Russland-Sperre: Datenmanipulation weitreichender als bislang bekannt

Mitarbeiter der RUSADA bei der Arbeit im Labor

Doping-Skandal

Russland-Sperre: Datenmanipulation weitreichender als bislang bekannt

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Russland soll die von Dopingermittlern geforderten Labordaten nicht nur manipuliert, sondern auch gezielt Falschinformationen hinzugefügt haben. Der Kronzeuge der Dopinganklage sollte so diskreditiert, einer der russischen Verteidigung geschützt werden.

Es geschieht nicht mehr oft, dass Günter Younger von irgendwelchem kriminellen Handeln noch groß überrascht werden könnte. Er hat für das bayrische Landeskriminalamt im Organisierten Verbrechen, zu Falschgeld oder Internetkriminalität ermittelt, bevor er als oberster Drogenfahnder zu Interpol wechselte. Younger, 52, hatte also viele Facetten erlebt, als er vor drei Jahren als Chefermittler zur Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) wechselte.

Und doch staunte selbst der hartgesottene Kriminalist noch gelegentlich über das, was er seither zum russischen Staatsdoping und zuletzt vor allem über die Versuche von dessen Verschleierung erfuhr. Im Dezember 2018 und in den folgenden Januar-Tagen waren seine Spezialisten nach Moskau gereist, um eine forensische Kopie der Moskauer Labordatenbank zu bekommen.

Das ist weit mehr als ein normales Duplikat der Rechnerdaten. Man muss sich das so vorstellen, dass darüber hinaus deren ganze Evolution mitkopiert wird – soweit das irgendwie möglich ist. Die WADA hatte von einem Whistleblower schon eine Kopie der Datenbank bis 2015 erhalten. Sie hatte also einen Vergleichsmaßstab. Um allerdings Verfahren gegen Sportler juristisch abzusichern, forderten die Anwälte auch die Rohdaten an.

„Schon sehr dreist"

Und obwohl die Russen wussten, dass die WADA die Authentizität prüfen würde und auch, dass erneute Sanktionen anstehen, sollte in den Daten herumgepfuscht oder gelöscht worden sein, ließen sie es darauf ankommen. Dass sie allerdings noch, während die WADA-Delegation zum Sichern der Datenbank in Moskau weilte, die Daten manipulierten, empfand Younger dann "als schon sehr dreist".

Mit dem Ergebnis, dass Russland vorige Woche für vier Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen wurde. Youngers Experten haben auch herausgefunden, was da in letzter Minute noch so verschleiert werden sollte: Es galt einen Kronzeugen der Staatsdoping-Anklage zu verunglimpfen und gleichzeitig einem wichtigen Zeugen der russischen Verteidigung einen guten Leumund zu bescheren. Dazu haben die Russen Nachrichten aus einem internen Laborforum gelöscht, neue erfunden, alte verändert oder anderen Absendern zugeordnet.

"Einer der Laborexperten war ein Kronzeuge oder ein wichtiger Zeuge für die IOC-Verfahren. Jedoch konnten wir feststellen, dass in diesen Forum-Messages einige von seinen Mails gelöscht wurden", sagt Younger, "die konnten wir alle wiederherstellen. Und auch modifiziert wurden, wo er involviert war. Die konnten wir auch wiederherstellen."

Am Probenschwindel beteiligt

Grigori Rodtschenkow

Früherer Leiter des Moskauer Kontrolllabors: Der Doping-Kronzeuge Grigori Rodtschenkow

Es war der frühere Laborleiter Grigori Rodtschenkow, den die Russen diffamieren wollten, um seine Glaubwürdigkeit vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS zu erschüttern. Und die Schandtaten seines einstigen Untergebenen Evgeny Kudryavtsev, zwischen 2012 und 2017 zuständig für Eingang und Lagerung der Proben im Labor, wollten sie eilig verschwinden lassen.

Beide waren in für die Russen wichtigen Verfahren aufgetreten. Dabei hatte der CAS vergangenes Jahr 39 Athleten, die vom Internationalen Olympischen Komitee gesperrt worden waren, ganz oder teilweise freigesprochen. 39 hochkarätige Athleten aus sechs Sportarten, darunter fünf Olympiasieger wie der 50-Kilometer-Skilanglauf Goldgewinner von Sotschi 2014, Alexander Legkov, und neun Weltmeister.

Aus den wieder hergestellten Nachrichten geht hervor, dass Kudryavtsev am Probenschwindel selbst beteiligt war, es also um seine Glaubwürdigkeit als Zeuge nicht sehr gut bestellt ist. So fand sich etwa die gelöschte Nachricht: "Oleg, bist du sicher, dass das alles ist? Ist das abgesehen von den 21 ausgetauschten Proben, oder ist es absolut alles, was entfernt werden musste? Ich war vor 2 Stunden mit Tim zusammen und er sagte mir, dass viel mehr geändert werden muss."

Doping-Skandal: Russland wollte Kronzeugen diskreditieren Mittagsmagazin 18.12.2019 02:23 Min. Verfügbar bis 18.12.2020 Das Erste

"Cover-ups im Labor"

Vor dem CAS mühte sich, Kudryavtsev in einer Zeugenaussage per Skype seinen ehemaligen Chef Rodtschenkow als korrupt, unzuverlässig und Lügner darzustellen. So findet sich etwa im Legkov-Urteil des CAS, Aktenzeichen 2017/A/5379, das Kudryavtsev-Zitat, Rodtschenkow sei "oft betrunken" gewesen. Er habe regelmäßig Alkohol getrunken und Drogen genommen, und sei bereit gewesen, "absolut alles für den finanziellen Gewinn zu tun". Ohnehin sei Rodtschenkows Geschichte vom Austausch von potenziell positiven gegen saubere Urinproben im Dopingkontrolllabor von Sotschi 2014 nur "ein Märchen".

Jonathan Taylor, der britische Rechtsanwalt, der die Unabhängige Prüfkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur zu Russlands Staatsdoping geleitet hat, sagte: "Die Ermittler wählten die Formulierung ‚atemberaubender Schwindel‘. Die Prüfkommission stimmt dem zu. Ich denke insbesondere daran, wie sie gefälschte Beweise in die Datenbank geschleust haben. Und dann haben sie uns auf die eigens hingewiesen. So wollten sie verstärkt suggerieren, alles sei nur Rodtschenkows Schuld. Das ist ziemlich dramatisch."

Der Kriminalist Younger hofft nun, dass seine Erkenntnisse zu einer Wiederaufnahme der Verfahren gegen ganz oder teilweise freigesprochene Athleten führen – auch wenn die Möglichkeit juristisch umstritten ist und der CAS in seinem Urteil zuvorderst auf den individuellen Nachweis deren Dopings und ihrer Schuld abgestellt hat. "Wir werden jetzt in einem Bericht das IOC verständigen und sagen, dass dieser wichtige Zeuge eben involviert war in Cover-ups im Labor", sagte Younger der ARD-Dopingredaktion, „ich denke, sobald wieder neue Beweismittel vorgebracht werden, kann man einen Fall durchaus wieder neu eröffnen."

Stand: 18.12.2019, 15:28

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