Auch Auffälligkeiten bei Österreichs Alpinskifahrern?

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Auch Auffälligkeiten bei Österreichs Alpinskifahrern?

Von Hajo Seppelt (Potsdam) und Jörg Winterfeldt (Innsbruck)

Vor dem Innsbrucker Landesgericht muss seit Mittwoch erneut die Klage des Verbandes gegen den früheren Skilangläufer und Doper Johannes Dürr verhandelt werden. Neue Zeugen steuern interessante Erkenntnisse bei. Österreichs glamouröse Alpin-Skifahrer geraten womöglich in den Sog des Langlaufskandals.

Die ersten Signale waren schon vor der erneuten Gerichtsverhandlung sichtbar: Es wird ernst im Innsbrucker Landesgericht. Die klagende Partei hatte größtmögliche Prominenz aufgefahren, um einen kleinen, aufmüpfigen früheren Skilangläufer endlich rechtlich in seine Schranken zu weisen. Der Mann, den die eigene Anwältin zuweilen devot als "den Herren Präsidenten" tituliert, war gekommen, um zu tun, was er schon sein ganzes erfolgreiches Leben am liebsten getan hat: die Dinge endgültig zu erledigen. Peter Schröcksnadel, der mächtige Anführer des Österreichischen Skiverbandes.

Es geht darum, dem früheren Skilangläufer und Doper Johannes Dürr endlich ein für allemal den Mund so verbieten zu lassen, dass der seine bösen Wertungen über Österreichs Skiverband nie wieder öffentlich äußern darf: Dürr ist aufgrund der ausgiebigen eigenen Erfahrungen der Meinung, der Skiverband propagiere zwar nach außen, dass er Doping aufs Schärfste bekämpfe, richte aber gleichzeitig seine Strukturen ausschließlich auf Erfolg aus. Dass Erfolg etwa im Skilanglaufsport auch durch Doping zustande gekommen sei, habe der Verband geduldet, so lange nichts herauskommt, so sieht es Dürr.

Und er hat das sinngemäß auch öffentlich so gesagt, was ihm ein Gerichtsverfahren eingebracht hat, das er in der sehr österreichisch geführten ersten Instanz verloren, dann aber durch zwei weitere, zuletzt vor der höchsten Instanz des Landes, soweit gewonnen hat, dass nun ausgerechnet das Erstgericht erneut zuständig ist: jener Richter am Landesgericht Innsbruck, der im Ursprungsverfahren bei Zuhörern den Eindruck einer verheerenden Mischung hinterlassen hatte: totale Ahnungslosigkeit vom Thema und mangelhaftes Interesse am Streitkern.

Internist mit Beweismaterial

Dem Juristen ist nun aufgetragen, gefälligst in der Sache zu prüfen, ob Dürr objektiv ausreichende Anhaltspunkte für seine Behauptung haben konnte, sodass der Österreichische Skiverband hinnehmen muss, dass Dürr seine Meinung weiter öffentlich vertreten darf. Dazu gab es am Mittwoch (01.07.2020) wieder eine Verhandlung, die der ungeduldig wirkende Richter trotz aller Bemühung um Tempo nach einigen mehr oder weniger aufschlussreichen Zeugenaussagen letztlich doch wieder vertagen musste, weil weitere Anträge gestellt sind, und er wahrscheinlich nicht erneut die Rüge kassieren will, keine wesentlichen Aufklärungsversuche unternommen zu haben.

Den Verband in Not brachte vor allem ein Zeuge: Martin Cappy, ein Internist, der ab 2006 für ein gutes Jahr die Alpinskifahrer des ÖSV mitbetreut hat. Beispielhaft zeigt er auch unfreiwillig auf, warum es vor Gericht so schwerfällt, Dürrs Legitimation für seine geäußerte Meinung nachzuweisen. Mal kommen Zeugen wie Cappy so umständlich auf den Punkt, dass die Essenz ihrer Aussage zu verschwimmen droht. Mal drohen Malheure den Kern von Informationen zu überschatten: So verplauderte sich Cappy, er habe von der beklagten Partei den Schriftsatz der klagenden Partei vorab erhalten. Er wollte damit erklären, dass er sich dementsprechend gut vorbereiten konnte. So gut, dass er 90 Prozent der über ein Jahrzehnt alten Vorgänge nun wieder auch in Details vor Augen und gar die nötigen Aktenbelege dabei habe.

Im Müll gefunden

Cappy berichtet, er habe am Olympiastützpunkt in Obertauern während seiner Tätigkeit Unterlagen im Müll gefunden. Aus ihnen sei hervorgegangen, dass von Spitzenathleten 2001 medizinische Werte zusammengetragen worden seien, deren Erhebung routinemäßig normalerweise nicht üblich sei. Aus den Parametern habe sich bei ihm vor allem bei einem Athleten ein eindeutiger Verdacht auf Doping mit Wachstumshormon ergeben. Er sei mit der Information zum Präsidenten Schröcksnadel gegangen, der habe sich allerdings beim Vorbringen sofort die Ohren zugehalten, sei aus dem Raum gerannt und habe ihn, Cappy, mit dem Leiter der Sportmedizin des Verbandes, Ernst Raas, allein zurückgelassen. Mit inzwischen 95 Jahren wird Raas noch heute vom ÖSV in der verantwortlichen Funktion aufgeführt.

Schröcksnadel bestritt die Darstellung Cappys. Er habe den Vorgang seinem Alpinchef Hans Pum weitergeleitet, habe aber nie Antwort bekommen, "also gab es keinen Handlungsbedarf". Sein Verband wollte die Glaubwürdigkeit des Zeugen Cappy erschüttern, indem er ein Kündigungsschreiben und eine Saison-Bewertung vom damaligen Rennsportleiter Toni Giger anführte, der festgehalten hatte, Cappy sei unzuverlässig und ein Fehlgriff gewesen. Allerdings musste der Generalsekretär Leistner etwas kleinlaut einräumen, dass Cappy trotz der Kündigung zum Dezember 2006 noch einige Monate auf Honorarbasis weiterbeschäftigt worden war. Auch wandte der Verband ein, Cappy habe das Material gar nicht aus dem Müll mitnehmen dürfen, aber der Richter ließ sich sowieso nichts davon zeigen oder gar zu den Akten nehmen. Cappy will die Information auch an Österreichs Anti-Doping-Agentur weitergereicht haben.

Auch Franz Gattermann sagte als Zeuge aus, er habe in seinem Jahr als Cheftrainer der ÖSV-Langläufer nach dem Dopingskandal bei den Olympischen Spielen in Turin nicht den Eindruck gehabt, dass der Verband willens gewesen sei, die alten Strukturen nachdrücklich zu beseitigen. Gattermann, inzwischen pensioniert, wirkte vorsichtig, als wolle er auf keinen Fall mit einer deutlichen Formulierung wie der bei Dürr angegriffenen ein Risiko eingehen. So wirkte es, als vermeide er in dem Zusammenhang, den umstrittenen Langlaufspartenchef Markus Gandler persönlich zu nennen.

Stand: 02.07.2020, 15:12

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