Leichtathletik-Skandale: Chronik des Unfassbaren

Bandenmäßige Kriminalität: die Anklageschrift gegen Diack Sportschau 30.06.2019 09:18 Min. Verfügbar bis 30.06.2020 Das Erste

Anklageschrift gegen Diack und Co.

Leichtathletik-Skandale: Chronik des Unfassbaren

Von Hajo Seppelt, Nick Butler und Jörg Mebus

Die Pariser Staatsanwaltschaft hat vier Jahre lang zu den Leichtathletik-Skandalen um den ehemaligen Weltverbandspräsidenten Lamine Diack und dessen Sohn Papa Massata ermittelt. Der ARD-Dopingredaktion liegt nun die 90-seitige Anklageschrift vor. Sie dokumentiert unfassbare Taten skrupelloser Funktionäre, die den Weltsport noch lange beschäftigen werden.

Die Pariser Uhrmacherei Elysees in der Rue de Berri erweckt auf den ersten Blick nicht den Eindruck, als hätte sie einmal eine Rolle gespielt in einem der größten Skandale in der Geschichte des Weltsports. Die gediegene Horlogerie im Haus Nummer 14 wirkt trotz der schicken roten Markisen über den edelholzgerahmten Schaufenstern etwas unscheinbar, sie war aber das Lieblingsgeschäft eines der schillerndsten Strippenzieher des Weltsports. Papa Massata Diack besuchte den Laden seit 2011 in unregelmäßigen Abständen. Der stämmige Mann aus dem Senegal erlag immer wieder dem Charme der sündhaft teuren Zeitmesser in den luxuriösen Auslagen: Insgesamt soll die Uhrmacherei Elysees von Papa Massata Diack über die Jahre sagenhafte 1,7 Millionen Euro eingestrichen haben.

Es ist nur eine der vielen, beinahe absurd anmutenden Episoden im Skandal rund um den Leichtathletik-Weltverband IAAF, Ex-Präsident Lamine Diack sowie dessen Sohn Papa Massata, der vorzugsweise rund um Sport-Großereignisse in der Uhren-Boutique nahe des Triumphbogens eingekauft haben soll. So vermerkten es die Pariser Sonderermittler, die sich seit vier Jahren mit den Diacks und den Abgründen in der IAAF beschäftigen - und die den Seitenstrang mit den Uhren in Zusammenhang mit Bestechungsversuchen brachten. Nun haben sie Anklage erhoben. Der 90-seitige Schriftsatz liegt der ARD-Dopingredaktion vor.

Der vorsitzende Ermittlungsrichter Renaud van Ruymbeke sowie seine Kolleginnen Stéphanie Tacheau und Charlotte Bilger haben ganze Arbeit geleistet. Die Straftaten, die in Teilen bereits öffentlich wurden und deren Enthüllung auf Recherchen der ARD-Dopingredaktion zurückzuführen sind, lesen sich in der peniblen Auflistung der Ermittler wie eine Chronik des Unfassbaren. Die Anklage lautet unter anderem auf aktive und passive Korruption und Geldwäsche. Zudem steht der Vorwurf der bandenmäßigen Kriminalität und des systematischen Vertrauensbruchs im Raum.

"Mit den Idealen des Sports unvereinbar"

Neben dem mittlerweile 86 Jahre alten Lamine Diack, der seit 2015 in Paris unter Hausarrest steht, und Papa Massata, der per internationalem Haftbefehl gesucht wird und in seiner Heimat Senegal abgetaucht ist, sind vier weitere Personen angeklagt: Walentin Balachnitschew, ehemals Präsident des russischen Leichtathletik-Verbandes und gleichzeitig Schatzmeister der IAAF, Alexej Melnikow, Russlands ehemaliger Cheftrainer, Gabriel Dollé, ehemaliger Direktor des Anti-Doping-Programms der IAAF sowie Habib Cissé, ein ehemaliger Rechtsberater von Diack. Die Machenschaften der skrupellosen Funktionäre werden den Weltsport womöglich noch jahrelang in Atem halten.

"Wenn ich eine Skala aufstelle von null bis zehn, und zehn ist der größte Skandal im Weltsport, dann würde ich diesen bei zehn einstufen", sagt Clemens Prokop, der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), der in seinen 16 Amtsjahren immer wieder mit den Diacks zu tun hatte. Die "ganze Bandbreite" des Falles sei entscheidend. "Es werden Athleten erpresst, es werden Veranstaltungen verschoben, es wird Stimmenkauf betrieben – es wird alles gemacht, was mit den Idealen des Sports völlig unvereinbar ist", sagt Prokop. Seit er gemeinsam mit Lamine Diack die WM 2009 in Berlin vorbereitete, so sagt Prokop, sei ihm die "diese Truppe" der Diacks "sehr suspekt" vorgekommen. Was sie im Hintergrund für krumme Geschäfte führten, habe auch Prokops schlimmste Befürchtungen übertroffen.

Die Diacks baten vor allem russische Sportler, die des Dopings überführt waren, zur Kasse. Gegen zum Teil hohe sechsstellige Summen bis zu 700.000 Euro wurden deren Fälle mit Hilfe von IAAF-Dopingexperte Dolle vertuscht. So erpressten die Diacks insgesamt 3,45 Millionen Euro. Auch aus krummen Lizenzverträgen und Sponsoren-Deals mit russischen Sendern und Banken akquirierten die Afrikaner Gelder, die sie für eigene Projekte verwendeten. Zum Beispiel für Wahlkämpfe in ihrer Heimat. 2012 verhalfen sie mit 1,5 Millionen Dollar "ihrem" Kandidaten Macky Sall zum Sieg bei der Präsidentschaftswahl über Amtsinhaber Abdoulaye Wade. Alle Vorgänge leuchteten die Ermittlungsrichter bis ins letzte Detail aus. Die Beschuldigten, die allesamt für Stellungnahmen nicht zu erreichen waren, können noch Einspruch gegen die Klageschrift einlegen. Der Prozess soll etwa in einem halben Jahr beginnen.

Brisante E-Mail

Der Report enthält zudem Hinweise, dass in der britischen Leichtathletik eine Reihe von Dopingfällen nicht an die Öffentlichkeit gelangt sein könnten. Eine Mail von Balachnitschew, die dieser im Juli 2014 an Diacks Vertrauten Cisse schickte, kurz bevor die ganze Blase platzte, liefert brisante Ansätze. IAAF-Vertreter hätten ihm Listen mit Sportlern gezeigt, in deren Blutpässen es eindeutige Hinweise auf Dopingverstöße gegeben habe. "Zu unserem Erstaunen fanden wir darauf gewisse Hochleistungsathleten aus Großbritannien, einschließlich des Olympiasiegers und der Sportikone dieses besagten Landes", schrieb der russische IAAF-Schatzmeister. Namen nannte er nicht. "Die Frage, die wir uns stellen, ist, warum die IAAF die britische Leichtathletik nicht aufgefordert hat, diese Athleten zu sanktionieren", ergänzte Balachnitschew.

Wenige Tage, bevor die ARD-Dopingredaktion Einblick in die Anklageschrift erhielt, hatte IAAF-Präsident Sebastian Coe, seit 2015 Nachfolger von Lamine Diack, es in einem Interview am Rande der IOC-Session in Lausanne als "unvermeidlich" bezeichnet, dass die französische Untersuchung weitere Auswirkungen auf die IAAF haben wird. "Aber mein Instinkt sagt mir, dass es nicht nur die IAAF sein wird", fügte Lord Coe hinzu.

Spiele in Tokyo 2020 im Visier der Ermittler

Olympia in Tokyo 2020: Die Vergabe der Spiele nach Japan interessiert die Ermittler.

Die Affäre Diack hat schon weite Kreise gezogen, auch außerhalb der Leichtathletik. Im Internationalen Olympischen Komitee stolperten bereits Ehrenmitglied Carlos Nuzman, Strippenzieher der Rio-Spiele von 2016, sowie die Mitglieder Frankie Fredericks und Tsunekazu Takeda, mittlerweile zurückgetretener Boss des japanischen NOK und der Olympiabewerbung 2020 in Tokio, über die Diack-Affäre. Alle sollen in Geldtransfers verwickelt sein, die im Zusammenhang mit Papa Massata stehen. Zuletzt sollen 1,8 Millionen Euro aus Japans Hauptstadt auf ein Konto von „Black Tidings“ geflossen sein, einer Firma, die Diack junior zuzuordnen ist.

"Die Rollen waren klar verteilt: Der Vater leitete den Verband, und der Sohn handelte im Auftrag des Vaters die Verträge aus. Allein diese Interaktion zwischen Vater und Sohn ermöglichte es dem Sohn, sich über Jahre mittels der Unterstützung seines Vaters zu bereichern", schrieben die Ermittler in ihrem Bericht.

Wie lange und wie intensiv der Fall Diack und die Ermittlungen der Franzosen den Weltsport noch beschäftigen werden, ist nicht absehbar. Auch Michel Platini, der ehemalige Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), wurde schon von den Pariser Staatsanwälten einvernommen. Es geht um mögliche Bestechungen im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2022 an Katar – möglicherweise der brisanteste Ermittlungsstrang. Auch für die Leichtathletik-WM in diesem Jahr in Katars Hauptstadt Doha finden sich Ansätze für Korruption in den Ermittlungsakten.

Aber auch das IOC hat sich möglicherweise ein weiteres Ei ins eigene Nest gelegt. Die Youth Olympic Games 2022 vergab der Ringeorden ausgerechnet nach Dakar, in die Heimat der Diacks, obwohl sich Senegal beharrlich weigert, Diack junior auszuliefern. Papa Massata, der Wahlkampfhelfer, kann sich anscheinend auf seinen Staatspräsidenten verlassen. Seine geliebte Uhrmacherei in der Rue de Berri wird er allerdings so schnell nicht mehr besuchen können.

Stand: 30.06.2019, 12:31

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