Operation Aderlass: Biathlon fünfte betroffene Sportart

Operation Aderlass: Ermittler bestätigen Biathlon als fünfte Sportart.

Doping-Razzien

Operation Aderlass: Biathlon fünfte betroffene Sportart

Von Hajo Seppelt und Jörg Mebus

21 Sportler aus acht Nationen in fünf Sportarten sind betroffen – das ist der von den Behörden bestätigte Sachstand in der Erfurter Blutdoping-Affäre. Bei der fünften, bislang nicht benannten Sportart handelt es sich nach Informationen der ARD-Dopingredaktion um Biathlon.

Arnd Peiffer hatte es damals wohl schon geahnt. Ende Februar, unmittelbar nach den Razzien in Seefeld und Erfurt, wurde der Biathlon-Olympiasieger auf die "Operation Aderlass" angesprochen. Er reagierte persönlich beleidigt, als sei sein Sport mittendrin in dem Fall: "Das sind für mich Idioten, die unseren ganzen Sport in Verruf bringen." Dabei war damals bei den weltweit beachteten Polizeiaktionen gegen den internationalen Blutdoping-Ring gar kein Biathlet erwischt worden. Der Deutschen liebster Wintersport gilt bis heute in der Causa Erfurt als unbelastet. Das allerdings ändert sich nun.

Nach Informationen der ARD-Dopingredaktion gehört mindestens ein Biathlet zu den sechs noch fehlenden Sportlern, die zu den von der Münchner Staatsanwaltschaft bestätigten (aber nicht namentlich benannten) 21 beschuldigten Athleten zählen. Biathlon ist demnach die fünfte und vorerst letzte nach offiziellen Angaben betroffene Sportart, nachdem zuvor bereits Verdachtsfälle aus der Leichtathletik, dem Langlauf, dem Radsport und dem Eisschnelllauf bekanntgeworden waren. Ein Athletenname fehlt allerdings auch noch aus der Leichtathletik. Im Rahmen einer im März abgehaltenen Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft München war lediglich durchgesickert, dass einem Verdachtsfall beim Hawaii-Marathon nachgegangen werde.

Strafrechtlich verjährt, sportrechtlich nicht

In Bezug auf Biathlon handelt es sich nach ARD-Informationen um mindestens ein länger zurückliegendes Delikt, das strafrechtlich verjährt (Frist: fünf Jahre), sportrechtlich allerdings noch verwertbar ist (Frist: zehn Jahre). Die Staatsanwaltschaft München wollte die ARD-Erkenntnisse nicht kommentieren. Einen Blutbeutelfund soll es in diesem Zusammenhang nicht gegeben haben, der Athlet oder die Athleten wird/werden demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem der inhaftierten Beschuldigten in Vernehmungen belastet worden sein.

So war auch die Causa Danilo Hondo gelagert. Der ehemalige Radprofi hatte in einem Interview mit der ARD-Dopingredaktion eingeräumt, Kunde des mutmaßlichen Erfurter Drahtziehers Mark Schmidt gewesen zu sein, nachdem durchgesickert war, dass er ebenso in Vernehmungen beschuldigt worden war.

Die Internationale Biathlon Union (IBU) erklärte am Mittwoch auf Anfrage, "von den österreichischen oder deutschen Behörden keine Informationen erhalten" zu haben, die "Teil der Untersuchungen im Rahmen der Operation Aderlass sind". Der Weltverband verwies auf einen Zwischenbericht seiner externen Prüfkommission, die derzeit die dunkle Vergangenheit des Verbandes aufarbeitet.

Diese hatte im März 2019 bekanntgegeben, dass sie "die Anti-Doping-Entwicklungen" im Langlauf, insbesondere im Lichte der ARD-Dokumentation über den Österreicher Johannes Dürr und der Verhaftungen bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld "genau beobachtet, um festzustellen, ob ein Zusammenhang mit Biathlon besteht". Diesbezüglich gäbe es bis heute aber keine Erkenntnisse. "Sollten jedoch Beweise für ein Fehlverhalten vorliegen, würde die IBU sofort Maßnahmen ergreifen", hieß es weiter.

IBU im Reformprozess

Ob der Biathlon-Fall als Fortschritt oder Rückschlag auf dem steinigen Weg des Weltverbandes aus dem tiefen Affären-Sumpf gewertet wird, liegt im Auge des Betrachters. Für den neuen IBU-Präsidenten Olle Dahlin ist die Sache klar. "Wenn hier etwas passiert, kann ich nur sagen, dass es gut ist, wenn verbotene Dinge ans Licht kommen", hatte der Schwede direkt nach den Aderlass-Razzien gesagt, die Ende Februar auch den Biathleten im Vorfeld der WM in Östersund die Laune verhagelt hatten.

Dahlin ist nach einem niederschmetternden Jahr für die IBU als Reformer gefordert. Ein an die Öffentlichkeit gelangtes Dossier der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hatte den Verband in die tiefste Krise seiner Geschichte gestürzt. Dahlins Vorgänger Anders Besseberg und die deutsche Generalsekretärin Nicole Resch verloren ihre Posten. Der von den WADA-Fahndern erhobene Vorwurf lautet: Top-Funktionäre sollen bis zu 300.000 Dollar Schmiergelder und gewisse weitere delikate Leistungen aus Russland empfangen haben, um Dopingfälle aus dem Riesenreich nicht weiter zu verfolgen.

Sogar das sonst nicht gerade für seine ethische Prinzipientreue bekannte Internationale Olympische Komitee wandte sich vorübergehend naserümpfend ab und stoppte sämtliche Zahlungen an die IBU. Während der Ringeorden mittlerweile besänftigt ist, ermittelt die Staatsanwaltschaft Wien weiterhin gegen Besseberg, Resch und acht weitere Personen, darunter fünf russische Athleten. Im Fokus der Behörden stehen mögliche Betrugsdelikte im Zusammenhang der Biathlon-WM 2017 in Hochfilzen.

Unabhängig davon könnten der IBU im eigenen Hause längst Namen vorliegen, die in der Operation Aderlass nun möglicherweise relevant werden. In dem WADA-Report, der die IBU-Affäre ins Rollen brachte und der der ARD-Dopingredaktion vorliegt, ist auch von 406 Athleten-Blutpässen die Rede, die derzeit vom Weltverband geführt würden. Bei elf Sportlern, sechs davon aus Russland, würden die Werte klar auf Doping hindeuten, hieß es in dem Bericht. Vielleicht befindet sich darunter auch ein Kunde von Dr. Schmidt.

Stand: 22.05.2019, 18:51

Darstellung: