Staatsanwalt: "Sehr bedeutsame Informationen"

Staatsanwaltschaft München Kai Gräbner

Blutdoping in Deutschland

Staatsanwalt: "Sehr bedeutsame Informationen"

Von Hajo Seppelt, Sebastian Krause, Wolfgang Bausch und Jörg Winterfeldt

Nach dem Aufsehen erregenden Doping-Geständnis des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Die juristische Aufarbeitung erweist sich als heikel.

Gewissermaßen beiläufig ist das Abschlussrennen der Olympischen Spiele in Sotschi wieder in Erinnerung geraten. Im 50-Kilometer-Langlauf der Männer wollte der Österreicher Johannes Dürr 2014 seinen Traum von Gold wahr machen. Er glaubte daran so heftig, dass er nach eigener Darstellung sogar den mächtigen Chef seines Skiverbandes überredete, die Heimreise einen Tag zu verzögern, um der Siegzeremonie beizuwohnen. In der Nacht vorher wurde Dürr über eine positive Dopingprobe informiert und gesperrt. Im ARD-Film „Die Gier nach Gold“ schilderte Dürr nun seinen Weg in die Dopingfalle.

Am Tag nach der Ausstrahlung teilte das Internationale Olympische Komitee mit, dass es gegen den Sieger des Rennens, den Russen Alexander Legkov vor dem Schweizer Bundesgericht unterlegen ist. Es hatte Legkov, der das Rennen vor zwei Landsleuten gewonnen hatte, wegen Verstrickung in das russische Staatsdoping disqualifiziert und lebenslang gesperrt. Mit 27 weiteren, ähnlich sanktionierten Athleten war Legkov dagegen vor dem Weltschiedsgericht für Sport, CAS, erfolgreich vorgegangen. „Um die Rechte sauberer Athleten zu schützen“, hatte das IOC wiederum versucht, die CAS-Entscheidung vom Schweizer Bundesgericht kippen zu lassen. Vergeblich.

Alexander Legkow mit Goldemaille in Sotschi 2014

Trotz erdrückender Beweislage darf der russische Langläufer Alexander Legkow seine Sotschi-Goldmedaille behalten

Legkov darf sich also weiter Olympiasieger jenes Rennens nennen, an dem Dürr wegen einer positiven Dopingprobe auf Epo nicht teilnehmen durfte. Endgültig sicher darf sich Legkov aber offenbar nicht einmal nach Ausschöpfen des juristischen Instanzenwegs wähnen. „Das IOC“, teilt das Komitee mit, „behält sich das Recht vor, diese Fälle wieder aufzurollen, sollten neue Beweise auftauchen.“ Vor einigen Tagen nämlich meldete die Welt-Anti-Doping-Agentur, mit Verspätung habe sie in Moskau die ausführlichen Rohdaten zum russischen Staatsdoping aus dem dortigen Labor enthalten. Nun läuft die Prüfung, ob die Daten manipuliert wurden. Experten erhoffen sich die Überführung mehrerer hundert Dopingsünder.

Zeuge statt Beschuldigter

In Deutschland und Österreich, den Ländern, in denen Dürr zugegeben hat, Doping betrieben zu haben, laufen derweil die Ermittlungen nach den Hintermännern der von ihm geschilderten Betrugshandlungen. Die Staatsanwaltschaft München I hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Zudem ist bei ihr eine Anzeige gegen Unbekannt von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) eingegangen. „Wir haben zum ersten Mal durch Angaben eines Sportlers Kenntnis bekommen, dass auf deutschem Boden Blutdopingpraktiken stattgefunden haben sollen“, sagt Kai Gräber, Leiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping, „insofern sind die Informationen schon sehr bedeutsam für uns.“

Die Ermittler stehen unter Druck: Verjährungsfristen, wohl fünf Jahre, drohen als strafprozessuales Hindernis. Zudem hatte Dürr zu den Helfern keine Angaben gemacht. „Ich nenne die Hintermänner aus vielerlei Gründen nicht“, sagte er der ARD-Dopingredaktion, „weil es am grundlegenden System nichts ändert: Der Bedarf ist viel zu groß. Wenn zwei, drei Leute aus dem Verkehr gezogen werden, kommen die nächsten einfach nach. Das hat ja die Vergangenheit schon mehrfach bewiesen, dass da was Größeres dahintersteht.“

Da er sich allerdings nach den zum Zeitpunkt der eingeräumten Handlungen geltenden Vorschriften des Arzneimittelgesetzes nicht selbst strafbar gemacht haben kann, behandeln ihn die Ermittler als Zeugen. In der Rolle dürfte Dürr die Aussage zu seinen Hintermännern nur dann verweigern, wenn er sich sonst anderweitig selbst zu belasten droht. Er ist auf weitere Aussagen vorbereitet: „Das ist jetzt keine große Überraschung, dass da die NADA oder Ermittlungen im Raum stehen. Das ist natürlich ihre Aufgabe. Die müssen jetzt quasi herausfinden, wer da noch dahintersteht. Ich hab‘ meinen Beitrag dazu geleistet, und den werd‘ ich auch weiterhin leisten.“

„Das Milieu ist völlig abgeschottet“

Fälle aus dem Spitzensport bearbeiten die Münchner Ermittler selten. „Uns, den Strafverfolgungsbehörden, gegenüber ist das Milieu des Spitzensports völlig verschlossen. Da kommt gar nichts“, sagt der Staatsanwalt Kai Gräber, „das ist völlig abgeschottet. Nach außen wird über diese Praktiken nicht geredet.“

Dürr sagt, er habe in erster Linie mit seiner öffentlichen Beichte eine präventive Wirkung im Sinn gehabt: „Es soll ja in eine ganz andere Richtung gehen, und zwar dass man junge Athleten sensibilisiert, wie schmal dieser Grat in Wirklichkeit wird. Wenn man dafür sensibilisiert ist, ist es auch einfach, sich dagegen zu entscheiden.“

Bei Dreharbeiten neulich in Sotschi war Dürr frustriert zurückgeblieben: Am Ort seiner großen Schmach begutachtete er auf dem Olympiagelände die Wand der Champions. Der überführte Betrüger las da die Plakette der drei russischen Sieger seines 50-Kilometer-Rennens. Dürr hadert mit dem russischen Staatsdoping. „Dann kommt raus, dass die die ganzen Proben ausgetauscht haben“, sagte er, „da kommt man sich schon ein bisschen sehr verarscht vor.”

Stand: 20.01.2019, 16:15

Darstellung: