Warum Ermittler bei Sportbetrug auf Granit beißen

Vorbereitung einer EPO-Injektion

Nach Dopingbeichte im Langlauf

Warum Ermittler bei Sportbetrug auf Granit beißen

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause und Jörg Winterfeldt

Deutsche Strafermittler beklagen die völlige Abschottung des Spitzensports. Zeugen wie den Blutdoper Johannes Dürr finden sie fast nie. Sie fordern eine Nachbesserung des Gesetzes.

Seit der Ausstrahlung des Films "Die Gier nach Gold" in der ARD kam vielerorts hektische Betriebsamkeit auf. Der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr hat mit seiner ausführlichen Dopingbeichte einige strafrechtliche relevante Vorgänge öffentlich gemacht. In München teilte die Staatsanwaltschaft binnen eines Tages mit, dass sie Ermittlungen eingeleitet habe. "Wir haben zum ersten Mal durch Angaben eines Sportlers Kenntnis bekommen, dass auf deutschem Boden Blutdopingpraktiken stattgefunden haben sollen", sagte der Leiter der Schwerpunktstaatsanwalt Doping, Kai Gräber, der ARD-Dopingredaktion, "insofern sind die Informationen schon sehr bedeutsam für uns."

Die strafrechtliche Aufarbeitung von Doping im Spitzensport hat sich bislang als kompliziert erwiesen. Seit 2009 ist die Staatsanwaltschaft München I schwerpunktmäßig für Doping-Straftaten zuständig. Sie musste zunächst auf der Grundlage des Arzneimittelgesetzes tätig werden. Seit Dezember 2015, also erst nach den von Dürr für 2013/2014 eingeräumten Handlungen, hat sie weitreichendere Möglichkeiten durch die Einführung des Antidopinggesetzes an die Hand bekommen. Und trotzdem spielt sich der Löwenanteil ihrer Tätigkeit nicht auf dem Feld des telegenen Spitzensports ab: Von den etwa 7.000 Verfahren seither entfallen allenfalls fünf Prozent nicht auf den Bereich der Kraftsportszene wie etwa Bodybuilding.

Das liegt auch daran, dass Doper wie Johannes Dürr, der detailliert in der ARD seine pharmazeutische Karriere beschrieben hat, selten sind. "Uns, den Strafverfolgungsbehörden, gegenüber ist das Milieu des Spitzensports völlig verschlossen. Da kommt gar nichts. Das ist völlig abgeschottet. Nach außen wird über diese Praktiken nicht geredet", sagte Ermittler Gräber, "ich kann nur mutmaßen, weil ich nicht in die Sportler hineinschauen kann, dass Sportler hier befürchten, durch Angaben als Nestbeschmutzer zu gelten und dann die eigene Karriere, die ja auch nur ganz kurz ist, zu beenden oder im Umkreis - Mitsportler, Freunde,Betreuer - dann geächtet zu werden. Das ist eine nur natürliche Hemmschwelle, da Fakten preiszugeben."

Dürr war sich der Risiken bewusst

Staatsanwaltschaft München Kai Gräbner

Staatsanwalt Kai Gräbner: "Erstmals spricht ein Sportler über Blutdoping in Deutschland"

Gräber beklagt zudem strafprozessuale Gegebenheiten, die eine größere Aufgeschlossenheit der Top-Athleten verhinderten. "Wir können den Sportlern nichts bieten für etwaige Angaben", sagt er, "sie werden nach Sportgerichtsbarkeit gesperrt, und wir müssen gegebenenfalls dann auch Strafverfolgungsmaßnahmen einleiten, so dass auch mangels Kronzeugenregelung kein Anreiz besteht. Da finde ich, dass es den Strafverfolgungsbehörden die Arbeit erleichtern könnte, wenn Sportler wüssten, dass eine Kronzeugenregelung auch für sie existiert. Und nicht nur für die Händler, also für die, die die größere kriminelle Energie an den Tag legen, oder Ärzte, die das gewerbsmäßig abgeben."

Auch Dürr hat erst allmählich Mut fassen müssen, sich nach Ablauf seiner zweijährigen Sperre öffentlich umfassend zu äußern. "Mir war, bevor ich dieses Projekt in Angriff genommen habe, bewusst", sagte er der ARD-Dopingredaktion am Rande seines Trainings in Seefeld am Sonnabend, "dass es auch ein hohes Risiko ist, so offen zu sprechen."

Dürr war daran gelegen, Aufklärungsarbeit zu leisten, bei der Prävention zu helfen, um andere vor seinen Fehlern zu schützen. Er wollte nicht seine Helfer ans Messer liefern, weil er sich ihnen eher freundschaftlich verbunden fühle, obwohl er für seine Eigenblutbehandlungen 5.000 Euro Honorar plus die Beteiligung an etwaigen Siegprämien vereinbarte habe. "Das war für mich eine Familie, die Langlauf-Familie", sagte Dürr, "das war wirklich nicht so, dass ich gesagt habe, die muss ich da mit reinziehen - ich hab' ja auch keinen Grund dazu gesehen, Leben auch noch mit zu zerstören."

Kehrseite der Medaille

Für seine Hintermänner droht es heikel zu werden nach den Fernsehaussagen. Für die Staatsanwaltschaft München gilt er als Zeuge, nicht als Beschuldigter. "Strafbar gemacht haben könnte sich die uns nicht bekannte Person, die dem Sportler das Blutplasma entnommen und wieder zugeführt hat", sagt Gräber, "das war auch damals ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, indem verbotene Methoden bei anderen angewendet wurden." Sollten die Handlungen durch Honorare gewerbsmäßig erfolgt sein, wäre die Straftat mit einer Mindeststrafe von einem Jahr bis zehn Jahre Freiheitstrafe zu ahnden.

Langläufer Johannes Dürr macht reinen Tisch

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Der Ermittler verweist zur Erklärung auch auf die medizinische Komponente des Blutdopings und die dabei dem betroffenen Sportler zugemuteten Risiken. Obwohl sich der Athlet nach der inzwischen geltenden Rechtslage heute mit Blutdoping auch selbst strafbar machen würde, ergibt sich durch die Risiken eine Schutzbedürftigkeit: "Laienhaft erklärt sind durch die Entnahme und Zufuhr von Eigenblut die Anzahl der roten Blutkörperchen vermehrt, um einen verbesserten Sauerstofftransport zu erzielen", sagt Gräber, "Kehrseite der Medaille ist, dass sich dadurch die Fließgeschwindigkeit des Blutes verringert und dadurch die Gefahr von Thrombosen oder Blutgerinnseln erhöht, die dann zu Schlaganfällen oder Herzinfarkten führen können. Darüber hinaus sind Lagerungsvorschriften ganz strikt einzuhalten: Zwischen 30 und 40 Tagen ist das Blutplasma nur haltbar und muss bei drei bis acht Grad gekühlt gelagert werden. So dass eine Abweichung von den Regularien die Gesundheitsgefahr für den Sportler nochmal erhöht."

In Ermangelung einer Kronzeugenregelung hofft der Münchner Staatsanwalt, Spitzenathleten dennoch grundsätzlich ermuntern zu können, dem Beispiel Dürrs zu folgen und zu beichten. "Ich kann nur ein Signal senden, dass es uns gibt und dass es schön wäre, wenn bei einem Bedürfnis, über solche Dopingpraktiken zu sprechen, nicht mal der Besuch bei der Staatsanwaltschaft angedacht werden kann", sagt Gräber, "dann könnte man sich durchaus inoffiziell kennenlernen. Wir würden dann gern darüber informieren, welche Möglichkeiten wir jetzt schon haben, um Zeugen, die sich uns offenbaren, gegebenenfalls aus dem Verfahren rauszuhalten, vertraulich zu behandeln, und dann vielleicht den Impuls zu setzen, dass da Angaben gemacht werden."

Stand: 21.01.2019, 11:08

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