Mark Kirchner - "Keine Angst vor großen Namen"

Mark Kirchner

Interview mit dem Bundestrainer

Mark Kirchner - "Keine Angst vor großen Namen"

In knapp einer Woche beginnt im südtiroler Antholz die Biathlon-WM. Vor den Titelkämpfen spricht Bundestrainer Kirchner im sportschau.de-Interview über die Leistungsfähigkeit seines Teams, Medaillenvorgaben, die spezielle Rolle von Erik Lesser, die Schwierigkeiten der Nachwuchsförderung und die Vorfreude auf Antholz.

Frage: In weniger als sieben Tagen beginnt die WM. Sie trainieren mit ihrem Team gerade noch in Ridnaun. Sind alle fit?

Mark Kirchner: "Aktuell sind alle gesund. Das Training läuft planmäßig, wir haben keine Probleme und Baustellen."

Von Ihrem jetzt elfköpfigen Team haben nur fünf Männer und drei Frauen die WM-Norm geknackt. Unter welcher Überschrift stand die Nominierung des restlichen Teams?

Mark Kirchner: "Wir haben es letztlich an den Leistungsnormativen festgemacht und die mitgenommen, die am nächsten dran waren. Da gab es keine größeren Hintergedanken, keine größere Überschrift."

Bei den Männern haben Sie mit Benedikt Doll, Arnd Peiffer und Johannes Kühn drei absolute Podestläufer. Die Überraschung in diesem Trio ist Johannes Kühn. Was ist denn mit ihm in dieser Saison passiert?

Mark Kirchner: "Da ist eine kontinuierliche Arbeit am Stützpunkt und auch im Lehrgang zu sehen. Gerade im Stehendschießen hat er deutliche Fortschritte gemacht. Konditionell war er in den letzten Jahren schon immer einer der Besten."

Kühn strahlt in seinem gesamten Auftreten viel mehr Selbstsicherheit aus. Kann man festmachen, was den Schalter umgelegt hat?

Johannes Kühn

Johannes Kühn - Den Schalter umgelegt

Mark Kirchner: "Der Schalter kann im Leistungssport recht schnell umgelegt werden. Der Erfolg bringt diese Schwelle, die überschritten werden muss. Dann geht es oftmals viel einfacher. Aber diese Stufe ist manchmal sehr hoch. Das hat er geschafft. Wenn man gleich mit einem sechsten Platz in den Weltcup einsteigt, dann auch mal auf dem Podest steht und in den Staffeln mit null Fehlern und ohne Nachlader glänzen kann, dann gibt das einen zusätzlichen Kick für das mentale Befinden und Selbstvertrauen."

Auch Philipp Horn und Philipp Nawrath überraschten in dieser Saison mit Ergebnissen in Podestnähe. Was können wir uns von den beiden bei der WM erhoffen?

Mark Kirchner: "Sie sind in einer Vorstufe von Johannes Kühn. Mit ihren Top 6-Platzierungen sind sie schon in der absoluten Weltspitze angekommen. Philipp Horn hat mit Rang 18 im Gesamtweltcup auch eine Leistungskonstanz nachgewiesen. Er hat sich konditionell und am Schießstand verbessert, das macht diesen Leistungsstand möglich. Wenn bei ihnen alles zusammenkommt, können sie in den absoluten Spitzenbereich laufen."

Erik Lesser darf sich auch ohne sportliche Qualifikation auf seine sechste WM freuen. Welche Chancen hat er denn, über einen Touristenbesuch hinaus zum Einsatz zu kommen?

Erik Lesser

Erik Lesser: Erst IBU-Cup, dann WM

Mark Kirchner: "Im Einzel kommt er nicht zum Einsatz, da haben die anderen fünf bessere Leistungen gezeigt. Erik ist als Option für die Single-Mixed- und die Herren-Staffel vorgesehen. In der Single-Mixed ist er in den vergangenen Jahren fast alle Rennen gelaufen. Er hat in Pokljuka mit dem 14. Platz im Massenstart eine deutliche Leistungssteigerung nachgewiesen. Er wird in der kommenden Woche auch noch mal im IBU-Cup starten, um dort noch einmal harte Vorbereitungswettkämpfe zu haben. Dann werden wir sehen."

Erik Lesser ist mit seiner kommunikativen Art sehr beliebt. Hat diese positive Rolle für die Teamchemie und die Stimmung auch eine Rolle gespielt für die Nominierung?

Mark Kirchner: "Das spielt auch eine Rolle, aber eher für uns Trainer. Ein Athlet, der bereits Weltmeister war, will nicht zu einer WM reisen, um Tourist zu sein und für die gute Stimmung zuständig zu sein. Er will gut sein und Rennen laufen. Solche Athleten wollen wir haben."

Ein Blick zu den Frauen: Mit Denise Herrmann haben Sie eine absolute Top-Athletin. Dahinter wirkt das Team eher wacklig. Worauf haben Sie in der Vorbereitung mit den Frauen den Schwerpunkt gelegt, um das mentale Setting zu verbessern?

Denise Herrmann in Ruhpolding

Denise Herrmann

Mark Kirchner: "Denise steht vorn dran, das ist richtig. Sie hat sich gerade mit dem Sieg im Einzel von Pokljuka nochmal richtig Selbstbewusstsein geholt. Aber auch sie agiert im Team. Und auch andere Athletinnen haben nachgewiesen, dass sie sich im erweiterten Spitzenbereich bewegen können. Franzi Preuß war mehrfach in den Top 6, Vanessa Hinz war in einzelnen Wettbewerben in der Weltspitze. Bei Janina Hettich sind Leistungen im Anschlussbereich zu sehen. Das müssen wir nutzen, um in Antholz eine gute Staffel aufzustellen."

Janina Hettich ist mit 23 Jahren noch sehr jung, Karolin Horchler im Weltcup nicht so erfahren. Dafür haben Sie die beiden erfahreneren Franziska Hildebrand und Maren Hammerschmidt zu Hause gelassen. Welches Signal wollten Sie mit Ihrer Entscheidung setzen?

Mark Kirchner: "Wenn man sich die Leistungen und Listen anschaut, sind Hettich und Horchler vor Hildebrand und Hammerschmidt. Im Leistungssport geht es nun mal nach Leistung. Und auf der anderen Seite haben wir mit Janina Hettich auf den Nachwuchs und mit Karolin Horchler auf eine sehr stabile Schützin gesetzt. Das könnte für die Staffel entscheidend sein."

Ein Thema, das das deutsche Team in dieser Saison erneut beschäftigt, ist die Infektanfälligkeit von Franziska Preuß und Simon Schempp. Preuß hatte in der Saison mehrere Rückschläge, Schempp zog sich im Januar sogar komplett zurück. In anderen Sportarten werden sehr genau die Entzündungsparameter der Sportler im Blut untersucht, um zeitig gegen Infekte gegensteuern zu können. Aus Gesprächen mit Schempp und Preuß entsteht das Gefühl, dass das im Biathlon noch keine große Rolle spielt. Was kann da noch optimiert werden?

Simon Schempp

Simon Schempp - "Mehr Rückstände als wir gedacht haben"

Mark Kirchner: "Man darf beide nicht in einen Topf werfen. Jeder hat seine eigene Geschichte. Simon hat Rückstände aus dem vergangenen Jahr mitgeschleppt, mehr, als wir gedacht haben. Letztlich fehlen ihm drei Wettkampfmonate aus dem vergangenen Jahr. Das ist der limitierende Faktor, er hat das Pensum nicht so verkraftet, um Leistungen abrufen zu können, die wir von ihm schon gewohnt waren. Franzi Preuß hat zu Beginn des Jahres gezeigt, dass sie nach zwei schweren Jahren, zu alter Leistungsstärke zurückgefunden hat. Manchmal darf man auch im Sport nicht alles auf die Goldwaage legen. Manchmal muss man auch cool agieren und ruhig weiterarbeiten. Das gilt es umzusetzen, damit die bestmögliche Leistung wieder herauskommt."

In der vergangenen Woche ist die Junioren- und die U20-WM zu Ende gegangen. In 16 Wettbewerben gewannen die Deutschen nur vier Medaillen. Wie steht es um den deutschen Nachwuchs?

Mark Kirchner: "Man kann hier zwei Themengebiete aufmachen: Zunächst, wieviel Background hat Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen, zum Beispiel Norwegen. Da gelingt es uns mit unserer geringeren Anzahl von Athleten immer wieder, Weltspitzenleistungen zu entwickeln. Das andere Feld ist die Frage, inwieweit die Rahmenbedingungen überhaupt noch gegeben sind, um Nachwuchs zu entwickeln. Diejenigen, die die Kinder und Jugendlichen betreuen, sind wenige und werden immer weniger. Man muss die Frage stellen, inwieweit wir in Deutschland noch bereit sind, Leistungssport betreiben zu wollen."

Was wünschen Sie sich?

Mark Kirchner: "Ich wünsche mir vom DOSB, dass die lange angekündigte Traineroffensive endlich zur Umsetzung kommt. Das betrifft nicht nur Biathlon, sondern den gesamten deutschen Leistungssport."

Kann man sich da vielleicht auch etwas von anderen Ländern abschauen? In Norwegen gibt es ja beispielsweise ein sehr breit angelegtes Nachwuchsförderungsprogramm …

Max Barchewitz bei der Biathlon-Junioren-WM im Einzel-Rennen

Junioren-Weltmeister Barchewitz - "Unser System kann nicht so schlecht sein"

Mark Kirchner: "Wenn ich mir die Deutschen Meisterschaften anschaue, dann habe ich bei den Männern, Junioren und Senioren zusammen 45 Athleten am Start. In Norwegen sind es 150 bis 200 Männer. Unser System im Biathlon kann nicht so schlecht sein, dass es uns immer wieder gelingt, international zu bestehen. Da muss man nicht so sehr nach anderen schauen, wir müssen uns auf uns selbst besinnen. Wir brauchen die Unterstützung unserer Sportpolitik, damit wir uns das an der Basis leisten können."

Zurück nach Antholz. Die Rennen finden auf etwa 1.600 Meter Höhe statt, was die Strecken und auch den Schießstand besonders macht. Was wird denn der limitierende Faktor bei der WM sein?

Mark Kirchner: "Es ist nicht außergewöhnlich, auf 1.600 Meter zu laufen. Das haben wir jedes Jahr im Weltcup. Aktuell sind alle Mannschaften in der mittleren Höhe auf 1.400 bis 1.600 Meter unterwegs. Alle passen ihre Körper an, alle Nationen gehen mit denselben Voraussetzungen an den Start. Von daher gibt es keine limitierenden Faktoren."

Worauf können wir uns bei der WM freuen?

Das Biathlon-Stadion in Antholz

Das Biathlon-Stadion in Antholz

Mark Kirchner: "Das wird ein absolutes Highlight. Antholz ist seit Jahrzehnten für hochkarätige Biathlon-Rennen bekannt, sie haben mehrere Weltmeisterschaften ausgerichtet. Das ganze Ambiente, angefangen von den Zuschauern, von der Lage der Anlage, auch meist mit schönem Winterwetter. Das werden ganz hochkarätige Weltmeisterschaften, für die Mannschaften und für jeden Fan, der nach Antholz fährt."

Im vergangenen Jahr gab es in acht Einzel-Rennen acht verschiedene Weltmeister. Sehen Sie in diesem Jahr jemanden, der die WM dominieren könnte?

Mark Kirchner: "Damit beschäftige ich mich nicht. Für mich ist wichtig, dass wir unsere Mannschaft konkurrenzfähig nach Antholz schicken. Wir wollen uns nicht kampflos ergeben. Wir haben auch keine Angst vor großen Namen. Bestes Beispiel ist der Benni (Doll, d.Red.), der in Pokljuka im Massenstart mit Johannes Thingnes Bö und Martin Fourcade die beiden erfolgreichsten schlagen konnte. Wenn man das als Sinnbild und Motivation mitnimmt, müssen wir uns vor niemandem verstecken."

Sie haben bereits bei uns in der ARD gesagt, dass Sie in jedem Teamwettkampf um eine Medaille mitkämpfen wollen und in jedem Teilbereich ein bis zwei Medaillen sehen. Macht insgesamt sechs bis acht Medaillen als Vorgabe …

Mark Kirchner: "Ich kenne keine Medaillenvorgabe vom Verband. Das ist eine Einschätzung von meiner Seite, was möglich ist. Wenn wir mit fünf bis sechs Medaillen nach Hause fahren, können wir mehr als zufrieden sein."

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die WM.

Das Interview führte Dirk Hofmeister.

Das deutsche Biathlon-Team sucht die WM-Leistungsträger Sportschau 26.01.2020 04:01 Min. Verfügbar bis 26.01.2021 Das Erste

dh | Stand: 07.02.2020, 07:40

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