Kaum Doping-Tests wegen Corona: Die Furcht vor dem großen Betrug

Anti-Doping-Agenturen können während der Corona-Krise kaum noch Athleten testen.

Doping

Kaum Doping-Tests wegen Corona: Die Furcht vor dem großen Betrug

Von Hajo Seppelt, Peter Wozny und Jörg Winterfeldt

Die lange wettkampffreie Zeit droht Athleten und Dopinglabore finanziell in die Bredouille zu bringen. Die Fairness künftiger Wettkämpfe wird davon abhängen, ob Athleten vergleichbare Trainingsbedingungen haben und Kontrolllücken nachgearbeitet werden.

Das Unterfangen, in Pandemie-Zeiten ein Interview mit Lisa-Marie Kwayie zu führen, gestaltet sich schwierig. Natürlich trainiert die Berliner Weltklassesprinterin noch im Sportforum Hohenschönhausen auf dem Areal, das einst in der DDR gebaut wurde, um nicht nur Diplomaten im Trainingsanzug, sondern auch Goldgewinner in Serie nach Staatsplan zu trimmen. Bis zur Verschiebung der Olympischen Spiele auf das kommende Jahr hatte sie als Athletin des Olympia-Kaders sowieso eine Ausnahmegenehmigung zum Trainieren. Und die gilt auch immer noch. Für sie zumindest, die Kader weiter hinunter dürfen das Trainingsgelände längst nicht mehr nutzen. "Deswegen", sagt sie, "bin ich mit meinem Trainer meistens allein, hier in der Halle."

Das wird aus Infektionsschutzgründen streng gehandhabt. Auch Journalisten bekommen da keine Ausnahmegenehmigung. Das Gespräch findet also mit gebührendem Abstand unter freiem Himmel statt. Kwayie wird später mit ungebrochener Intensität ihr Trainingspensum abspulen: "Wir haben noch die EM in Paris im August. Die wurde bis jetzt noch nicht abgesagt, dementsprechend müssen wir uns darauf vorbereiten und fit bleiben. Dass, falls sie stattfinden sollte, man die Leistung abrufen kann. Und ein paar Wettkämpfe wurden auch noch nicht abgesagt."

50 bis 60 Prozent der Einnahmen

Deutschlands Top-Sprinterin Marie Lisa Kwayie fürchtet, dass Doper in Corona-Zeiten kaum getestet werden.

Deutschlands Top-Sprinterin Marie Lisa Kwayie fürchtet, dass Doper in Corona-Zeiten kaum getestet werden.

Doch auch für sie als Spitzen-Leichtathletin zeichnen sich unmittelbare Folgen ab. Nicht nur im täglichen Leben durch die strenge Kontaktsperre, die sie selbst gegenüber ihrer eigenen Familie einhält. "Also wir Sportler leben ja quasi von den Wettkämpfen. So ist es in der Leichtathletik auf jeden Fall. Und wenn diese Wettkämpfe wegbrechen oder verschoben werden, schlägt das schon finanziell ein", sagt Kwayie, "wir haben das Glück, dass die Deutsche Sporthilfe uns schon ziemlich rechtzeitig versichert hat, dass wir dort auf deren finanzielle Unterstützung zählen können. Aber die Wettkämpfe machen schon zwischen 50 und 60 Prozent der Einnahmen aus."

Doch sie fürchtet auch Nachteile im Wettbewerb, weil die so mühsam aufgebaute Wettbewerbsgleichheit durch strengere Dopingkontrollen in diesen chaotischen Corona-Tagen über den Haufen geworfen wird. Unter den ehrlichen Athleten geht die Furcht vor großangelegtem Sportbetrug umher. Seit der vergangenen Woche sieht sich Deutschlands Nationale Anti-Doping-Agentur außerstande, Dopingkontrollen durchzuführen. In vielen Ländern wird die Abschreckung durch Trainingstests derzeit ebenfalls eingeschränkt oder ganz eingestellt. Potenziellen Betrügern öffnet das Scheunentore statt der üblichen unvermeidbaren Schlupflöcher.

Dopingtester im Corona-Einsatz

Experten mahnen zur Gelassenheit. Sie verweisen auf die Vorkehrungen der internationalen Fahnder, später im sogenannten Biologischen Athletenpass, in dem alle relevanten biochemischen Parameter von Athleten dauerhaft festgehalten werden, die auffälligen Abweichungen aufzuspüren.  "Es gibt da die Möglichkeit des Blutprofils bzw. des Steroidprofils und da kann man auch im Nachhinein noch sehen, ob in diesem Zeitraum etwas getan wurde", sagt derzeit der Chef von Österreichs NADA, Michael Cepic der ARD, und außerdem: "Es muss ja ein Gleichklang sein. Ich muss verbotene Substanzen und Methoden anwenden und gleichzeitig ein hochwertiges Training durchführen. Und bei den meisten Hochleistungssportlern ist ein Weltklassetraining nicht möglich."

Doch die Krise droht auch das System, das Sportlern wie Lisa-Marie Kwayie langfristig zu größerer Chancengleichheit verhelfen soll, nachhaltig zu schwächen. So mahnt der Chef des renommierten Kölner Dopingkontroll-Labors, Mario Thevis: "Die derzeitige Anzahl eingesandter Dopingkontrollproben stellt etwa zehn bis zwanzig Prozent dessen dar, was wir üblicherweise zu dieser Jahreszeit erwarten. Natürlich stellt der enorme Rückgang an Dopingkontrollproben und Analyseaufträgen auch ein enormes wirtschaftliches Problem für das Doping-Kontrolllabor dar und vor allem vor dem Hintergrund, dass eine Kehrtwende dieses Negativtrends nicht abzusehen ist."

Der Österreicher Cepic macht vorerst aus der Not eine Tugend: Auf Kosten seiner NADA lässt er freiwillige Kontrolleure während der andauernden Pandemie einen Staatsauftrag erledigen – sie helfen bei Corona-Tests aus. Doch alle sind sich einig, dass die Nagelprobe für das System erst dann bevorsteht, wenn überall die Rückkehr in den geordneten Betrieb eingeleitet wird.

Die Berlinerin Kwayie zumindest ist sich sicher, dass das Internationale Olympische Komitee – nachdem es schon versäumt hatte, den Sportlern frühzeitig mit einer Verschiebungsentscheidung Sicherheit zu geben – mit dem 2021-Beschluss gerade noch so die Kurve gekriegt hat. In diesem Sommer wäre eine kontrollfreie Phase, ausgerechnet in der intensivsten Vorbereitungszeit, zwangsläufig im Wettkampf aufgefallen, vermutet die Sprinterin. "Ich denke, hätte man die Olympischen Spiele wie vorgesehen stattfinden lassen, hätte man es dort spätestens gemerkt, da es wahrscheinlich untypische Zeiten gegeben hätte."

Stand: 02.04.2020, 10:00

Darstellung: