Urteil gegen Dopingarzt: Showdown im Landgericht

Doping-Prozess in München vor dem Urteil Mittagsmagazin 14.01.2021 02:04 Min. Verfügbar bis 14.01.2022 Das Erste

Operation Aderlass

Urteil gegen Dopingarzt: Showdown im Landgericht

Von Jörg Winterfeldt

Im Münchener Strafprozess gegen ein deutsches Doping-Netzwerk um den Mediziner Mark Schmidt werden an diesem Freitag (15.01.2021) die Urteile gesprochen. Die Angeklagten drohen von den schwierigen Verfahrensumständen zu profitieren.

Das Landgericht München hat Erfahrung mit aufsehenerregenden Verfahren: Hier wurde der Fußballmanager Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis geschickt, der rechtsextrimistische Terror des NSU verhandelt, und der frühere Audi-Chef Rupert Stadler wegen der Abgassauereien zur Rechenschaft gebeten. An diesem Freitag soll nun der bislang größte Doping-Strafprozess in Deutschland mit einem erstinstanzlichen Urteil zumindest vorläufig ein Ende finden. Es geht um systematischen Betrug im Spitzensport.

Als Hauptangeklagtem ging es dem Erfurter Arzt Mark Schmidt und vier mutmaßlichen Helfern an den Kragen. Schmidt und die meisten seiner Komplizen legten umfassende Geständnisse ab und zeigten Reue in diesem bisher größten Prozess, der zum 2015 eingeführten Antidoping-Gesetz geführt wurde. Ein furioses Finale ist daher eher nicht zu erwarten. Hat sich das Gericht von den Schuldbeweisen überzeugen lassen, dann sind recht exakte Straferwartungen des Quintetts bereits formuliert. "Beim Hauptangeklagten hat das Gericht in den letzten Sitzungstagen so viereinhalb bis fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe in den Raum gestellt", sagt der Gerichtssprecher Florian Gliwitzky, "bei einzelnen Angeklagten stehen durchaus Bewährungsstrafen und bei einem Angeklagten möglicherweise auch eine Geldstrafe im Raum.”

Befürchteten die Angeklagten, allen voran Schmidt und seine Verteidiger, offenbar stets, am Arzt könnte in diesem Pilotprozess zu einem aus Deutschland agierenden Doping-Netzwerk ein Exempel nach neuer Rechtslage statuiert werden, so scheinen sich die pandemischen Entwicklungen und die strafprozessualen Widrigkeiten eher zum Wohle des Quintetts auszuwirken. Im Covid-19-Chaos konnten manche Zeugen nicht gehört werden. Andere aus Schmidts internationaler Doperschar wollten nicht gehört werden. Und bei grenzüberschreitenden Zeugen-Ladungen stößt das deutsche Strafprozessrecht schnell an seine engen Grenzen.

Auf Teile der Anklage verzichtet

"Man muss sehen, dass dieses Strafverfahren unter den besonderen Bedingungen der Corona-Pandemie durchgeführt werden musste", sagt Landgerichtssprecher Gliwitzky, "gegen Ende des Verfahrens war klar, dass die Beweisaufnahme sich noch relativ lange hinziehen würde, wenn sämtliche Einzelpunkte geklärt werden müssen. Deswegen hat die Staatsanwaltschaft auf einen Teil dieser Anklagepunkte untechnisch gesprochen verzichtet.” Und im Vertrauen auf größtmögliche Milde haben am Ende schließlich auch die Verteidiger so manche Blockadestrategie der umfangreichen Anträge und Einsprüche aufgegeben.   

Von den touristischen Umtrieben der mutmaßlichen Hintermänner zur Blutpanscherei mit Reisen über mehrere Kontinente blieben so noch etwa hundert Fälle des Blutdopings mit sieben Winter- und fünf Sommersportlern zurück. Ausgelöst hatten die Ermittlungen zur sogenannten Polizei-Operation Aderlass - mit Razzien bei der Nordischen Ski-WM Ende Februar 2018 in Seefeld sowie in Erfurt - die Aussagen des früheren österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr in der ARD-Dokumentation "Gier nach Gold".

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold – Der Weg in die Dopingfalle Sportschau 17.01.2019 45:21 Min. Verfügbar bis 17.01.2022 Das Erste

In der Folge flogen etwa zwei Dutzend Profisportler auf, darunter Radsportgrößen wie der Deutsche Danilo Hondo oder der Italiener Alessandro Petacchi. Schmidt soll sich zuvorderst darauf spezialisiert haben, die Athleten mit Eigenblut zu dopen. Dabei wurde in wettkampffreien Zeiten den Athleten abgenommenes Blut wieder vor wichtigen Wettkämpfen zurückgeführt, auf dass die gesteigerte Menge roter Blutkörperchen die Sauerstoffversorgung der Muskeln verbessern möge. Das Netzwerk hatte seine Technik fein auf mögliche Strategien der Dopingkontrolleure abgestimmt und mit Verschleierungsmethoden verhindert, dass Blutprofile betroffener Athleten auffällig wurden.

Ausgeklügeltes Betrugssystem

Blutzufuhren wurden kurz vor Rennstart durchgeführt, wenn keine Dopingkontrolle mehr zu befürchten war. Nach dem Wettkampf mussten Athleten etwa 1,5 Liter Salzwasser vor der Dopingprobe trinken, um so die Anzahl roter Butkörperchen wieder um einige Prozent zu senken. Zuweilen nahmen die Sportler zur Normalisierung der Werte auch Humanalbumin, welches als körpereigene Substanz kaum nachweisbar ist. Oder das vor dem Wettkampf zugeführte Eigenblut wurde unmittelbar danach gleich wieder abgenommen.

Allerdings haben die Ermittlungen auch gezeigt, dass zumindest einige der Athleten bereitwillig mit pharmazeutischen Leistungsturbos experimentiert haben. Als der Kasache Alexei Poltoranin in Seefeld verhaftet wurde, beschlagnahmte das österreichische Sondereinsatzkommando Cobra eine beachtliche Apotheke in seinem Schlafzimmer. Schmidt selbst behauptet, die Kuren, wenn überhaupt, nur auf Wunsch geliefert und jede Verantwortung für alle über das Blutdoping hinausgehenden Betrügereien abgelehnt zu haben.

Allerdings könnte ein besonderer Fall in der Anklage auch seine Experimentierfreude belegen: Die frühere österreichische Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner sagte als Zeugin aus, sie sei eine Art Versuchskaninchen gewesen. Es ging um ein Pharma-Präparat, das zum Ersatz des Eigenbluts gedacht war. Das Problem: Schmidt irrte in der Substanz, die Doperin erlitt kurzzeitig schwere Nebenwirkungen. Die Staatsanwaltschaft sieht darin den Tatbestand der schweren Körperverletzung erfüllt. Der Vorgang dürfte mit dafür sorgen, dass das Urteil hart ausfallen wird.

"Wenn es zu der erwarteten mehrjährigen Haftstrafe kommt, dann wäre dies das erste so harte Urteil gegen einen Arzt im Hochleistungssport in Deutschland", sagt der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, "aber man darf sich nichts vormachen: Es ist ein singulärer Fall. Die Mauer des Schweigens ist nach wie vor hoch, die strafrechtliche Aufklärung von Doping im Spitzensport erfolgt eher selten.”

Stand: 14.01.2021, 10:52

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