Corona-Krise behindert Dopingtests: "Natürlich kann es Sportler geben, die das ausnutzen"

Corona-Krise: Fünfkämpfer Marvin Dogue fürchtet Lücken im Dopingkontrollsystem

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Corona-Krise behindert Dopingtests: "Natürlich kann es Sportler geben, die das ausnutzen"

Von Peter Wozny und Hajo Seppelt

Auch der weltweite Anti-Dopingkampf befindet sich durch die Corona-Pandemie im Krisenmodus. Tests finden nur sporadisch statt, für viele Athleten herrscht deshalb Narrenfreiheit. Der deutsche Fünfkämpfer Marvin Dogue über Lücken im Kontrollsystem und den Umgang mit der Olympia-Verschiebung.

Marvin, wie beurteilen Sie die Entscheidung des IOC?

Die Olympischen Spiele zu verschieben war die richtige Entscheidung. Am Ende war ich glücklich, dass es eine Entscheidung gab. Wir Sportler wussten in den letzten Wochen einfach nicht mehr, wofür wir trainieren. Wir wussten nicht, ob wir uns auf Olympia fokussieren müssen, und wer überhaupt dabei ist. Es wurden viele Qualifikationswettbewerbe abgesagt, und es war nicht klar, ob die bisherige Qualifikation überhaupt so gewertet werden kann. Die IOC-Entscheidung hat uns wirklich von einer Last befreit.

Wie haben Sie als Betroffener das Zögern des IOC empfunden?

Die Informationspolitik war schon schwierig. Die Sportler so lange hinzuhalten ist jetzt nicht gerade der richtige Weg. Aber andererseits kann ich das IOC auch verstehen. Da steckt eine Menge Geld dahinter und viele organisatorische Fragen, da wollte das IOC wohl so lange wie möglich warten. Aber am Ende war der Druck von außen einfach zu groß.

Max Hartung hatte als erster deutscher Sportler ausgeschlossen, 2020 in Tokio zu starten, was ein sehr mutiger Schritt war. Hatten Sie auch daran gedacht, die Spiele zu boykottieren?

Ich hatte für mich entschieden, erst einmal abzuwarten. Aber so wie sich die Lage dann sehr schnell entwickelt hat, standen Olympische Spiele einfach nicht mehr zur Debatte. In einer Situation, in der viele Menschen sterben, ist der Sport nicht relevant genug.

Wie gut waren Sie drauf, bevor die Corona-Krise den Leistungssport lahmgelegt hat?

Die Qualifikationswettkämpfe liefen für mich bisher sehr gut. Ich hätte nur noch ein gutes Ergebnis gebraucht und wäre sicher dabei gewesen.

Saisonausfall wegen Corona: "Schlimm für Athleten, die sich über Sponsoren finanzieren"

Was bedeutet die Verschiebung für Sie persönlich?

Es ist schon hart, dass sich die ganze Arbeit aus dem Winter nicht auszahlt, dass man die vielen Stunden, die man im Schwimmbecken oder auf der Laufbahn verbracht hat, nicht in den Wettkampf mit einbringen kann. Aber in so einer Situation muss man sich selber auch mal hintanstellen. So sind die Olympischen Spiele eben im nächsten Jahr, und da bin ich dann noch besser drauf.

Was bedeutet der Wegfall der Olympischen Spiele im Jahr 2020 wirtschaftlich für Sie?

Ich bin bei der Bundeswehr, mein Sold wird weitergezahlt. Und auch die Sporthilfe hat uns zugesichert, dass die Verträge bis zu den Olympischen Spielen unverändert weiterlaufen. Ich habe also noch relativ humane wirtschaftliche Folgen. Schlimmer wird es für Athleten, die nicht bei der Bundeswehr oder der Polizei sind und sich zumeist über Sponsoren finanzieren müssen. Da stehen in den nächsten Wochen viel Gespräche an.

Wie sieht Ihr Training in diesen Tagen aus?

Das Training ist auf ein Minimum heruntergefahren. Anstatt in der Gruppe trainieren wir fast nur noch individuell. Wir gehen höchstens mal zu zweit im Wald laufen. Alles natürlich auf Abstand, um die Gefahr der Infizierung mit dem Corona-Virus zu vermeiden.

Wie hat sich das Leben auf dem Campus hier am Olympiastützpunkt in Potsdam verändert?

Hier am Luftschiffhafen sind normalerweise 600 bis 700 Leute unterwegs. Nach den ersten Ausgangsbeschränkungen waren es nur noch die 30 oder 40 Sportler, die sich auf die Spiele in Tokio vorbereitet haben. Nach der Verschiebung durch das IOC wird der Olympiastützpunkt wahrscheinlich bald komplett geschlossen und damit auch kein Training mehr hier möglich sein.

Haben Sie Kontakt zur Konkurrenz?

Man sieht es ja auf Instagram, wie die Leute posten, wie sie zu Hause trainieren und das motiviert mich dann, selbst zu Hause was zu machen. Wir sind in regem Kontakt und freuen uns, wenn es wieder losgeht.

Hat man als Sportler in solchen Tagen Angst, ohne richtiges Training an Leistungsfähigkeit einzubüßen?

Angst um meine Form hatte ich besonders in den Tagen vor der Entscheidung des IOC, die Olympischen Spiele zu verschieben. Da habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich unter den eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten meine Form auf Olympia-Niveau bringen kann. Nach der IOC-Entscheidung können wir etwas durchatmen. Jetzt geht es darum, möglichst die Form zu halten für den Zeitpunkt, an dem es wieder losgeht.

Dopingkontrollen im Corona-Ruhemodus Mittagsmagazin 26.03.2020 02:41 Min. Verfügbar bis 26.03.2021 Das Erste

Trotz Corona: Blick nach vorn zur WM im Oktober

Ist Ihr Sportjahr 2020 jetzt gelaufen?

Das Sportjahr 2020 ist noch nicht ganz vorbei. Im Oktober steht noch eine WM auf dem Programm. Da wissen wir noch nicht, ob sie stattfindet. Aber darauf bereiten wir uns jetzt erst einmal vor. Wir werden erst in den nächsten Monaten erfahren, was da passiert.

Durch die aktuelle Situation sind auch die Dopingkontrollen ausgesetzt. Wann wurden Sie zuletzt kontrolliert?

Das letzte Mal wurde ich ungefähr vor drei Monaten kontrolliert. Die Kontrolleure standen morgens um sechs bei mir vor der Tür. Das war eine Standardkontrolle mit Blut und Urin. Normalerweise werde ich aber mindestens einmal im Monat kontrolliert. Letztes Jahr hatte ich neben den Wettkampfkontrollen noch vier bis fünf Trainingskontrollen, also zehn oder elf Kontrollen insgesamt. Jetzt ist schon ein Viertel des Jahres vergangen, und ich hatte bisher erst eine Kontrolle. Das ist schon sehr sparsam.

Wie empfindet man das als Sportler, wenn man weiß, dass momentan nicht viel kontrolliert wird? Haben Sie Angst, dass die Gegner etwas Verbotenes tun?

Das ist natürlich eine schwierige Situation für einen Sportler, wenn er hört, dass in anderen Ländern Dopingkontrollen ausgesetzt sind. Natürlich kann es Leute geben, die diese Situation für sich ausnutzen und denken: "Jetzt ist das Dopingsystem runtergefahren, das ist jetzt meine Chance." Es wäre schon übel, wenn Sportler die aktuelle Situation, in der die Welt halb untergeht, ausnutzen, um zu dopen. Ich hoffe, dass sich die WADA da Gedanken macht und das Dopingsystem sobald wie möglich wieder hochfährt.

Worauf fokussieren Sie sich jetzt, nachdem die Olympischen Spiele verlegt wurden?

Die Zwangspause nutze ich, um Kraft zu tanken und um einen Plan für das nächste Jahr aufzustellen. In drei bis vier Wochen geht es dann so weiter wie zuvor, wenn es die Situation zulässt.

Wie motivieren Sie sich jetzt?

Die Motivation bleibt die gleiche: Olympia 2020/2021. Das ist das Ziel, und da will ich eine Medaille holen. Das heißt, ich darf jetzt auch nicht so viel Zeit verschlafen.

Stand: 27.03.2020, 10:30

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