Anti-Doping-Gesetz: Kronzeugenregelung rückt näher

Deutscher Olympia-Athlet Kunde des Erfurter Doping-Netzes Mittagsmagazin 25.03.2019 03:07 Min. Verfügbar bis 25.03.2020 Das Erste

Operation Aderlass

Anti-Doping-Gesetz: Kronzeugenregelung rückt näher

Von Jörg Mebus, Grit Hartmann und Hajo Seppelt

Die Erfolge der Ermittler in der Erfurter Blutdopingaffäre haben eine erneute Diskussion über die Implementierung der Kronzeugenregelung im Anti-Doping-Gesetz angefacht. Aus der Politik melden sich immer mehr Befürworter einer Ergänzung des Gesetzes.

Die Wucht der Erfurter Blutdoping-Affäre hinterließ auch bei Katarina Barley Eindruck. Keine drei Wochen, nachdem aus ihrem Ministerium kritische Töne zur Erweiterung des Anti-Doping-Gesetzes um eine Kronzeugenregelung für Athleten gekommen waren, zeigte sich die Bundesjustizministerin plötzlich offen gegenüber neuen Anreizen für geständige Doper im Strafrecht. Der politische Druck, den vor allem die Ermittlungserfolge in der "Operation Aderlass" entfachten, war offensichtlich zu groß.

Wenn man feststellen sollte, sagte Barley der ARD-Dopingredaktion, dass die aktuelle Fassung des Anti-Doping-Gesetzes nicht ausreiche, "vor allem, wenn uns das Ermittler selbst rückmelden, dann werden wir natürlich auch Gesetzesänderungen ernsthaft prüfen." 

Forderung nach schnellem Handeln

Auch das Bundesinnenministerium erhöht den Druck. "Ich bin der festen Überzeugung, das kann, wenn man will, sehr schnell gehen. Wir müssen auch nicht die an sich ja fürs kommende Jahr vorgesehene Evaluierung des Anti-Doping-Gesetzes abwarten", sagte Stephan Mayer (CSU), der für den Sport zuständige Parlamentarische Staatssekretär im BMI, dem ARD-Mittagsmagazin. "Mit gutem Willen bei allen Beteiligten" könne noch im Laufe dieses Jahres die Ergänzung des Gesetzes erfolgen. Dagmar Freitag (SPD), die Vorsitzende des Sportausschusses, sieht sich als "starke Verfechterin" dieser Lösung und der Kronzeugenregelung: "Die wollte ich eigentlich 2015 schon."

Nach Dopingskandal: Ermittler werben für Kronzeugenregelung

Einigkeit: CSU-Justizminister Georg Eisenreich und die Ermittler im Dopingskandal werben für eine Kronzeugenregelung für Athleten.

Vor dreieinhalb Jahren ist das Anti-Doping-Gesetz eingeführt worden - ohne Kronzeugenregelung für Athleten. Diese hielt die Bundesregierung nicht für erforderlich, da das Strafgesetzbuch bereits eine solche Regelung im Falle der organisierten Kriminalität vorsehe, was auch bei Dopingfällen gelten könne. Das Problem: Der mögliche Straferlass winkt damit momentan nur den Drahtziehern, Hintermännern und dicken Fischen, nicht aber dem dopenden Athleten am Ende der Doping-Kette.

Das soll sich nun ändern, aus Bayern sind derlei Forderungen besonders vehement zu vernehmen. Am vergangenen Mittwoch während einer Pressekonferenz machte Justizminister Georg Eisenreich (CSU) aus der Präsentation der jüngsten Fakten zu den Ermittlungen rund um die Erfurter Blutdoping-Zelle auch eine Werbeveranstaltung für die Kronzeugenregelung. Ohnehin, so betonte auch Hans Kornprobst, der Leiter der Münchner Staatsanwaltschaft I, bedürfe es "zwingend einer Strafverfolgung, um Doping in den Griff zu bekommen". Der Sport allein schaffe dies nicht. Neben ihm nickte Eisenreich zustimmend.

DOSB zurückhaltend

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte unter dem Präsidenten Thomas Bach (bis 2013) und auch unter dessen Nachfolger Alfons Hörmann schon die Einführung eines schlagkräftigen Anti-Doping-Gesetzes stets kritisch gesehen. Man fürchtete um Einfluss und Autonomie - und zog schließlich gegen die Politik den Kürzeren. Nun, in der Diskussion um eine mögliche Änderung des Gesetzes, ist der DOSB eher stiller Begleiter.

SPD-Politikerin Freitag sieht die Rolle des organisierten Sports denn auch kritisch. "Wie erwartet" sei auch jetzt, in der Frage der Kronzeugenregelung, vom DOSB "noch nichts zu hören".

Noch mehr deutsche Erfurt-Kunden?

Angesichts der Tatsache, dass nun auch ein erster deutscher Sportler - nach Informationen der ARD-Dopingredaktion handelt es sich um einen Olympiateilnehmer aus dem Eisschnelllauf - ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten ist, wirkt auch eine Aussage von Hörmann, die er kurz nach der Razzia am Rande der Nordischen Ski-WM getätigt hatte, zumindest unbedarft. Auf die Frage, ob auch deutsche Athleten Kunden in Erfurt gewesen sein könnten, hatte er geantwortet: "Nach allem, was mir bis zum jetzigen Zeitpunkt vorliegt, bin ich da in großer Gelassenheit unterwegs und sage: Ich kann's mir nicht vorstellen."

Vorstellbar ist nach den jüngsten Ausführungen der Staatsanwaltschaft München eher, dass der Fall Erfurt und die "Operation Aderlass" noch sehr viel mehr Betroffene hervorbringen wird als die bisher bekannten 21 Eigenblut-Doper, die vom mutmaßlichen Drahtzieher Mark Schmidt und dessen vier Helfern versorgt wurden. Auch wird es nach Informationen der ARD-Dopingredaktion nicht bei nur einem betroffenen Athleten aus Deutschland bleiben.

"Schönes, rundes Gesamtbild"

Der leitende Oberstaatsanwalt Kai Gräber und seine Ermittler wühlen sich derzeit durch eine Flut von Beweismitteln. "Es gibt natürlich die Blutbeutel", sagte Gräber der ARD, "es gibt Telefone, die wir auswerten müssen, PCs, Computer, schriftliche Unterlagen". Das werde noch Zeit in Anspruch nehmen, ergänzte er, am Ende aber ein "schönes, rundes Gesamtbild geben".

Stand: 25.03.2019, 12:14

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