Kritik an der WADA - Schall und Rauch im Weißen Haus

Julia Stepanowa spricht auf der USADA-PK im Weißen Haus

Pressekonferenz in Washington

Kritik an der WADA - Schall und Rauch im Weißen Haus

Von Nick Butler und Hajo Seppelt

Spitzenathleten, Experten und Regierungsvertreter haben im Weißen Haus eine Reform der Welt-Anti-Doping-Agentur diskutiert. Die Veranstaltung zeigte, dass der Druck auf die größten Institutionen des Sports steigt, ihren Führungsstil zu überdenken. Doch das Treffen ist auch eine vertane Chance.

Spannend wurde es, als Julia Stepanowa ans Rednerpult im Weißen Haus trat. Die russische Mittelstreckenläuferin wurde zur Whistleblowerin in der ARD-Doku “Wie Russland seine Sieger macht” und sorgte so 2014 als Erste dafür, dass das russische Dopingsystem auffliegt. Sie gehörte zu denjenigen, die nach Washington gekommen waren, um ihren Unmut über die sinkende Glaubwürdigkeit des Weltsports zu äußern.

Hintergrund ist die kontroverse, im September auf den Seychellen durch die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA gefällte Entscheidung, die russische Anti-Doping-Agentur RUSADA wieder zu rehabilitieren. Somit ist russischen Athleten der Weg geebnet, wieder unter ihrer Landesflagge an internationalen Sportevents wie den Olympischen Spielen teilzunehmen, nachdem dies jahrelang – wenn überhaupt – nur unter neutraler Flagge möglich war. 

Athleten führend in Reformbewegung

Neben Stepanowa waren auch die amerikanischen Top-Schwimmerinnen Katie Ledecky und Lilly King vor Ort. Auch die US-Mittelstreckenläuferin Alysia Montano und die Hindernisläuferin Emma Coburn, mehrere britische Radprofis – unter ihnen der Bahnradsportler und Olympiasieger Callum Skinner – und der schwedische Biathlet Sebastian Samuelsson. Deutschland wurde durch die ehemalige Fechterin Claudia Bokel vertreten. Das frühere Mitglied der IOC-Athletenkomission ist heute eine der größten Kritikerinnen des Internationalen Olympischen Komitees.

Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa

Nachdem sie das russische Staatsdoping aufdecken half, musste Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa das Land verlassen. Heute lebt sie in den USA.

„Während der vergangenen sechs Jahre haben mein Ehemann [Witali Stepanow, Ex-Mitarbeiter der RUSADA, Anm. d. Red.] und ich uns manchmal gefühlt, als ob wir nicht nur das korrupte Sportsystem in Russland bekämpfen, sondern auch das IOC und die WADA“, so Stepanowa, die Russland aus Angst um Ihr Leben verlassen musste, nachdem sie zur Whistleblowerin geworden war.

Die US-Läuferin Montano brach in Tränen aus, als sie beschrieb, welche Auswirkungen das Doping ihrer Konkurrentinnen auf ihre eigene Karriere hatte. Sie ging hart ins Gericht mit der WADA, deren Führung aus ihrer Sicht jede Glaubwürdigkeit verloren hat, tatsächlich an sauberem Sport interessiert zu sein. Andere äußerten sich ähnlich. Schottlands Bahnrad-Ass Skinner beschrieb ein alternatives System, in dem unabhängige Athleten im Zentrum eines neuen Führungsmodells stehen würden.

WADA verweigert Kritikern Gehör

Die WADA kritisiert derartige Reformvorschläge stets, anstatt den Ruf nach sauberem Sport zu fördern – etwa, indem sie den Athleten vorwirft, falsch informiert zu sein. Die Agentur selbst erwägt nur sehr moderate Veränderungen. Das steht in hartem Widerspruch etwa zu der Art und Weise, in der die WADA das Reformverlangen des IOC umgesetzt hat, nachdem es im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele von Rio 2016 Unstimmigkeiten darüber gab, wie mit Russland umgegangen werden sollte.

Nur eine Handvoll Länder waren im Weißen Haus vertreten. Darunter keinerlei Athleten aus Asien, Afrika oder Lateinamerika. In einigen dieser Länder herrscht immer noch Druck, die Kritik nicht laut auszusprechen. Das Schweigen ist deshalb nicht unbedingt als Zustimmung zur Linie der WADA zu werten, ist aus Insiderkreisen zu hören.

Unklar ist hingegen, ob die Offiziellen, die neben den Athleten ins Weiße Haus gekommen waren, ebenso hinter diesen Forderungen stehen. Sie vermieden es, eine komplette Abschaffung der WADA zu fordern, wohl wissend, dass ein Alternativsystem vermutlich die vom IOC kontrollierte International Testing Agency anführen würde. Sie vermieden auch, ein neues Finanzierungsmodell vorzuschlagen, zu dem etwa die nationalen Anti-Doping-Agenturen und Sportlervertretungen wie etwa die World Player’s Association beisteuern würden. Derzeit wird die WADA zu gleichen Teilen durch Sport und Regierungen finanziert. Beide Seiten nutzen dies als eine Möglichkeit, politischen Einfluss auszuüben.

Nur Schall und Rauch?

Was übrig blieb, waren letztlich vor allem Schall und Rauch: Eine Gruppe Sportler und Offizieller wurde für viel Geld an einen prestigeträchtigen Ort geflogen, um dieselbe Kritik zu äußern, die bereits seit langem zu hören ist. Die WADA selbst beschwerte sich, nicht eingeladen und demnach auch nicht repräsentiert gewesen zu sein – und das, obwohl ihre eigene Vizepräsidentin, Norwegens Sportministerin Linda Helleland, sehr wohl anwesend war. Die Beschwerden der WADA entbehren allerdings auch nicht einer gewissen Ironie. Sind es doch die IOC-Fraktionen innerhalb der WADA, die es meisterhaft beherrschen, kritische Stimmen auszugrenzen oder ungehört verschallen zu lassen.

Auch finden derart sportpolitische Veranstaltungen im IOC vor allem hinter verschlossenen Türen statt, während die kritischen Athleten und nationalen Anti-Doping-Agenturen sich öffentlich äußern. Ebenfalls bemerkenswert: Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA konnte offenbar nicht einmal den Vertreter des amerikanischen Kontinents im WADA-Exekutivkomitee, Marco Diaz aus der Dominikanischen Republik, dazu überreden, die Kritik an der auf den Seychellen gefallenen Russland-Entscheidung zu unterstützen.

Eine offen geführte Diskussion aller Parteien mit WADA-Präsident Sir Craig Reedie scheint überfällig, um die politische Glaubwürdigkeit des Weltsports wiederherzustellen. Doch so scheint die globale Sportpolitik auch 2018 noch nicht zu ticken.

Kein Fortschritt bei der Überführung von Betrügern

Doch solange dies nicht geschieht, scheinen die wirklich wichtigen Dinge unangetastet zu bleiben. Beispielsweise Forschungsarbeit, um das Testverfahren zum Nachweis des Missbrauchs von EPO – einem beliebten Medikament für Blutdoping – zu verbessern. Dies könnte möglicherweise weitere Skandale lostreten und Sportarten ins Licht der Öffentlichkeit rücken, die bis heute verneinen, überhaupt ein Dopingproblem zu haben. Doch daran scheint es wenig Interesse zu geben.

Es ist außerdem kein Zufall, dass derartige Sportskandale vor allem durch Journalisten, Whistleblower und externe Ermittler der Strafverfolgungsbehörden aufgedeckt werden. Völlig nutzlos war das Treffen im Weißen Haus sicher nicht. Doch weit mehr scheint nötig für eine tatsächliche Veränderung im Weltsport.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, 01.11., ab 22.50 Uhr

Stand: 01.11.2018, 13:32

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