Danilo Hondos Geständnis - Das komplette Interview

Ex-Radprofi Danilo Hondo aus Cottbus gesteht Doping

Operation Aderlass

Danilo Hondos Geständnis - Das komplette Interview

Der frühere Telekom-Radprofi hat gestanden, 2011 Kunde des Erfurter Dopingarztes Mark Schmidt gewesen zu sein. Das Exklusiv-Interview mit der ARD-Dopingredaktion in voller Länge.

ARD-Dopingredaktion: „Sie haben sich in der Nacht zum Sonntag kurzfristig entschieden, mit der ARD-Dopingredaktion ein interview zu führen. Was ist der Hintergrund?“

Danilo Hondo: „Das ist relativ einfacht. Ich wurde von der Redaktion informiert, dass der Erfurter Dopingarzt Dr. Mark Schmidt mich direkt belastet hat, und da ich mittlerweile als Nationalcoach in der Schweiz tätig bin, mit vielen jungen Fahren zu tun habe und mir in den letzten Jahren wirklich ganz aktiv, präventiv Anti-Doping auf die Fahnen geschrieben habe, war dann relativ klar: Wenn ich in diesen Fall verwickelt bin, muss ich dazu stehen, um das, was ich in den letzten Jahren als nicht mehr aktiver Radprofi getan habe fortführen. Es wäre für mich persönlich unglaubwürdig gewesen, wenn ich abgestritten hätte, dass ich auch Kunde von Herrn Schmidt gewesen wäre.“

Wir ist das genau abgelaufen? In welchen Jahren ist was genau passiert?“

„Ich habe Mark Schmidt gar nie gekannt, obwohl ich im Nachhinein natürlich mitbekommen habe, dass er bereits Teamarzt beim Team Gerolsteiner gewesen war. Er ist dann im Zusammenhang eines Radrennens, ich glaube, es war sogar in Frankfurt, damals auf mich zugekommen. Er war schon vorher immer bei diesen Rennen dabei. Ich habe dann irgendwann beiläufig mitbekommen, dass er Arzt ist. Er war aber zu der Zeit der Freund einer Physiotherapeutin, die damals für die Nationalmannschaft gearbeitet hat. Er ist dann nach dem Rennen mal auf mich zugekommen und hat mich wegen eines möglichen Interesses angesprochen. Er hätte die und die Geschichte zu offerieren.“

„Blutdoping?“

„Blutdoping, genau. Dann war ich natürlich erstmal entsetzt und habe es abgelehnt. Und dann irgendwann später kam er noch mal auf mich zu und hat ein längeres Gespräch mit mir geführt und hat dann schon vehement versucht, Druck auszuüben, dass das schon eine Geschichte ist, die Sinn macht, die doch sehr weit verbreitet ist, dass mir klar sein müsse, dass alle Sportler, wenn ihnen die Möglichkeiten offenstehen, das praktizieren. Er hätte da ganz viele Informationen. Auch als Arzt könne ich ihm da hundertprozentig vertrauen. Dann habe ich noch mal überlegt. Und ich muss wirklich zugeben: Aufgrund meines Dopingfalles viele Jahre vorher war ich extrem gebrandmarkt. Mir war eigentlich immer klar, dass ich das nicht wollte. Das Kuriose ist auch, dass der erste Dopingfall wirklich kein von mir persönlich verschuldeter und bewusster Dopingfall gewesen ist.“

„Das war 2005, wir sprechen von Carphedon. Aber erst mal: Wann genau haben die Maßnahmen stattgefunden, wie ist es weitergegangen?“

„Irgendwann später ist Mark Schmidt dann noch mal auf mich zugekommen…“

„Wo war das?“

„Das weiß ich nicht mehr genau, wann oder wo das war, das liegt mittlerweile auch schon lange zurück.“

„Wir sprechen von 2011, 2012, soweit ich weiß…“

„Genau, es ging um 2011. Dann muss ich sagen, und das ist mir auch die ganze Nacht durch den Kopf gegangen, hatte ich diesen schwachen Moment. Ich hatte diesen schwachen Moment. Und es war nach diesen Gesprächen dann auch fast diese Neugier, was passiert da? Was ist Blutdoping? Was bewirkt das? Und dadurch, dass ich viele Jahre raus war, kein Geld verdient hatte und eben diese Überzeugung von Herrn Schmidt, dass es eigentlich fast alle Athleten praktizieren – das hat mich dann so überzeugt. Und es gab natürlich ja viele Fälle wie beispielsweise den Fuentes-Fall, wo man doch davon gehört hat, wie viele Athleten das praktizieren. Dann habe ich schlussendlich leider Gottes den großen Fehler meines Lebens getan und dieser Geschichte zugestimmt.“

„Wie ist das abgelaufen?“

„Herr Schmidt hat mir dann die Telefonnummer gegeben. Das war eine ausländische Nummer, keine deutsche Nummer, über die er mit mir Kontakt gehalten hat.

„Was war das für eine Nummer, aus welchem Land?“

„Slowenisch, oder sowas. Es könnte slowenisch oder kroatisch gewesen sein. Über diese Nummer hat er dann mit mir Kontakt genommen und mit mir Termine vereinbart, zu denen dann das Blut entnommen wurde. Und er hat dann mit mir geschaut, an welchen Terminen er mir vorschlagen würde, das Blut zurückzuführen.“

Danilo Hondo: "Ich muss dazu stehen" Sportschau 12.05.2019 29:53 Min. Verfügbar bis 12.05.2020 Das Erste

„Wo ist das dann passiert?“

„Die Entnahme ist immer passiert in einem Apartment in der Nähe von Frankfurt. Ich habe damals eine Freundin gehabt in Wiesbaden, von daher war es für mich nicht so kompliziert, obwohl wenn ich selbst schon viele Jahre in der Schweiz gelebt habe. Dann ist Herr Schmidt auch mal zu mir nach Hause gekommen in die Schweiz. Die Rückführungen waren dann unterschiedlicherweise mal in einem Camper, mit dem wir zu den Rennen gekommen sind, oder im Hotelzimmer.

„Wo? Welche Rennen waren das?“

„Ich denke, es war auf jeden Fall einmal bei Mailand-San Remo. Dann zu den Klassikern in Belgien und dann auch noch mal zur Tour de France.“

„Sie waren damals im Team Lampre. Hat es jemand im Team mitbekommen?“

„Ich habe nicht mitbekommen, dass das irgendjemand bemerkt hätte.“

„Wie oft passierte es?“

„Ja, es gab drei bis vier Entnahmen und drei bis vier Zurückgaben.“

„Wie haben Sie sich damals gefühlt?“

„Ganz ehrlich: von Anfang an extrem beschissen. Schon in dem Moment, wo ich zugestimmt habe, war ich mir nicht sicher. Und auch bei der ersten Blutentnahme habe ich mich unwahrscheinlich schlecht gefühlt. Aber der Herr Schmidt hatte eine gewisse Art, einen zu motivieren. Er hat immer wieder davon gesprochen, dass man sich keine Sorgen machen müsste. Dass das sicherste Methode wäre zu dopen, die absolut nicht nachweisbar wäre. Dass ich mir keine Gedanekn machen müsse. Dass das wirklich ganz, ganz viele Athleten auf dieser Welt betreiben, wenn sie Möglichkeit dazu haben. Aber es war für mich immer eine ganz komische Situation, weil ich sie eigentlich nicht wollte, ich mich ihr aber aus einem für mich heute heute völlig unerklärlichen Grund in 2011 hingegeben habe.“

„Wer wusste davon?“

„Mark Schmidt und ich.“

„Sonst niemand?“

„Nein.“

„Familie? Freunde?“

„Nein, das war immer klar, für mich persönlich auch, ich wollte niemanden damit belasten. Ich wollte auch, dass niemand irgendetwas weiß. Ich habe auch Mark Schmidt immer gefragt, ob es klar ist, dass nur er und ich davon Bescheid wissen. Das hat er auch immer wieder bestätigt, dass  es natürlich logisch ist, dass nur er und ich Kenntnis davon haben und nur wir beide das praktizieren.“

„Das war ja vermutlich auch nicht umsonst. Wie lief die Bezahlung ab und was hat die Behandlung gekostet?“

„Er hat am Anfang mal von einem Rahmenbetrag gesprochen, der sich glaube ich um die 30.000 Euro pro Jahr bewegt hat. Die Bezahlungen liefen eigentlich immer bar ab. Ich habe dann Bargeld mitgebracht, das ich vorher abgehoben habe vom Konto. Es war aber so, dass dann irgendwann im Laufe der Zeit nicht klar war, was jede Behandlung kostet. Und Herr Schmidt hat dann immer gesagt, du musst noch dies und jenes, das und das bezahlen. Und weil man sich natürlich eh schon komisch gefühlt hat, hat man dann auch nicht so genau mitgerechnet. Man hat das Geld mitgebracht und hat dann gedacht – okay, das stimmt so. Aber es waren auf jeden Fall mindestens 30.000 Euro für dieses Jahr.“

„Wie liefen die Geldübergaben ab?“

„Das wurde dann im Rahmen der Blutentnahmen oder der Blutrückführungen übergeben.“

„Mark Schmidt hat Sie nach unseren Informationen in der Beschuldigtenvernehmung belastet. Er hat gesagt, sie seien einer seiner Kunden gewesen. Wie erklären Sie sich, dass er Ihren Namen dort genannt hat?“

„Ganz klar, man hat die ganze Nacht wachgelegen und sich viele Gedanken gemacht. Für mich war natürlich klar, dass das Kapitel mit dem Ende meiner Karriere auch abgeschlossen ist. Für mich war das Kapitel abgeschlossen, als ich ihm damals, Anfang 2012, gesagt hatte, nicht mehr weitermachen zu wollen. Es gibt natürlich verschiedene Möglichkeiten. Zum einen denke ich, dass er sich freikaufen möchte, dass er sein ganzes Handeln weitestgehend offenlegt, um bei der Staatsanwaltschaft eine mildere Strafe zu erlangen. Zum andern war es natürlich so, dass Mark Schmidt und ich nicht wirklich im Guten auseinandergegangen sind. Dass ich die Zusammenarbeit beendet habe und beenden wollte, als irgendwann im Laufe der Zeit diese Zahlungen immer unklarer wurden, weitere Geldforderungen kamen, die dann für mich nicht mehr so klar waren. Da gab es schon Diskussionen. Er hat versucht zu erklären, das kostet alles wahnsinnig viel Geld und so weiter, und es wäre normal und normalerweise noch viel teurer. Das heißt, wir sind nicht gut auseinandergegangen. Das Kuriose für mich ist nur, dass Mark Schmidt zur damaligen Zeit, als wir das beendet haben, sogar gesagt hat, dass auch er das beenden möchte, grundsätzlich. Er wäre einfach müde, gestresst. Das war für mich auch eine Erleichterung, nach dem Motto: Das wäre doch gut für alle Beteiligten, wenn diese Geschichte mal grundsätzlich ein Ende hätte. Mir war natürlich klar, dass ich wahrscheinlich nicht der einzige Athlet war. Weil, wenn er so gestresst war, dann muss es schon mehr Aufwand gegeben haben.“

„Kannten Sie jemand anderen?“

„Nein, nicht direkt.“

„Aber indirekt?“

„Nein. Wir haben nie über Namen gesprochen. Das war immer klar, dass nie irgendwelche Namen genannt werden. Er hat nie darüber gesprochen, wer seine Zulieferer sind für diese ganzen Geschichten, die man dafür braucht, für diese Infusionsgeschichten, die in diesen Maschinen hingen. Das war klar und wichtig für mich, ich wollte davon nichts wissen, und mir war auch wichtig, dass er mit niemandem spricht.“

„Unter dem Strich war es aber offenbar doch ein lukratives Geschäft für Herrn Schmidt. Es ist uns nicht möglich, mit ihm zu reden. Er sitzt in München Stadelheim in Untersuchungshaft. Der Anwalt hat auf mehrere Anfragen gesagt, dass sein Mandant nicht mit uns reden möchte. Deshalb fragen wir Sie: Was war aus ihrer Sicht die Motivation von Herrn Schmidt, so zu handeln?“

„Ich denke, ganz klar und ohne Umschweife, es ging ihm ums Geld. Er wollte damit Geld verdienen. Ich weiß, dass Herr Schmidt damals ein Haus gebaut hat und er natürlich dafür viel Geld verdienen wollte, um sich das zu finanzieren. Er hat auch mal davon gesprochen, dass es relativ schwierig ist, als Arzt genügend Geld zu verdienen, weil man als Arzt auch lange auf seine Zahlungen warten müssen, bei den Kassen, bei den Abrechnungen. Sicherlich hat er auch immer wieder von einer sportlichen Motivation gesprochen, dass er Sport liebt, dass er den Athleten helfen möchte. Er hätte soviel Kenntnisse von anderen Athleten und von allen möglichen Sportarten, wo eben dieses Doping praktiziert wird. Aber ich denke, vordergründig, am Ende der Geschichte, war es eine rein finanzielle Motivation.“

„Hatten Sie manchmal das Gefühl, dass er Skrupel hatte?“

„Nein, er hat natürlich schon eine menschliche Komponente gehabt. Aber ganz klar, er hat das relativ professionell abgehandelt. Er hat sich da nie Sorgen gemacht, dass es da irgendwie ein Problem geben könnte. Ich habe das aber immer so bewertet: Okay, er ist Arzt, für ihn ist das eine alltägliche Geschichte: Umso öfter man das macht, ist das für ihn wahrscheinlich Routine gewesen. Das hat mich dann auch nicht weiter beschäftigt.“

„Waren auch andere Helfer bei Schmidt tätig?“

„Zu meiner Zeit war es wirklich nur Herr Schmidt persönlich und ich.“

„Sie haben dann 2012 aufgehört – was war der Grund? Hat es überhaupt was gebracht?“

„Was immer mein Problem war von Anfang an war das ungute Gefühl, etwas Unrechtes zu tun. Für mich war das von Anfang an eine Situation – ich hatte immer ein schlechtes Gefühl dabei. Das ist eine Geschichte, die ich eigentlich nie wollte. Die Leute werden mir wahrscheinlich heute nicht glauben, aber ich hatte immer ein Problem mit Doping gehabt. Deshalb hat mich auch mein alter Dopingfall so beschäftigt, weil es tatsächlich so war – und deshalb habe ich auch so lange gekämpft – dass ich nie bewusst gedopt habe. Ich bin unbewusst gedopt worden oder durch eine Verunreinigung, so wie es immer meine Vermutung war, da positiv getestet worden.“

„2015, der Carphedon-Fall…“

„Genau: Für mich war das eigentlich immer so, dass ich aussteigen wollte. Aber Mark Schmidt hatte dann immer das Argument: Ja komm, jetzt ist da noch ein Beutel da, lass uns das doch wenig zu Ende machen. Sonst hätte ich schon früher den Schlussstrich gezogen. Aber dann irgendwann habe ich gemerkt: Das passt für mich einfach nicht. Für mich war auch das Kuriose, dass ich eigentlich an diesen Tagen, wenn ich dieses Blut drin hatte, sogar schlechter gefahren bin als normal, weil ich wohl – so hat es mir Schmidt erklärt – Probleme hatte mit diesem Zucker, den er zuführen musste, damit diese roten Blutkörperchen überleben während des Transports. Und weil die Zuführung immer relativ kurzfristig erfolgte, entweder am Morgen vor dem Rennen oder am Tag vorher, hat mich das immer so blockiert. Ich habe mich nie gut gefühlt, und mit dem schlechten Gewissen an sich zusammen – das war keine gute Kombination.“

„Die Fotos, die Polizei und Staatsanwaltschaft in Seefeld gemacht haben, zeigen zum Beispiel, wie die Blutbeutel aufgetaut werden und einem Handwaschbecken schwimmen. Wir waren denn bei Ihnen so die hygienischen Rahmenbedingungen?“

„Das Problem ist, ich habe das teilweise so verdrängt gehabt. Für mich war das eben auch ein riesiger Schock, als die Geschichte hochkam, weil ich zum einen auch davon ausgegangen bin, dass Schmidt damals 2012 wirklich beendet hat. Wenn man so etwas verdrängt, dann kann man sich kaum an Details erinnern. Es war aber so, dass es für mich hygienisch eigentlich nie einen Anlass gegeben hat, nervös zu sein. Bei mir war es eigentlich, dass die Beutel immer schon vorbereitet waren, und dann ging’s direkt damit los, das zu infundieren. Und die Abnahme war wie gesagt in diesem Apratment, es war alles geordnet. Wie man es aus der Vergangenheit als Sportler kannte, wenn man irgendwo eine Infusion bekam vom Doktor oder so – es war nichts irgendwie hygienisch Bedenkliches.“

„Der Carphedon-Fall 2005, Sie sagen, dass das damals ein Unrechtsurteil war. Dennoch sind Sie gesperrt worden. Sie waren beim Team Telekom, Sie waren bei Gerolsteiner. Wir wissen, was alles beim Team Telekom abgelaufen ist, das ist ja alles bekannt. Für mich stellt sich schon die Frage: 2005 Carphedon, dann das Blutdoping, man weiß, dass damals großflächig Epo genommen worden ist in der Radsportszene. Sie sagen selbst, dass Sie heute klar Schiff machen wollen und etwas hinter sich lassen. Ist es denkbar, dass Sie jetzt auch über andere Dinge reden, die damals geschehen sind, zum Beispiel beim Team Telekom?“

„Es ist tatsächlich so, dass ich denke, dass es oft falsch interpretiert wird. Es ist wirklich so gewesen, dass nicht alle Sportler involviert gewesen sind. Das war mein persönlicher Eindruck. Ich war nie direkt mit Doping in Verbindung.“

„Indirekt?“

„Nein. Nicht ich bin nicht direkt von den Ärzten oder der Mannschaft mit Doping versorgt worden oder darauf gedrängt worden, überhaupt gar nicht.“

„Mit den Doktoren Schmidt und Heinrich hatten Sie also keinen Kontakt in dieser Hinsicht?“

„Nein, das waren ganz normale Ärzte, es ging um ganz normale sportmedizinische Untersuchungen. Die sind beide nie direkt auf mich zugekommen, das Thema war wirklich, dass man natürlich was vermutet hat, dass man am Rande was gehört hat. Aber das war nie eine klare Geschichte. Deswegen, das war für mich immer eine verwerfliche Geschichte. Doping, das war nichts Gutes für mich. Deshalb war ich auch damals beim Team Gerolsteiner so enttäuscht, dass ich positiv getestet worden bin auf dieses Carphedon, wo ich wirklich nicht wusste, wo es herkam. Da gab es natürlich diese Vermutung, weil wir damals diesen russischen Teamarzt hatten, der – das habe ich damals auch ausgesagt – einen Koffer dabei hatte mit verschiedenen Präparaten, Vitaminpräparaten etc. aus Russland. Es war meine Vermutung, die ich immer geäußert habe, dass da irgendwas schiefgelaufen ist, dass da irgendwas verunreinigt war. Wie gesagt: Ich konnte halt nichts beweisen.“

„Ich frage jetzt trotzdem noch mal nach: Wenn Sie so eine doch eher kritische Haltung eingenommen haben, warum sind Sie dann schwach geworden?“

„Das ist die große Frage, die ich mir heute nach wie vor stelle. Es hat mich immer beschäftigt, ich war immer unglücklich damit. Mark Schmidt hat einfach unwahrscheinliche Überzeugungsarbeit geleistet., indem er mir erklärt hat, dass ich doch so viel verloren hätte in den Jahren zuvor, wo ich gesperrt war, wo ich nicht fahren konnte, wo ich kein Geld verdienen konnte. Er hat mir so glaubwürdig versichert als Arzt, dass doch so viele das Doping betreiben würden, auch Blutdoping. Zum einen war es die Neugier, wie funktioniert das, weil man natürlich von Blutdoping gehört hatte. Aber wenn man nie damit in Berührung gekommen war, war es natürlich irgendwie eine Geschichte, die auch spannend war, auch für diesen einen Moment. Und zum andern war da die Hoffnung, vielleicht doch noch mal länger fahren zu können oder besser fahren zu können, um vielleicht noch mal einen besseren vertrag zu erhaschen, um einfach noch mal Verluste aus der Vergangenheit wettzumachen. Es war eine Kombination. Aber ganz klar, Zweifel blieben von Anfang an.“

„Als im Januar 2019 die ARD-Doku ‚Die Gier nach Gold‘ ausgestrahlt worden ist, in der Johannes Dürr, der österreichische Skilangläufer, über Blutdoping berichtet hat, unter anderem auch in Thüringen. Als es dann die Razzien gab in Seefeld und Erfurt: Was haben Sie damals gedacht? Sie wussten ja, dass Sie damit zu tun hatten.“

„Ganz klar, ich war geschockt. Mir war klar, dass das nichts Gutes zu bedeuten hat. Natürlich denkt man im ersten Moment: Oh Gott, ja, der Mark Schmidt hat doch weitergemacht, und es hat anscheinend Auswüchse angenommen in einer Form, die gar nicht nachzuvollziehen sind. Man hat dann von verschiedenen Gehilfen gehört, seinem Vater, Krankenschwestern und so weiter. Aber ich hatte natürlich sofort ein ganz, ganz schlechtes Gefühl und mir war klar, dass da wahrscheinlich etwas auf mich zukommen würde. Vor allem vor dem Hintergrund, dass man weiß, dass die Personen auch im Gefängnis sitzen und natürlich tagelang verhört werden. Natürlich hat man gehofft, dass Mark Schmidt, weil es ja eigentlich keine Notwendigkeit gegeben hat, aus der Vergangenheit zu plaudern, dass man da wahrscheinlich doch da unbehelligt rauskommt, weil man gedacht hat: Okay, es geht jetzt vordergründig um die Athleten, die noch aktiv Blut dort gelagert hatten, die aktiv erwischt worden sind. Aber ganz klar, es waren schon vom Tag an, als das rauskam, schwierige Tage.“

„Als wir Sie gestern, am Samstag, angerufen haben, haben Sie erst mal gesagt, es stimmt nicht. Sie haben es abgestritten und wollten sich auch so zitieren lassen. Aber dann gab es eine Änderung in Ihrem Denken. In der Nacht ereilte uns dann ein Anruf, und da hat es geheißen, Sie wollten es jetzt doch erzählen. Wie kam es zu diesem Stimmungswandel?“

„Das Thema ist einfach, dass ich mir überlegt habe, dass es noch mehr Unrecht wäre, wenn ich das jetzt leugnen würde, obwohl es eine klare Aussage von Herrn Schmidt gibt – davon bin ich halt ausgegangen, er hat mich ganz klar belastet. Ich hatte mir wie gesagt auf die Fahne geschrieben, als ich das mit Herrn Schmidt beendet hatte und als Nationalcoach in der Schweiz angefangen hatte, soviel wie möglich dafür zu tun, dass weder ich noch andere Personen jemals in so eine Situation geraten. Für mich war es einfach klar, dass die jungen Athleten, die ich nun über viele Jahre betreut habe, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben, denen ich immer wieder erklärt habe, dass sportliche Höchstleistungen wirklich mit Fleiß, Motivation und Zielstrebigkeit zu erreichen sind – das ist tatsächlich so, ich habe das früher auch selbst erlebt. Mir war es einfach wichtig klarzustellen, dass es mein persönlicher Fehler war, meine persönliche Schwäche, und es wäre Unrecht, wenn ich mich jetzt dort versuche, mit juristischen Mitteln über lange Prozesse vielleicht dem zu entziehen, mit einer Gegenklage womöglich, oder all diese Dinge, die für alle Beteiligten und auch den Schweizer Radsportverband unwahrscheinlich belastend gewesen wären. Ich wollte ein ganz klares Zeichen setzen gegenüber meinen Sportlern, dass ich dazu stehe, zu dem Fehler, den ich gemacht habe, auch wenn ich bis heute nicht weiß, wie ich mich dazu habe hinreißen lassen. Die Frage werde ich mir wahrscheinlich mein leben lang stellen. Aber ich wollte den Sportlern aufzeigen, in welche Situationen man wirklich geraten kann, wenn man in einem Moment in seinem Leben unaufmerksam ist oder in einem Moment seines Lebens schwach wird. Und das war mir einfach wichtig, das zu verdeutlichen.“

„Die Nationale Anti-Doping Agentur in Deutschland hat einen Vorgang, der Sie betrifft, an die Schweizer Kollegen von Antidoping Schweiz weitergeleitet, die ermitteln. Auch die Kantonspolizei Bern und die Bundespolizei fedpol prüfen wohl gerade den Vorgang. Was erwarten Sie, was kommt auf Sie zu?“

„Das ist schwer zu sagen. Man hat sich natürlich viele Gedanken gemacht. Mir ist bewusst, dass diese Geschichte sportrechtlich nicht verjährt ist, das ist mir klar. Aber dem stelle ich mich. Deshalb will ich jetzt auch offen damit von Anfang an umgehen.“

Der Schweizer Radsportverband dürfte jetzt in einer schwierigen Situation sein. Was erwarten Sie, was das für Ihre berufliche Zukunft bedeutet.“

„Es ist ganz klar. Ich habe den Radsportverband heute Morgen informiert, dass ich auf dem Weg zu diesem Interview bin und wie sich die Situation darstellt. Alle sind natürlich geschockt, das ist klar, auch weil sie meine Arbeit in den letzten Jahren gesehen haben. Gesehen haben, was ich da wirklich geleistet habe in der Prävention und im Anti-Doping-Kampf mit den jungen Athleten. Mir ist klar, dass es natürlich keine berufliche Zukunft, weder bei Swiss Cycling, noch in irgendeiner anderen Form im Sport, im Radsport mehr für mich geben wird.“

„Sie gehen davon aus, dass es eine lange Sperre geben wird?“

„Ich gehe davon aus, dass ich gesperrt werde. Für mich ist auch klar, dass es für mich auch keinen Sinn mehr macht, jemals noch mal zu versuchen, in den Sport reinzukommen. Denn, machen wir uns nichts vor, wenn man sich outet und so ein Fall aufkommt – zumal ich dann natürlich offiziell Wiederholungstäter bin - ,kann es keine Zukunft mehr geben. Grundsätzlich muss ich auch sagen, muss ich mich der Situation stellen und muss akzeptieren, dass es für mich vorbei ist. Was ich mit Sicherheit in Zukunft versuchen will, trotzdem, wenn es in meiner Möglichkeit steht, weiter Prävention zu betreiben. Den ersten Schritt versuche ich hiermit erneut zu tun.“

„Fühlen Sie sich jetzt befreit?“

„Im Moment natürlich noch nicht. Man ist natürlich die ganze Nacht schlaflos gewesen, völlig überdreht, völlig verzweifelt. Das persönliche Handeln wird einem noch mal vor Augen geführt, das ganze Ausmaß. Man weiß im Moment gar nicht, was einem genau geschieht. Aber auf jeden Fall denke ich, war es notwendig und sinnvoll, mit dieser Geschichte so umzugehen. Denn alles andere wäre nur, sich weiter etwas vorzumachen. Ich habe es noch mal betont: Für mich war es auch wichtig, gegenüber dem Verband und auch den jungen Sportlern, denen ich verpflichtet war, aufzuzeigen, dass es mir wirklich auch ernst gewesen ist mit meiner Tätigkeit in den vergangenen Jahren. Dass ich jetzt für Fehler in meiner Vergangenheit bestraft wurde.“

Stand: 12.05.2019, 17:56

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