Chinas Biathlon-Trainer Obererlacher - Diamanten, wie es sie in Europa nicht gibt

Biathlon in China - Josef Obererlacher

Interview mit dem Biathlon-Trainer von China

Chinas Biathlon-Trainer Obererlacher - Diamanten, wie es sie in Europa nicht gibt

Er soll Chinas Biathlon-Frauen zu einer Olympiamedaille führen. Im Interview spricht Trainer Joe Obererlacher über seine Motivation, realistische Ziele, Doping, Gleichberechtigung der Frau und die Entwicklung des Biathlon in China.

Frage: Herr Obererlacher, Sie sind seit Frühjahr 2018 Biathlon-Trainer in China. Warum China?

Joe Obererlacher: "Ich suche immer etwas Exotisches, etwas Nicht-Machbares, wo alle sagen, da bist Du zum Scheitern verurteilt. Diese Sachen reizen mich. Nichts ist unmöglich ist mein Motto. Und gerade im Biathlon trifft das mehr als zu."

Ist die Aufgabe in China denn aussichtslos?

Joe Obererlacher: "Eben nicht. Ich wurde im Mai nach China eingeladen und wollte zunächst das Athletenpotenzial sehen. Und da habe ich die Talente gesehen. Fanqui 'Fanny' Meng und Yuanmeng 'Blacky' Chu zum Beispiel, 20 und 19 Jahre alt. Die beiden sind für mich echte Diamanten, wie es sie aktuell in Europa nicht gibt. Mit ihnen können wir in der Welt mithalten. Insgesamt gibt es zwölf Mädchen, von denen ich mir vorstellen kann, dass sie bei Olympia in Peking dabei sind."

Ist der Erfolg sauber zu erreichen?

Joe Obererlacher: "China ist eine stolze Nation. Die haben ganz strikte Regeln, sauber zu arbeiten. Das steht auch in meinem Vertrag, das habe ich sofort unterschrieben. Bei den Sportlerinnen steht in den Verträgen, dass sie nicht einfach in ein Restaurant gehen dürfen und Fleisch essen. Damit soll verhindert werden, dass sie ein verseuchtes oder genmanipuliertes Fleisch essen und plötzlich ist die Dopingkontrolle da."

Was ist ein realistisches Ziel für Olympia 2022?

Joe Obererlacher: "Für mich ist das Kollektiv wichtig. Ich möchte in der Staffel um die Medaille mitmischen. Es gibt immer die Möglichkeit, dass die Arrivierten einen Fehler machen. Dann müssen wir da sein. Sonst sind wir fehl am Platz. Mit diesem Athletenpotenzial sollte uns das gelingen, in Peking eine Medaille zu holen. Vielleicht gelingt es uns."

Fanqui Meng sagte im Interview, dass sie am Biathlon vor allem den Umgang mit dem Gewehr mag, da fühle sie sich stark. Stellt Biathlon für die jungen Frauen in China auch eine Chance auf Gleichberechtigung, auf weibliche Emanzipation dar? China gilt ja als sehr patriarchales Land ...

Joe Obererlacher: "Wenn Frauen wie Fanny international stark sind, wenn sie Erfolge holen, wenn sie ihr Land repräsentierten. Dann sind sie anerkannt, dann bekommen sie u.a. ein von der Regierung mitfinanziertes Haus. Das sind für die Frauen Anreize. Den Familien geht es gut, die Schwestern und Brüder bekommen eine bessere Ausbildung, leider ist das so. Das System ist immer noch kommunistisch eingestellt. Seit die Geburtenregelung gefallen ist, ist das Land offener. Ich denke schon, dass es da ein Umdenken geben wird, dass die Frau gleichviel wert sein sollte, dass die Frauen nicht Menschen zweiter Klasse sind. Ich hoffe, dass wir da einen Beitrag leisten."

In China ist Nordischer Skisport nicht sehr populär. Gibt es verlässliche Zahlen, wie viele Chinesinnen und Chinesen Langlauf oder Biathlon betreiben?

Joe Obererlacher: "Ich habe die Augen aufgemacht und versucht, das herauszufinden. Es gibt viele Regionen in China. Jede Region hat so eine Art Landesverband. Beim Langlauf weiß keiner, wer gehört wohin und wer hat das Sagen. Da möchte ich nicht der verantwortliche Trainer sein, da müsste man viel ordnen. Bei den Biathleten ist es überschaubar. Wir sind eine kleine Familie. Ich kenne alle, auch die  ganz jungen. Nirgends in Europa werden die 12- bis 16-Jährigen so hart rangenommen. Die trainieren teilweise viermal oder öfter, man hört sie 6 Uhr morgens schon. Am Abend nach dem Essen geht noch einmal eine Stunde. Das ist ganz verrückt. Wir haben dann auch schon Diskussionen wegen der Regeneration gehabt. Dann wurde mir jetzt auch Recht gegeben."

Man merkt im Gespräch, dass Sie Menschen mitreißen können. Wie würden Sie sich als Trainertyp beschreiben?

Joe Obererlacher: "Ich bin fanatisch, ich bin ehrgeizig. Ich kann motivieren, ich motiviere jeden Tag. Gerade wenn es in die Hose geht. Ich bin Vater und Trainer. Ich habe die Leine, wenn es funktioniert, ist sie lang. Wenn nicht, wird sie straffer."

Sie arbeiten ohne Dolmetscher, sagen, dass Sie ein unorthodoxes System mit Händen und Füßen entwickelt hätten. Was sind ihre Kniffe in der Arbeit mit ihren Athletinnen?

Joe Obererlacher: "Es geht um das Kollektiv. Ich lasse die Frauen immer gemeinsam trainieren. Die Mädels sollen den Wettkampf spüren und sich gegenseitig pushen. Das zahlt sich aus. Mit knallharter Arbeit und mit seriöser Arbeit - da geht etwas. Bei mir gibt es jeden Tag nur die volle Motivation. Das nehmen die Mädels mit. Wir sind diese Saison schon weiter als gedacht. Das freut mich.

Ich habe noch nie so eine disziplinierte Mannschaft erlebt, es gibt keinen Zickenkrieg, keine ist scharf gegen die andere. Sie halten so zusammen. Das macht uns stark. Der Leistungssport ist so hart. Wenn die Athletinnen gut miteinander können, kann es nur von Vorteil sein."

Was sind die nächsten sportlichen Ziele?

Joe Obererlacher: "Wir sind nicht mehr weit von den Top 20 entfernt. Das peilen wir nächstes Jahr an, über die Schießzeiten, da sind wir noch zu langsam. Uns ist aber gelungen ist, das kompakte Schießen zu verbessern, Druck zu machen. Im Nationencup hatten wir in diesem Jahr nur zwei Single-Startplätze, weil wir nicht Top 23 waren. Jetzt sind wir Top 20 und haben kommendes Jahr drei Startplätze. Wir müssen uns hocharbeiten. Das gelingt uns. Ein weiteres Jahr will ich dann schon vier Startplätze haben. Und dann sind wir schon Mittelmaß und ärgern vielleicht die eine oder andere große Nation. Das ist mein Ziel."

Gibt es Ideen, über 2022 hinaus in China zu bleiben?

Joe Obererlacher: "Man soll nie nie sagen. Die Mannschaft ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich mich ermutigen ließe, weiterzumachen. Mein Weg ist in drei Jahren noch nicht fertig. Da liegt dahinter so viel Potenzial. Nach sieben Jahren könnte ich vielleicht sagen, jetzt könnte ich mich zurücklehnen. Dann könnte ich mir die Sinnfrage stellen, ob ich mir nicht zu Hause die ARD einschalten sollte und Biathlon anschauen. Bis dahin ist aber noch viel Zeit, da fließt noch viel Wasser die Donau herunter."

Vielen Dank für das Gespräch

Das Interview führte Dirk Hofmeister.

Stand: 15.03.2019, 14:24

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