Geheimsache Doping - der betrogene Betrüger

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold - Der Weg in die Dopingfalle

Doping im Langlauf

Geheimsache Doping - der betrogene Betrüger

Von Jörg Winterfeldt, Hajo Seppelt und Wolfgang Bausch

Der überführte Dopingsünder Johannes Dürr berichtet im neuen "Geheimsache Doping"-Film umfassend über seine Betrugsmethoden. Österreichs einstige Langlauf-Medaillenhoffnung hatte für Blutdoping Hilfe aus Deutschland.

Vom ergaunerten Ruhm ist Johannes Dürr nicht viel geblieben. Der Skilangläufer lebt gänzlich unglamourös auf vielleicht 15 Quadratmetern im Zimmer einer WG am Rande der Innsbrucker Innenstadt. Für seinen Sohn Noah hat er ein Hochbett in seinem Zimmer aufgestellt, weil Kinder das cool finden, vor allem aber, weil das Platz spart. Wenn er zum Gespräch in seine Küche lädt, bleibt einer der Mitbewohner mit stoischer Ruhe vor seinem Teller Nudeln und dem Glas Wein sitzen.

 

Es ist aber nichts, was Johannes Dürr, 31, stört. Er ist keiner dieser Blender, die auf dicke Hose machen, kaum dass sie tolle Sportler geworden sind. Dürr stammt aus einem bescheidenen Elternhaus in Niederösterreich. Er ist mit sieben Geschwistern groß geworden. Er hat seine Wurzeln nicht vergessen, er macht sich nichts aus Äußerlichkeiten. „Für mich müssen die Sachen funktionieren und nützlich sein. Wie sie aussehen ist mir relativ egal“, sagt er, „diese Statusdinge geben mir gar nichts, die bringen mir keinen Mehrwert. Ich brauche keine Prada-Brille oder sowas. Das ist mir völlig egal.“

Dass er noch einmal wegen seines Sports für Furore sorgen könnte, hätte Johannes Dürr sich wohl selbst kaum vorstellen können in jenem Februar vor fünf Jahren, der sein Leben so schlagartig wie brutal änderte. Dass er mal nicht wegen seines steilen Aufstiegs bekannt werden würde,  sondern eher dank seines jähen Absturzes. 

Zum Dopen daheim

Johannen Dürr beim Langlauf-Training

Trainiert derzeit für ein Comeback: Österreichs einstige Medaillenhoffnung Johannes Dürr

Am 22. Februar 2014 ließen ihn seine Chefs im Österreichischen Skiverband bei den Winterspielen in Sotschi kurz vor Mitternacht aus dem Bett holen, um kurzen Prozess zu machen: In aller Eile musste Dürr in ein Hotel ausquartiert werden, in dem er auf seinen vorgezogenen Rückflug warten sollte. Eine während eines Trainingslagers daheim in Österreich genommene Dopingprobe hatte Spuren des Ausdauermittels EPO aufgewiesen. Dürr war zwischen seinem ersten Rennen bei den Olympischen Spielen in Sotschi und jenem Abschlusswettbewerb über 50 Kilometer, bei dem er sich Gold erhoffte, zum Üben in der Heimat gewesen. Und zum Dopen.

Das hatte er umgehend zugegeben. Mit Verspätung machte er für die Dreharbeiten zu der ARD-Dokumentation „Die Gier nach Gold“ auch noch reinen Tisch über den Rest seines groß angelegten Betrugs: Anders als nach seiner Enttarnung als Betrüger sagte Johannes Dürr vor der Kamera nun auch noch aus, wie ein aufstrebender Athlet provinzieller Herkunft ein ausgeklügeltes und kaum nachweisbares Dopingsystem mit Eigenbluttransfusionen durch Unterstützung ausländischer Helfer durchführen konnte. 

Langläufer Johannes Dürr macht reinen Tisch

Ausgepackt: In der ARD berichtet Langläufer Dürr ausführlich über sein Doping

Dürr tunte seinen Körper mit dem ganzen Arsenal, das die Hoffnungen auf eine olympische Goldmedaille zu beflügeln geeignet war. Neben EPO nahm er Wachstumshormon, probierte Insulin und ließ sich auch noch das Blut abnehmen, um sich die konzentrierten roten Blutkörperchen daraus vor Wettkämpfen wieder injizieren zu können. Die Masche ist hocheffektiv, um mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportieren zu können. Und sie ist auch so gut wie nicht nachweisbar.

In konspirativer Manier fuhr er dafür mit dem Auto quer durch Deutschland, wo das Blutdoping in den meisten Fällen stattfand. „Da war ich schon immer sehr aufmerksam, ob da irgendwo Polizei ist oder irgendjemand, der einen vielleicht beobachten kann. Man hat sich schon immer oder ich hab mich schon immer irgendwie beobachtet gefühlt“, sagt Dürr, „während der Blutabnahme hat es natürlich auch Momente gegeben, wo ich sehr verunsichert war, weil die Geräte eben sehr sehr laut gearbeitet haben. Ich hab‘ zumindest immer die Angst gehabt, erwischt zu werden. Die Geräte machen ein sehr typisches Geräusch.“

Blutdoping in Deutschland

Dürr ließ sich für insgesamt 5000 Euro in Münchner Hotels am Flughafen oder Innenstadt, in einem Motel auf der Raststätte Irschenberg an der A8 oder auf einem Parkplatz bei seinem Hotel in Oberhof das Blut manipulieren. Im Falle des Erhalts von Siegprämien waren Provisionen für seinen Unterstützer vereinbart. Als das olympische Gold-Hoffnungsrennen näher rückte unmittelbar vor der Rückkehr nach Sotschi gab es die letzte Ladung gar im Ramada-Hotel von Innsbruck. Die Blutpanscherei dort darf getrost als unverfrorenste von allen gelten: Das auffällig schief konstruierte Gebäude steht unmittelbar gegenüber der hellblauen, unscheinbaren Zentrale des mächtigen Österreichischen Skiverbandes.

Dabei macht er nicht den Eindruck eines extrem abgezockten Dopers. „Ich bin prinzipiell ein sehr ehrlicher Mensch. Für mich ist immer Ehrlichkeit die Basis für jede menschliche Beziehung, um auf Augenhöhe miteinander umgehen zu können“, sagt er. Als sein Doping aufgeflogen war und er auf seinen Heimflug in Scham warten musste, habe er mit Selbstmordgedanken gespielt, sagt Dürr. „In dem Moment wäre ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen. Der Gedanke war so was von vordergründig, dass es eigentlich nur im letzten Moment, wo ich sozusagen so runtergeschaut hab über die Brüstung, dass mir Gott sei Dank mein Sohn in Erinnerung gekommen ist.”

Nach seinem Positivtest plagten Langläufer Dürr Selbstmordgedanken

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Wie er trotzdem den Grat zum Verbotenen überschreiten konnte, beschreibt Dürr eindrücklich. Er berichtet vom allmählichen Leistungsaufbau in den Kaderschmieden des Österreichischen Skiverbandes, vom absoluten Leistungsprinzip und rigorosen Aussieben. Und von den begleitenden pharmazeutischen Umständen. Schon im Skigymnasium in Stams: „Jeder hat quasi auf eigene Faust ein bisschen ausprobiert, wo man zu dieser Zeit schon immer ins andere Zimmer geschaut hat: Aha, neue Tablette, was ist das? Interessant, aha, brauche ich das auch?“

Asthma vortäuschen

Unter Obhut des Verbandes arbeitete er sich stetig weiter in jene verhängnisvolle Richtung, bei der Hochleistungssportler sich irgendwann einem Medikamenten-Regime unterwerfen, das sich von einem Schwerkranken höchstens noch in Nuancen unterscheidet. Über Eisen- und Vitaminspritzen und erlaubte Infusionen durch Teamärzte etwa vor einer Junioren-WM kam Dürr dem illegalen Bereich in kaum wahrnehmbaren Abstufungen unweigerlich näher. Der Österreichische Skiverband bestreitet jede aktive Hilfe bei oder Duldung von verbotenen Praktiken.

Beinahe verblüfft, berichtet Dürr aber, habe einmal ein Betreuer sich von ihm berichten lassen, dass er bisher noch nicht beim Lungentest geschummelt hatte und riet dazu, Asthma zu simulieren, um dank medizinischer Ausnahmegenehmigungen, sogenannter TUEs die verbotenen Medikamente nehmen zu dürfen. „Ich hab‘ das schon eben erlebt, dass sehr sehr viele rund um mich diese TUEs und jeder mit einem Asthmaspray umherläuft und vor dem Rennen ist es auch Gang und Gebe, dass das jeder noch schnell aus dem Trinkbeutel sich den Spray herausholt und nochmal zwei-, dreimal kräftig anzieht.“

Training "nicht zu schaffen ohne Doping"

Die Abkehr von seinen eigenen ethischen Maßstäben, fairen Sport zu betreiben, beflügeln zweierlei Erkenntnisse: Unter dem aus Deutschland importierten Bundestrainer Bernd Raupach, der die österreichischen Langläufer nach dem Skandal in Turin 2006 zu neuen Erfolgen führen sollte, setzt sich bei Dürr die Erkenntnis durch, dass für ihn Raupachs hartes Trainingsregime „nicht zu schaffen ist ohne Doping“.

Parallel dazu registriert er wie Konkurrenten, die er früher noch schlagen konnte, ihm plötzlich enteilen. „Mit der Summe an Wissen oder an Erfahrungen ist da schon auch immer die Frustration nach oben gegangen, weil man wirft alles von seinem Leben in eine Waagschale und in letzter Konsequenz ist es eigentlich ja für nichts gut, wenn man den letzten Schritt nicht auch noch macht.“

Zynismen liefert der Spitzensport

Sotschi - Hier wollte Duerr siegen

Sotschi: Auf dieser Ruhmestafel wollte Dürr seinen Namen lesen.

Johannes Dürr empfand es so, dass Verantwortliche in seinem Verband wüssten, welche Mittel es bräuchte, um Medaillen zu holen. Als er sein Gefühl einmal bei einem Vortrag andeutete fuhr der Österreichische Skiverband sofort schweres juristisches Geschütz auf, das Dürr daran hindern sollte, solche Äußerungen zu wiederholen: Der ÖSV erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen seinen Athleten.

Die Zynismen liefert der Spitzensport ohnehin schon von ganz allein und zuverlässig. Dazu zählt, dass im Verlauf von Dürrs zweijähriger Dopingsperre herauskam, dass die Spiele von Sotschi wegen des russischen Staatsdopings vermutlich die schmutzigsten der Geschichte waren. Und das große 50-Kilometer-Rennen gewannen in Dürrs Abwesenheit: drei Russen.

Johannes Dürr hat in den vergangenen Monaten noch einmal hart trainiert. Er träumt davon, durch ein irgendwie geartetes Wunder bei den Heim-Weltmeisterschaften in Seefeld zumindest in der Staffel starten zu dürfen, trotz aller Ächtung durch seinen Verband. Abgesehen davon beobachtet Dürr, der als selbständiger Betriebsprüfer beim Zoll arbeitet, seinen Sport längst mit nüchternem Realismus. „Wahrscheinlich kann man sagen, dass, was man im Fernsehen sieht, zu einem großen Teil Illusion ist. Mit der Wirklichkeit des Lebens hat es nichts zu tun. Also mit dieser Illusion, mit diesem Wunsch das was man alles in den Spitzensport hineinprojiziert, dass das reine Helden, unfehlbare Menschen sind, das ist natürlich illusorisch.“ 

Stand: 16.01.2019, 11:54

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