordnet werden.

Für Kornprobst geht von dem Fall ein "wichtiges Signal" aus: "Ein dopender Athlet kann sich auch dann nicht sicher fühlen, wenn sein Dopen bei Kontrollen unentdeckt bleibt. Es bedarf zwingend einer Strafverfolgung, um Doping in den Griff zu bekommen, der Sport allein schafft das nicht."

Stand: 20.03.2019, 14:50

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