Noch nicht entschärft - die Doping-Wunderwaffe Xenon

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Anti-Doping-Kampf

Noch nicht entschärft - die Doping-Wunderwaffe Xenon

Von Shea Westhoff und Hajo Seppelt

Wie ist das möglich? Bis heute sind den Antidoping-Behörden bei Sportlern keine merkwürdigen Funde in Bezug auf Xenon aufgefallen. Fünf Jahre nach den Recherchen der ARD-Dopingredaktion, die ein gezieltes Xenon-Programm in Russland offenlegten, ist das Edelgas von der Bildfläche verschwunden. Dabei ist es ausgesprochen wirkungsvoll.

Mit dem Edelgas Xenon gibt es derzeit keine Probleme - so scheint es. "In unserer Datenbank liegen weder atypische Befunde (ATFs) noch positive Tests in Bezug auf Xenon vor", lässt die Welt-Antidoping-Agentur (WADA) auf Anfrage der ARD-Dopingredaktion ausrichten. Diese ging 2014 Hinweisen nach, wonach russische Athleten regelmäßig Xenon zur gezielten Leistungssteigerung inhalierten.

Fünf Jahre später lautet die Anzahl der positiv auf Xenon getesteten Athleten also: null. Das legt zwei Schlussfolgerungen nahe: Entweder widerstehen alle Athleten der Versuchung, ihr Blut durch Xenon mit Sauerstoff zu fluten. Oder die Dopingkontrollen sind unzureichend.

Besserer Schlaf, bessere Erholung

Lange war Xenon hauptsächlich Autotüftlern ein Begriff, weil es als Füllgas für hochwertige Autolampen in die Scheinwerfer gespritzt wird. Berühmtheit erlangte das chemische Element im Jahr 2014, als der britische "Economist" eine brisante Studie des Forschungsinstituts Atom-Med-Zentrum preisgab, welches im Auftrag des russischen Verteidigungsministeriums arbeitete.

Das Schreiben enthielt Richtlinien für die Verabreichung des Gases: Athleten, denen Xenon gemeinsam mit Sauerstoff in einem Verhältnis von 50:50 zugeführt würde, könnten beispielsweise ruhiger schlafen, sich effektiver erholen, außerdem würde der Sauerstoffcocktail Lustlosigkeit bekämpfen. Nervösen Sportlern könne durch eine Dosis unmittelbar vor dem Startschuss geholfen werden.

"Die russische Forschung ist uns um Jahrzehnte voraus"

Ausdrücklich empfahlen die Ministerien für Sport und Verteidigung in Dokumenten den Einsatz von Xenon "mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit der Sportler zu steigern". Es stünde "nicht auf der Verbotsliste" und "wird nicht von der WADA beobachtet". Der ARD-Dopingredaktion lagen Hinweise vor, dass russische Athleten sowohl bei Olympia 2004 in Athen als auch bei den Winterspielen 2006 in Turin versuchten, mit Xenon ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Über die Xenon-Recherche wurden weitere Informationen aus Russland an die ARD herangetragen – unter anderem vom Ehepaar Julija und Witali Stepanow, die später als Whistleblower Hinweise über systematische Dopingpraktiken in ihrem Land weitergeben sollten. Man kann sagen: Die Nachforschungen zu Xenon dienten als Türöffner für die Aufdeckung des staatlichen Dopingsystems in Russland.

Urinproben werden nur selten auf das Edelgas Xenon getestet.

Urinproben werden nur sehr selten auf Xenon getestet. Hinzu kommt: Das Edelgas ist nur rund 48 Stunden nachweisbar.

Nach den Xenon-Veröffentlichungen reagierte die WADA schnell, ließ das Edelgas alsbald "in und außerhalb von Wettkämpfen" verbieten. Grund für die Eile waren unter anderem Erkenntnisse aus Tierexperimenten: Das Edelgas bewirkte die Ausschüttung von Erythropoetin – Epo, ein entscheidendes Hormon im Ausdauersport und ein Dopingklassiker, weil es die Bildung roter Blutkörperchen anregt und so den Sauerstofftransport verbessert, was im Wettkampf den Unterschied ausmachen kann.

Das Potenzial von Xenon scheint enorm. Trotzdem ist nach 2014 niemand durch Xenon-Missbrauch auffällig geworden. Das ist mindestens bemerkenswert: Unmittelbar nach den Enthüllungen übte sich der Direktor des Atom-Med-Zentrums, Igor Roschchin, im ARD-Interview noch in krummer Rechtfertigung: "Sie wissen doch, was Doping ist", sagte er: "Das ist doch dann, wenn Spuren von biochemischen Reaktionen bleiben. Wenn es nicht so ist, wie kann es dann Doping sein?"

Der Anästhesist Christian Stoppe kann dazu klare Ergebnisse liefern. Für ihn und seine Forschungskollegen von der Uniklinik Aachen waren die Xenon-Enthüllungen besonders interessant, weil das seltene Element auch als Narkotikum dient. In Deutschland war es bis 2014 kaum beachtet worden, unter anderem, weil der Kaufpreis für Xenon den für die hierzulande üblichen Narkosemittel um ein Vielfaches übertrifft.

"Wir haben Forschungen betrieben, ob es überhaupt als Dopingmittel verwendbar ist", sagt Stoppe. An gesunden Probanden konnte die Forschungsgruppe in einer klinischen Studie schließlich zwei Dinge nachweisen: Zum einen erhöht die Inhalation von Xenon tatsächlich die Anzahl roter Blutkörperchen und steigert somit die Leistungsfähigkeit. Zum anderen bestätigten die Experimente eine Freisetzung verschiedener Wachstumsstoffe, die zu einer verbesserten Durchblutung führen können. "Die Forschung in Russland ist uns, was Xenon anbetrifft, um Jahrzehnte voraus", sagt Stoppe. Es gebe bereits "erschreckend viel Literatur – allerdings hauptsächlich auf russisch."

Mario Thevis war 2014 federführend in der raschen Entwicklung eines tauglichen Xenon-Tests, er leitet das WADA-akkreditierte Anti-Doping-Labor in Köln. Thevis sagt: "Vor den Enthüllungen hatten wir Xenon als Dopingmittel nicht explizit auf dem Radar." Aber als es darum ging, ein geeignetes Nachweisverfahren zu entwickeln, wendete er eine erprobte Analysetechnik an: Dafür wird ein winziges, luftdicht verschlossenes Behältnis, kleiner als ein Schnapsglas, zur Hälfte befüllt mit dem zu prüfenden Blut oder Urin. Sobald die Flüssigkeit erwärmt wird, können die aufsteigenden Gase in eine Nadel eingezogen und auf Xenon überprüft werden.

Xenon ist 48 Stunden nachweisbar, wirkt aber viel länger

Im Grunde sei das Nachweisverfahren denkbar einfach, jedes Kontrolllabor habe die dafür benötigten Instrumente verfügbar, sagt Thevis. Allerdings: Der Xenon-Nachweis bedeute eben auch ein zusätzliches Testverfahren, das nur auf besonderen Auftrag erfolge.

Kontrolleure müssen also explizit auf Xenon testen. Die Frage ist, ob das regelmäßig geschieht. Dazu kann die WADA keine belastbaren Zahlen liefern, wie sie auf Nachfrage verlauten lässt, da "keine Testzahlenberichte" zu Xenon vorliegen. Die deutsche Anti-Dopingagentur gibt wiederum an, sie habe seit dem Verbot im Jahr 2014 "vereinzelt Proben auf Xenon analysiert". Zudem würden einige Urinproben gelagert, um diese gesammelt auf Xenon zu prüfen. Von gezielten Xenon-Ermittlungen, so scheint es, kann hingegen keine Rede sein.

Ein weiteres Problem ist die Flüchtigkeit des Gases. Es ist lediglich 24 bis 48 Stunden nach Inhalation nachweisbar. Die Wirkung dürfte allerdings sehr viel länger fortdauern – mehrere Tage, vielleicht Wochen. Das gelte sowohl für die Ausdauerfähigkeit als auch für die Muskulatur, welche besser durchblutet wird, sagt Stoppe: "Und wie will man jemandem eine gut durchblutete Muskulatur vorwerfen, geschweige denn diese auf Xenon zurückführen?"  Auch verbesserte psychische Voraussetzungen könne Xenon erzeugen, ohne dass man es je auf das Gas zurückführen könne.

Fest steht: Die Aufmerksamkeit für das Dopingmittel Xenon glich den Eigenschaften des Gases – sie verflüchtigte sich rasch. Denkbar, dass tatsächlich alle Athleten der Versuchung von Xenon widerstehen. Doch dafür wirkt die Gelegenheit fast zu günstig.

Stand: 28.03.2019, 08:17

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