Geheimsache Doping - Blutige Langlauf-Angelegenheiten

Blutdoping mit EPO

Doping im Langlauf

Geheimsache Doping - Blutige Langlauf-Angelegenheiten

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Das Doping-Geständnis des österreichischen Ski-Langläufers Johannes Dürr schlägt hohe Wellen in seiner Heimat. Das Publikum hegt eher Sympathien für den Geständigen und Misstrauen gegenüber seinem Verband.

Es ist ein schlechter Zeitpunkt. Triste Nachrichten aus dem Profiskilauf kommen in Österreich zwar grundsätzlich nie gelegen, aber gerade in diesen Tagen wähnte sich die skisportbegeisterte Republik eigentlich auf dem direkten Weg in die Feierzeit. Kommende Woche stehen die Kultrennen in Kitzbühel an, anschließend der Party-Nacht-Slalom in Schladming. Bald darauf folgt schon der Höhepunkt dieses Skiwinters: die nordischen Ski-Weltmeisterschaften im Februar in Seefeld.

Ausgerechnet in der Vorbereitung der Glückseligkeiten wagt es Johannes Dürr, den großen Spielverderber zu geben. Der im Februar 2014 des Dopings überführte und gesperrte Skilangläufer hatte am Donnerstag in dem ARD-Film "Die Gier nach Gold" erstmals sein ganzes Betrugsarsenal enthüllt, bisher unbekanntes Blutdoping in Deutschland inklusive. Außerdem hatte er eindrücklich von seiner Gefühlslage berichtet: wie er in der Ausbildung im Österreichischen Skiverband gemeint habe, allmählich dem Sportbetrug entgegen geleitet zu werden und die Empfindung gehabt zu haben, sein Doping werde zum Wohle von Medaillen gern in Kauf genommen. Dürr kam zu der Überzeugung, "dass Doping einfach ein Teil vom Hochleistungssport ist".

Die Aussagen schlagen hohe Wellen sowohl in Deutschland als auch in seiner Heimat. Etliche Athleten bemühen sich zuvorderst, Dürr als Einzeltäter hinzustellen, seine Beschreibung des Systems Spitzensports zu relativieren. Die Verbandsmaxime scheint zu sein, gegenzusteuern, nicht zuletzt auch, um zu verhindern, dass das Publikum von der Stange geht und das Vertrauen verliert. "Was da alles beredet wird, mit dem beschäftige ich mich nicht wirklich", klagte der österreichische Langläufer Max Hauke am Rande des Weltcups im estischen Otepää: "Für mich ist das völlig fern. Ich glaub‘ nicht, dass es sowas gibt. Ich hab‘ so einen schönen Sport, und ich möchte mich auf meine Wettkämpfe konzentrieren. Ich glaube, dass Spitzensport sicher ohne Doping möglich ist."

Johannes Dürr über das Echo seiner Doping-Beichte Sportschau 18.01.2019 07:07 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 Das Erste

Unvergessenes Krisenmanagement

Dabei rücken Teile des Publikums längst vom Österreichischen Skiverband (ÖSV) ab, schließlich hat der gerade erst auch einen Missbrauchsskandal hinter sich. Auch sonst herrscht im Alpenland Skepsis, wie es um die öffentliche Wahrheitsfindung bestellt ist: Der Fernsehsender ORF etwa ist darauf bedacht, nach dem Verlust vieler Fußballrechte sportlich wenigstens noch mit den Ski-Klassikern zu brillieren. Und Volkes Stimme, das Boulevardblatt Kronenzeitung, ist dem Verband gar als Sponsor verbunden.

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel

Eher ausweichend beim Thema Doping: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel

Die Tageszeitung Standard veröffentlichte einen Artikel ("Dürr in der ARD: Auch ÖSV-Personal half bei Doping"), in dem ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel zur Rolle seiner Leute eher ausweichend Stellung nahm: "Das war sicher keiner, der jetzt im ÖSV beschäftigt ist. Bei einzelnen Personen kann man nie etwas ausschließen, aber Verbandsdoping gibt es nicht." Allein: Dürr selbst ist ja auch nicht "jetzt" überführt worden.

In den mehreren hundert folgenden Posts zum Artikel entluden sich zuvorderst Missmut und Misstrauen einer Nation, die sich durchaus auf Ironie versteht. So hatte Schröcksnadel auch gedroht: "Es gibt eine einstweilige Verfügung, dass er das nicht mehr sagen darf. Wir sind in einer Win-win-Situation. Entweder er nennt Namen, oder er stellt sich als Lügner bloß." Der User "mind map" begrüßt eher eine Lose-lose-Situation: "Wenn der ÖSV jetzt nicht klagt, wissen wir dass es stimmt, und wenn er klagt, kommt wohl noch mehr ans Licht. Find ich gut." Und "Unfreiwilliger Kanzlerfest-Mitfinanzierer" dämmerte: "Arbeitswochenende für die ösv Öffentlichkeitsarbeit... wahrscheinlich arbeiten dort eh nur mehr Juristen... und den Schröcksn werns einsperren zhaus, damit er es nicht verschlimmert."

Das Land hat vor allem nicht das Krisenmanagement des Verbandes und seines Chefs bei den Olympischen Spielen in Turin vergessen, wo die nationale Polizei 2006 eine spektakuläre Razzia in der Unterkunft österreichischer Langläufer und Biathleten veranstaltete. Der schwerreiche Unternehmer Schröcksnadel hatte damals in holprigem Englisch vor internationalen Medien eine eher gewagte Unschuldsbekundung zum Besten gegeben: "Austria is a too small country to do good doping."

Hajo Seppelt über die möglichen Konsequenzen im Fall Johannes Dürr Sportschau 18.01.2019 02:13 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 Das Erste

Dass es durchaus vielfältige einschlägige Erfahrungen mit dem Sportbetrug, vor allem in der Langlaufsparte seines Verbandes gab, ist dabei belegt. So feierten die Österreicher etwa 2002 in Salt Lake City zunächst ein kleines Langlauf-Wunder schon, als Christian Hoffmann und Michail Botwinow auf der 30-Kilometer-Strecke hinter Johan Mühlegg einliefen. Dann wurde der für Spanien gestartete Deutsche Mühlegg wegen des Nachweises des EPO-Derivats Darbepoetin alpha disqualifiziert, so dass die Österreicher gar auf Gold und Silber vorrückten.

Stammgäste der Staatsanwaltschaft

Ehemaliger ÖSV-Nationalcoach Walter Mayer

Schon früher war der ÖSV in Dopingvorwürfe verstrickt - etwa unter Nationalcoach Walter Mayer.

Doch der Erfolg relativierte sich. Nach der Abreise des Teams wurden im Quartier der Österreicher Bluttransfusionsgeräte gefunden. Walter Mayer, damals Rennsportdirektor für Langlauf und Biathlon, wurde für acht Jahre für Olympia gesperrt. Er behauptete, nur UV-Bestrahlung des Blutes durchgeführt zu haben, was erst ab 2011 als verbotene Methode gilt. Der zu Gold beförderte Hoffmann, der mit dem heutigen Sportdirektor Langlauf des ÖSV, Markus Gandler, auch Staffel-WM-Gold 1999 gewann, wurde ein Jahrzehnt später wegen Anwendung einer verbotenen Methode für zwei Jahre verbannt.

Die Wiener Staatsanwaltschaft hielt auch für erwiesen, dass Hoffmann mit den Radprofis Bernhard Kohl und Michael Rasmussen eine Blutzentrifuge, erworben durch Kohls Manager Stefan Matschiner, mitfinanziert hatte. Im sportrechtlichen Verfahren wurde er vom Mitbesitz freigesprochen.

Sein Olympia-Staffelkollege Botwinow wurde 2012 vom Landesgericht Leoben zu einer viermonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er im Verfahren gegen Cheftrainer Mayer gelogen haben soll, als er aussagte, nicht Kunde der Wiener Blutbank Humanplasma gewesen zu sein. In der Olympiastaffel 2002 hatte neben Gerhard Urain auch Alexander Marent das Duo Hoffmann und Botwinow ergänzt - heute Österreichs Cheftrainer Langlauf.

Geheimsache Doping: Die Gier nach Gold – Der Weg in die Dopingfalle Sportschau 17.01.2019 45:21 Min. Verfügbar bis 17.01.2020 Das Erste

Die Spiele in Turin 2006 prägte Österreich mit dem Polizei-Krimi. Im strafrechtlichen Verfahren wurden zwar später in Susa/Italien die Funktionäre wie Schröcksnadel und Gandler freigesprochen, aber Haftstrafen auf Bewährung und Geldstrafen ergingen gegen Langlauf-Trainer Emil Hoch sowie die Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann. Gegen den Skandal-Trainer Mayer wurde schließlich wegen zahlreicher Verstöße gegen das Anti-Doping-Gesetz und das Arzneimittelgesetz im Berufungsverfahren vom Oberlandesgericht Wien eine Strafe von 15 Monaten Haft auf Bewährung bestätigt.

Der schlecht beleumundete Trainer Mayer ist neulich erst in einem Interview in den Salzburger Nachrichten für den vom Verband geächteten Dürr in die Bresche gesprungen. Er hat beklagt, dass in der derzeitigen Misere des österreichischen Langlaufs („Wir gehen bei der WM in Seefeld bei den Männern einem Debakel entgegen"), der Sünder nicht integriert wird: "Und dann will der Präsident den Johannes Dürr nicht im Team haben, der hat seine Dopingsperre abgesessen wie Tausende andere weltweit und verdient eine zweite Chance, auch wie alle anderen. Das mit dem Dürr ärgert mich maßlos."

Stand: 20.01.2019, 10:11

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