DOSB-Vizepräsident: "Kinder gehören wieder auf die Sportplätze - sofort!"

Andreas Silbersack (DOSB-Vizepräsident) im Spio-Talk

Interview mit Andreas Silbersack, DOSB-Vizepräsident

DOSB-Vizepräsident: "Kinder gehören wieder auf die Sportplätze - sofort!"

Akuter Bewegungsmangel sorgt bei Kindern und Jugendlichen gerade für massive körperliche und seelische Probleme. Andreas Silbersack, Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) warnt vor den Folgen für die Gesellschaft. Er appelliert an die Politik: "Die Sportplätze müssen geöffnet werden!"

Sportschau: Herr Silbersack, vor einigen Tagen wurde der Kinder- und Jugendsportbericht veröffentlicht. Sie haben daraufhin vor dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages vor einer "verlorenen Generation" gewarnt. Was meinten Sie damit?

Andreas Silbersack: Im Sportausschuss des Deutschen Bundestages wurde der Kinder- und Jugendsportbericht vorgestellt. Und da habe ich zum Ausdruck gebracht, dass durch die Pandemie, die uns jetzt ein Jahr begleitet, eine Pulverisierung des Sports stattgefunden hat. Das heißt, es hat sich eine gesamtgesellschaftlich gesehen dramatische Situation entwickelt. Und wir müssen jetzt schauen, wie wir darauf reagieren. Es ist tatsächlich fünf vor zwölf, wenn nicht gar schon zwölf.

Silbersack: "Wir haben die Pflicht, für die Kinder und ihre Bewegung zu kämpfen" Sportschau 20.04.2021 08:49 Min. Verfügbar bis 20.04.2022 Das Erste

Sportschau: Im Entwurf eines neuen Infektionsschutzgesetzes kommt der Sport kaum vor. Was bedeutet das für den deutschen Sport?

Silbersack: Das ist etwas, was uns auch nicht zufriedenstellt. Wir sagen immer: Sport ist der soziale Kitt. Ich habe im Sportausschuss gesagt: Wenn das so weitergeht, haben wir bald bis zu 1,5 Millionen Kinder mit Fettleibigkeit und psychischen Problemen. Und die Politik rufen wir an: 'Wir brauchen Sport!'. Jetzt haben wir zumindest den Hoffnungsschimmer, dass der Kindersport bis 14 Jahre Einzug findet in die Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes. Sonst reden wir hier von einer verlorenen Generation, von Kindern, die sich vom Sport verabschieden. Und das muss irgendwann auch die Politik begreifen.

Sportschau: Was bedeutet Sport für Heranwachsende? Andersherum gefragt: Welche Auswirkugen hat es für die junge Generation, wenn Ihr der Zugang zu Sport und Bewegung versagt bleibt?

"Den Kindern vor dem Computer fehlt der Ausgleich"

Silbersack: Es gibt ja den Spruch: 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!' Bedeutet: Bewegung ist etwas, was für den kognitiven Bereich, die Entwicklung der Persönlichkeit und im psychosozialen Bereich von elementarer Bedeutung ist. Es ist eine Frage der sozialen Interaktion, eine Frage der Gesundheit. Das fängt damit an, rückwärts laufen zu können, eine Rolle vorwärts zu schaffen, seinen Körper zu spüren. Kinder entwickeln das im jüngsten Alter schon. Die Zeit bis 14 Jahre ist diejenige, wo so etwas ausgebildet wird. Jetzt haben wir das Thema Fettleibigkeit bei Kindern. Was ist denn eine Kompensation eines Kindes, das den ganzen Tag vor dem Computer sitzt? Der Ausgleich, der wichtig ist, der fehlt. Und wenn ich mir diese Kinder vorstelle - dann ist das eine alarmierende Situation, die die Politik verstehen muss.

Sportschau: Geht es eigentlich in dieser Debatte nur um den Kinder- und Jugendsport?

Silbersack: Natürlich muss auch noch erwähnt sein: die Menschen mit körperlicher Behinderung, die ja im Moment noch weniger die Chance haben, Sport zu treiben. Dort wirkt sich das im kognitiven, im psychischen Bereich noch weitaus stärker aus. Es beginnt eine Verkümmerung des Geistes. Und das können wir uns als Gesellschaft nicht leisten. Wir haben eine riesige Verantwortung gegenüber der nächsten Generation, die ja auch unsere Zukunft ist. Sonst werden die Kinder uns später einmal fragen: 'Was habt ihr uns da angetan?' Und um es klar zu sagen: Der Sport ist ja sozusagen ein Unterstützer. Wir helfen der Gesellschaft, diese Themen zu bewegen. Hier geht's ja nicht um Selbstzweck, sondern um eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

"Jetzt ist der Zeitpunkt, da wir den Jüngeren helfen müssen"

Sportschau: Hat der deutsche Kinder- und Jugendsport eine zu schlechte Lobby in der deutschen Politik?

Silbersack: Es ist ja immer so, dass die Jugend gern in den Mitelpunkt gestellt wird: Man sagt dann: 'Das ist unsere Chance von morgen.' Aber jetzt sind wir in einer Situation, in der die Jüngeren Unterstützung benötigen. Man sieht das ganz deutlich an den faktischen Zahlen. Ein Beispiel: Das deutsche Sportabzeichen, das wirklich Historie hat und auch einen Sinn. Darüber finden viele Kinder und Jugendliche zum Sport. Da hatten wir im vergangenen Jahr einen Rückgang von etwa 60 Prozent. Statt 600.000 Abzeichen zu verteilen haben wir unter 300.000 Absolventen gezählt. Das geht nicht. Und es liegt auf der Hand: Wir müssen für die Kinder und Jugendlichen jetzt auch die Fahne tragen. Und wir müssen ihre Stimme sein, das ist die Aufgabe des organisierten Sports und der Politik insgesamt.

Sportschau: Wie beurteilen Sie neue wisssenschaftliche Gutachten wie zum Beispiel das jüngste aus der Aerosolforschung? Können solche Gutachten helfen, um die Politik in Richtung Sport umzustimmen?

Silbersack: Die Aerosolforschung hat gezeigt, dass die Ansteckunsgefahr im Freien minimal ist. Es gibt auch aus dem Irischen eine Studie, wo sich von 260.000 Menschen gerade einemal 230 im Freien angesteckt haben. Und ich habe die Hoffnung, das solche Erkenntnisse im politischen Raum dazu führen, dass man sagt: Zumindest die Kinder müssen wir wieder auf die Sportplätze bekommen. Wir geben den Kindern und Jugendlichen jetzt wieder die Chance, uneingeschränkt in Schule und Verein sportlich tätig zu sein. Und zwar sofort. Dafür werden wir uns als DOSB weiter stark einsetzen.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 21.04.2021, 08:35

Darstellung: