Peiffers Silbermedaille - "Salbe für die Narben"

Arnd Peiffer bejubelt seine herrausragende Schieß-Leistung beim Einzelrennen in Pokljuka

Biathlon-WM

Peiffers Silbermedaille - "Salbe für die Narben"

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi (Pokljuka)

Das Warten auf die erste deutsche Medaille dieser Biathlon-WM hat endlich ein Ende. Arnd Peiffers zweiter Platz im Einzelrennen offenbarte nochmals, wie sehr sich das Team nach einem Erfolg sehnte. Es könnte ein Wendepunkt dieser bislang verkorksten Wettkämpfe für die deutschen Männer sein.

Abgesehen von der linken Hand bewegten sie gar nichts. In Uniform mit Flecktarn-Muster standen die drei slowenischen Soldaten nebeneinander und kurbelten. Die deutsche und zwei norwegische Flaggen wehten an den Masten im Wind. Alle Augen waren auf sie gerichtet, während die norwegische Hymne spielte und Arnd Peiffer breit grinsend auf seinem kleinen Podest im Biathlon-Stadion stand.

Seine Silbermedaille hatte sich Peiffer selbst um den Hals gehängt, ganz corona-konform, und brav mit dem Ellenbogen dem drittplatzierten Norweger Johannes Dale gratuliert. Festgehalten hat diese Szenerie Teamkollege Benedikt Doll, der auf Skiern an den Fotografen bis an die Bande im Zielbereich vorbeifuhr, für eines der ersten Fotos vom neuen Vize-Weltmeister mit Medaille um den Hals.

Biathlon-WM - Arnd Peiffer holt Silber Sportschau 17.02.2021 02:59 Min. Verfügbar bis 17.02.2022 Das Erste

"Motto: Ist der Ruf erst ruiniert"

"Ich war heute lockerer, einfach nach dem Motto, ist der Ruf erst ruiniert… An Medaillen habe ich nicht gedacht. Wenn man 36. im Sprint wird, ist es echt weit weg. Ich wollte einfach ein gutes Rennen machen. Dass es für eine Medaille reicht, ist genial und tut dem ganzen Team gut“, sagte Peiffer erleichtert.

Video - Peiffer erlöst deutsches Biathlon-Team Morgenmagazin 18.02.2021 01:28 Min. Verfügbar bis 18.02.2022 Das Erste

In orangefarbenen Hosen und weiß-silbrigen Jacken standen sie zu 17. mitten im Stadion und jubelten. Das deutsche Team wurde angeführt von Bundestrainer Mark Kirchner, der fleißig applaudierte: "Man freut sich immer, wenn einer mit weißer Weste vom Schießstand weggeht und es dann für eine Medaille reicht. Dann sind Emotionen angesagt, auch wenn man die bei mir nicht so oft sieht. Ich bin stolz auf die Mannschaft, die sich aus dem Tal der letzten Tage befreit hat", sagte der Bundestrainer mit strahlenden Augen und einem Grinsen, dass er selbst hinter der Maske nicht verbergen konnte.

Freude mit Verzögerung

Eine halbe Stunde zuvor stand Arnd Peiffer noch im Ziel, abseits der Kameras und pustete tief durch. Dieses Einzel hatte ihm alles abverlangt. Vermeintlich unbeobachtet, nahm sich der Niedersachse ein paar Momente für sich. Er musste sich, während er sich seines Rennanzugs entledigte, erstmal sammeln. "Das ist ein verdammt schwieriges Rennen, weil man so lang unterwegs ist, es aber in zehn Sekunden wegwerfen kann", sollte er später sagen. "Das letzte Schießen ist so schwer und man ist wahnsinnig erleichtert, wenn man ohne Fehler vom Schießstand weggeht. Ich habe die Schlussrunde zwar nicht genossen, war aber total froh nur noch laufen zu müssen."

Wie sehr dieses Rennen über die 20 Kilometer Peiffer physisch, psychisch und emotional geschlaucht haben muss, bewies sein Zieleinlauf. Mit letzter Kraft wuchtete er sich über den roten Zielstreifen, um Sekunden später gänzlich zusammenzuklappen. Auf Knien liegend, bewegte sich sein Oberkörper hektisch hoch und runter. Arnd Peiffer wird nach 20 Treffern am Schießstand bewusst gewesen sein, dass er an diesem Tag die erste deutsche Medaille bei dieser WM holen würde. Und auch welche Bedeutung sie haben würde.

Fourcades Prophezeiung erfüllt sich

Alle wollten ihm gratulieren. Bei so vielen Schulterklopfern musste sich der Beobachter fast Sorgen um den Rücken des 33-Jährigen machen. Doch so richtig schien er seiner Freude noch keinen Ausdruck verleihen zu können. Während die Augen aller Gratulanten strahlten, huschte Peiffer erst nach ein paar Minuten das erste Lächeln über die Lippen. Schon als er Momente zuvor für ein Foto posieren sollte, ballte er nur für einen kurzen Augenblick seine Faust und zeigte seinen Bizeps in die Kameras. So schnell die Geste kam, verschwand sie auch wieder.

In der Mixed-Zone wartete ein ganz besonderer Gratulant auf den deutschen Biathleten: Martin Fourcade. Eine Umarmung mit Maske, ein Abklatschen zweier Olympiasieger, und Pfeiffers Gang wurde immer stolzer von Interview-Box zu Interview-Box.

Nachdem der große Franzose im vergangenen Winter die Karriere beendet hatte, ist er in dieser Saison als Zuschauer auf der Pokljuka und hatte gestern zur großen Überraschung vieler Peiffers Silbermedaille vorausgesagt: "Arnd ist nur ein Jahr älter als ich, wir sind so oft gegeneinander gelaufen. Meine Frau ist ein großer Fan von ihm. Sie sagt immer, Arnd macht mindestens ein wundervolles Rennen bei Olympia oder Weltmeisterschaften. Er hatte hier noch nichts gewonnen, also war heute die große Chance."

Die WM-Wende

"So ein Rennen ist wie eine Salbe auf die ganzen Narben", ordnete Peiffer ein. "Am Ende ist es viel schöner, einmal auf dem Podium zu stehen. Dann ist es auch okay, wenn man vorher 36. und 20. geworden ist, als dreimal Zwölfter oder so. Ich bin total dankbar, dass ich das nochmal erleben durfte." Diese Dankbarkeit hat er mit Sicherheit nicht exklusiv. Ob Trainerteam, Skitechniker, Betreuer oder Ärzte: Alle haben diese Medaille dringend gebraucht. Diese Last, endlich für eine Erlösung zu sorgen, konnte Peiffer nun endlich abwerfen. Die WM könnte aus deutscher Sicht immer noch eine erfolgreiche werden - Arnd Peiffer sei Dank.

"Das ist genial!" - Peiffer erklärt seinen Silber-Erfolg Sportschau 17.02.2021 01:49 Min. Verfügbar bis 17.02.2022 Das Erste

mla | Stand: 17.02.2021, 20:01

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