Kommentar - Die große Heuchelei

Vorbereitung einer EPO-Injektion

Doping

Kommentar - Die große Heuchelei

Von Jörg Winterfeldt

Erfolgreiche Spitzensportler werden vom Publikum bejubelt, von den Sportverbänden hofiert, von den Sponsoren stolz präsentiert. Doch wehe, wenn schlimme Wahrheiten über das Zustandekommen ihrer Siege ans Licht kommen. Ein Kommentar.

Die Mechanismen funktionieren fast immer gleich. Das musste auch Johannes Dürr erfahren. Der österreichische Skilangläufer wurde 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi des Dopings überführt. In der am Donnerstag in der ARD ausgestrahlten Dokumentation „Die Gier nach Gold“ schildert er als erster Wintersportler wie er in die Dopingfalle geraten ist und mit welchen Medikamenten und Methoden genau er betrogen hat. Vor allem lässt seine Schilderung die große Heuchelei des Spitzensports offenbar werden:

Erfolgreiche Top-Athleten werden vom Publikum bejubelt, von den Sportverbänden hofiert, von den Sponsoren stolz präsentiert. Doch wehe, wenn schlimme Wahrheiten über das Zustandekommen ihrer Siege ans Licht kommen, wenn ein Idol des Dopings überführt wird. Manchmal kann einem schwindelig werden, so schnell sind die Schulterklopfer dann über alle Berge. Alles gehört zum System Spitzensport: das Idealisieren der Helden wie das Ächten der Betrüger und das Individualisieren des Betrugs.

Vielen Athleten wird erst bewusst wie die Rädchen auch verhängnisvoll ineinander greifen können, wenn es zu spät ist. Wie der Druck, dem sie unterliegen, die Ethik weichen lässt. Wie die Möglichkeiten, die ihnen eröffnet werden, die Grenzen vom Legalen zum Illegalen aufweichen. Wie das System selbst mit seinen Anreizen für Rekorde und Medaillen sie auch zu den Betrügern erzogen hat, die sie dann einmal geworden sind. Wie sie von Profiteuren als austauschbare Masse aufgebaut und fallen gelassen werden – Hauptsache, das Spektakel funktioniert.

Die Scheinheiligkeit des Sport-Business

Sotschi - Hier wollte Duerr siegen

Sotschi: Auf dieser Ruhmestafel wollte Dürr seinen Namen lesen.

Die Geschichte von Johannes Dürr wirft daher auch ein Licht auf die Wirklichkeiten des Spitzensports, die die Funktionäre sonst gern im Dunkeln lassen. Die Kasse klingelt nur, wenn der Schein gewahrt, das Sein versteckt bleibt. Sponsoren- und TV-Lizenz-Millionen fließen nur, wenn das Spektakel ungetrübt bleibt. Es ist die Scheinheiligkeit des Profisports, die Heuchelei seiner Macher, die die Wahrheit kennen oder zumindest erahnen, aber alles dafür tun, sie zu verstecken, um dem Publikum die Illusion zu erhalten und sich selbst den geregelten Gang der Geschäfte.

Auch im Österreicher Johannes Dürr musste die Erkenntnis allmählich reifen, dass der Spitzensport selbst ihn womöglich erst zum Betrüger gemacht hat, zu dem Doper, der bei den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 enttarnt und vom Österreichischen Skiverband umgehend aussortiert und stigmatisiert wurde. Er hat erst in der Rückbetrachtung verstanden wie allmählich seine Karriere auf den pharmazeutischen Schwindel hingeleitet wurde, so dass es irgendwann nur noch einer kleinen Willensleistung bedurfte, nach all den erlaubten Medikamenten über die Jahre auch die verbotenen bereitwillig zu nehmen. Schließlich war ihm eingeimpft worden seit der Jugend dem Sport alles unterzuordnen. Und dem Sieg noch mehr. Und sei es eben die Moral.

Kaum Unrechtsbewusstsein unter Dopern

Natürlich ist Johannes Dürr ein Täter. Darüber darf es kein Missverständnis geben. Aber die Welt des Leistungssports gestattet eben keine Schwarz-Weiß-Zeichnung. Die Wahrheiten sind nicht so einfach wie Sportverbände und Organisationen sie gerne verkaufen. Das erzählt Johannes Dürr eindrucksvoll. Der Spitzensport entlässt eben auch seine Kinder. Betrüger wie Dürr sind sein Produkt. Sie entstehen fast zwangsläufig im Sog der Rekorde und Preisgelder.

Am gravierendsten tritt das zutage, wenn die Betrüger über ihr Unrechtsbewusstsein referieren: Leute wie Johannes Dürr haben keines, was das Doping selbst betrifft. Sie sind der festen Überzeugung, dass in der Weltspitze alle so arbeiten wie sie. Dass sie also niemanden betrügen. Das war schon bei dem gefallenen deutschen Radsporthelden Jan Ullrich und vielen anderen so. Das einzige Unrechtsbewusstsein, dass sie haben, bezieht sich auf die Vertuschung. Die Lüge, mit der sie die Beziehungen in ihrem privaten Umfeld, ihrer Familie vergiftet haben.

Führt das System in die Dopingfalle?

Dass Johannes Dürr auch Opfer des Systems wurde, zeigt nicht nur der Weg in die Dopingfalle. Es lässt sich mindestens genauso gut an der Reaktion der Sportfamilie danach erkennen. Sein Verband erweckt nicht zufällig den Anschein, sich größte Mühe zu geben, ihn erst zu isolieren und dann gar zum Schweigen zu bringen. Dürrs Reflexion seiner Spitzensportgeschichte durch Österreichs Kaderschmieden und Auswahlgruppen kommt den Funktionären offenbar ungelegen. Der Eindruck drängt sich auf, sie fürchteten zuviele Erkenntnisse. Die Erklärung liegt auf der Hand: Gerät die Einzeltätertheorie ins Wanken, reifen in einem Doper zu sehr die Gedanken, da könne ihm ein System über Jahre den Weg bereitet haben, könnte eine Wahrheit ans Licht kommen, die gefährlich ist für Verbandsleute, die allzu oft davon leben, ihre Hände in Unschuld zu waschen.

Den Ruhm im Erfolgsfall absorbieren sie so gern wie sie Schuld negieren, auf schwarze Schafe delegieren. Allein: In der Weltspitze des Profisports, so legen die Erkenntnisse über viele Jahre nahe, drohen die weißen Schafe viel mehr aufzufallen. Sie scheinen in der Unterzahl.

Stand: 16.01.2019, 13:59

Darstellung: