Tierquälerei beim CHIO? Info-Stewards wollen aufklären

Tierquälerei beim CHIO? Info-Stewards wollen aufklären Sportschau 21.07.2019 02:56 Min. Verfügbar bis 21.07.2020 Das Erste Von Volker Schulte

Diskussionen über pferdgerechtes Reiten

Tierquälerei beim CHIO? Info-Stewards wollen aufklären

Von Volker Schulte (Aachen)

CHIO-Besucher haben in den vergangenen Jahren immer wieder umstrittene Reitmethoden auf dem Abreiteplatz angeprangert, dafür vor allem soziale Netzwerke genutzt. Jetzt sollen Info-Stewards als Ansprechpartner dienen - Diskussionen werden sie aber wohl nicht verhindern können.

Der Abreiteplatz, ein großes, sandbedecktes Viereck vor dem Dressurstadion, ist ein beliebter Platz für Pferdefans in Aachen. Die CHIO-Zuschauer können hier die Reiter und Tiere aus nächster Nähe sehen und bewundern. Und auch kritisch begutachten.

Das tun viele, denn die Trainingsmethoden im Dressursport sind ein heiß umstrittenes Thema. Einige Zuschauer haben 2018 auf Facebook Fotos gepostet, die enge Kopfhaltungen und aufgerissene Mäuler zeigten. Eine Bildergalerie wurde zigtausend Mal geteilt. Einer der Kritikpunkt der Urheberin: Sie habe auf dem Gelände Ansprechpartner gesucht, sei aber kaum beachtet worden.

"Die Transparenz war nicht gegeben"

"Da muss man schon sagen, dass die Transparenz nach außen, von den Stewards zum Publikum, nicht gegeben war", sagt Wolfgang Egbers, Mitglied im Vorstand Sport der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN. "Ich muss zum Schutz der Stewards aber sagen: Das ist auch eigentlich nicht deren Aufgabe. Sie sind für den Sportler und den Ablauf des Sports da und nicht, um die Kommunikation mit dem Zuschauer zu führen. Das haben wir aufgefangen mit der FN, haben uns Gedanken gemacht und sind zu dieser Idee gekommen, mit dem Verein hier aus Aachen dieses Pilotprojekt zu führen."

So sind Egbers und Thies Kaspareit, Leiter der FN-Abteilung Ausbildung, zu "Info-Stewards" geworden - die ersten ihrer Art beim CHIO. Ihre Basis ist ein kleiner Pavillon zwischen Abreiteplatz und Stadion. "Dort stehen wir bereit für jeden Zuschauer, der Fragen hat in Bezug aufs Reiten, die Fachlichkeit, auf alles was dort abläuft. Und natürlich erklären wir auch, was die Stewards machen", sagt Egbers.

"Nicht jede tiefe Halseinstellung ist gleich negativ"

Findet also ein Zuschauer, dass ein bestimmter Reiter unangebrachte Methoden anwendet, kann er sich damit an die Info-Stewards wenden. "Wir wollen auch die Information rüberbringen, dass nicht jede tiefe Halseinstellung - sei sie auch mal kurz hinter der Senkrechten - gleich negativ ist", sagt Egbers. "Wir müssen das immer im Gesamten betrachten. Da gehört der Rücken dazu, die Mimik, die Augen, das Ohrenspiel, der Schweif, Fußungsbogen … Wir kriegen keine Höchstleistung, wenn wir das nicht mit dem Pferd zusammen machen."

Sollten aber auch die Info-Stewards zu dem Schluss kommen, dass der Reiter eine Grenze überschreitet, können sie aktiv werden. Sie haben zwar selbst keine Befugnisse einzuschreiten, aber sie können die vom Weltverband FEI eingesetzten Stewards informieren. "Wir haben einen sehr guten und engen Telefonkontakt", sagt Egbers. Eine erste Reaktion der FEI-Stewards wäre, den Reiter anzusprechen und zu ermahnen. Bessert dieser sein Reitverhalten nicht, können die Stewards eine Gelbe Karte zeigen. Der nächste Schritt wäre die Disqualifikation.

Beschwerde über Info-Stewards auf Facebook

Ihr Service werde gut angenommen, sagt Info-Steward Egbers. Aber während des Interviews mit der Sportschau zeigt sich, wie angespannt die Lage ist. Kaspareit bekommt die Nachricht, dass sich jemand in einem Facebook-Post über die Info-Stewards beschwert hat.

Kaspareit beschreibt das Gespräch, das in dem Post thematisiert wird, so: "Der Ansprechpartner sagte, dass das Pferd mit der Unterlippe wackelt. Auf jeden Fall war es so, dass der Reiter Anlehnungsprobleme hatte. Das war offensichtlich und nicht ideal. Das habe ich versucht zu erklären und zu kommentieren und habe in dem Rahmen gesagt, dass die Reiter nicht nur versuchen, ihre Pferde hier so locker rund losgelassen wie möglich zu reiten, sondern in wenigen Minuten einen Grand Prix auf höchstem Niveau reiten wollen. Der Grat ist natürlich schmal, da man versucht, wie jeder Sportler im positiven Sinne Spannung aufzubauen. In diesem Fall war es ein bisschen zu viel, die Kritik war angebracht. Aber mir wurde in den Mund gelegt, die dort angewandte Methode wäre genau das, was man anwenden müsste, damit man gewinnen kann. Das ärgert mich natürlich. Das ist auch nicht fair, aber damit müssen wir wohl leben."

Einen Tag später legt die Facebook-Nutzerin nach, postet Videos vom Abreiteplatz in Aachen. In Kommentaren dazu ist die Entrüstung groß.

Wo fängt Tierquälerei an?

Das Grundproblem bleibt bestehen: Die Frage, wo tiergerechtes Reiten aufhört und Tierquälerei anfängt, beantwortet jeder anders. Selbst Experten sind sich nicht immer einig. Andere Sichtweisen im Ausland und unterschiedliche Regeln je nach Verband machen das Thema noch komplexer. Die FN beschreibt ihre Sichtweise ausführlich auf ihrer Webseite.

Die Info-Stewards werden die Diskussionen nicht aus der Welt schaffen. Aber miteinander zu sprechen, ist meistens eine gute Idee.

Stand: 21.07.2019, 16:10

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