"Hurra die Herrmann" - Erfolgskonzept für WM-Medaille

Denise Herrmann im Ziel des Verfolgungsrennens der Biathlon-WM in Antholz am 16.02.2020

Biathlon-WM in Antholz

"Hurra die Herrmann" - Erfolgskonzept für WM-Medaille

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi (Antholz)

Zweimal war sie nah dran, am Sonntag hat es endlich mit einer Medaille geklappt. Dabei profitierte Denise Herrmann von einem persönlichen Erfolgskonzept: Laufstark ist sie als ehemalige Langläufern sowieso, die Nerven am Schießstand hat sie im Verfolger auch behalten und motiviert hat sich die 31-Jährige vorher mit ihrer persönlichen Geheimwaffe - deutschem Schlager.

Auch lange nachdem die letzte Kamera ausgeschaltet war, saß sie auf ihrem kleinen Stuhl hinter dem Mikrofon und strahlte. Denise Herrmann beantwortete jede Frage, auch bis zum letzten Zeitungsjournalisten für die lokalen Blätter.

Biathlon-WM - Herrmann holt Silber in der Verfolgung Morgenmagazin 17.02.2020 01:26 Min. Verfügbar bis 17.02.2021 Das Erste

Denise Herrmann auf der Pressekonferenz nach dem Verfolgungsrennen der Biathlon-WM in Antholz am 16.02.2020

Denise Herrmann

Es war ein gänzlich anderes Bild auf der Pressekonferenz als am Samstag nach dem Herren-Sprint. Während Alexander Loginow geduckt in seinem Stuhl saß und immer wieder auf sein Handy schaute, strahlten die drei Medaillen-Gewinnerinnen. Die neue Verfolgungsweltmeisterin Dorothea Wierer und die Silber-Medaillen-Gewinnerin Denise Herrmann scherzten gemeinsam, unterschrieben auf dem offiziellen WM-Magazin.

"Ich wusste, dass ich in einer richtig guten Laufform bin. Am Schießstand muss ich nur einigermaßen treffen, brauche gar nicht null zu schießen. Ich darf nur nicht komplett versagen", erklärte die neue Vizeweltmeisterin den Journalisten. Auf die Frage, ob sie am Abend richtig feiern wolle, antwortete die derzeit beste deutsche Biathletin, für einen Grappa werde es wohl nicht reichen. Aber auf einen Eierlikörkrapfen, den ihr ihr Freund, der Langläufer Thomas Wick, mitgebracht habe, freue sie sich schon.

Die Stimmen der deutschen Biathletinnen zur Verfolgung Sportschau 16.02.2020 07:11 Min. Verfügbar bis 16.02.2021 Das Erste

"Hurra die Gams" statt Helene Fischer

Musiktechnisch ist Herrmann längst in Feierstimmung: "Wir haben mittlerweile von Helene Fischer auf den Song 'Hurra die Gams' gewechselt. Für Helene kann ich die Mädels nicht begeistern. Aber die Maren (Hammerschmidt A.d.Red.) hat für mich extra Schlager in unsere gemeinsame Playlist gepackt, es wird also", sagt Herrmann und lacht dabei.

Denise Herrmann und die große Erleichterung Sportschau 16.02.2020 04:12 Min. Verfügbar bis 16.02.2021 Das Erste

Auch das gesamte deutsche Ergebnis lässt für die nächsten Rennen hoffen. Vanessa Hinz als Fünfte und Franziska Preuß als Siebte sorgten für einen starken schwarz-rot-goldenen Auftritt. Vor allem Franziska Preuß war erleichtert: "Ich muss sagen, das freut mich heute schon am meisten. Natürlich auch die Medaille von Denise, sie hat es mega verdient und war diese Saison schon oft auf dem Podium. Man hört natürlich die ganzen Kritiker, die sagen, wir deutschen Mädels sind so schlecht. Ich hoffe, die werden jetzt alles etwas ruhiger."

"Im echten Leben bin ich gar nicht so selbst bewusst."

Die Überraschung des Tages gelang ein paar Stunden später einem anderen. Die Zuschauer in der Antholzer Biathlonarena konnten fast das Gefühl bekommen, dass sich bei Emilien Jacquelin ein wenig Unglaube zu der emotionalen Siegerfaust gesellte. Der Franzose hatte gerade den großen Dominator der vergangenen Jahre, den Norweger Johannes Thingnes Boe, im Zielsprint besiegt und sich zum Verfolgungsweltmeister 2020 gekürt. Vor allem wie es dazu kam, zeigte, was Jacquelin für ein Typ ist. "Im echten Leben bin ich gar nicht so selbstbewusst", erzählte der 24-Jährige im Anschluss an das Rennen. "Aber sobald ich Skier anhabe, verändert sich das."

Emilien Jacquelin nach dem Verfolgungsrennen der Biathlon-WM in Antholz am 16.02.2020

Emilien Jacquelin

Die Verwandlung des Emilien Jacquelin

Jacquelin hatte auf der letzten Runde, auf die er gemeinsam mit Bö gegangen war, taktiert, gelauert und letztendlich attackiert. Während der Flower-Ceremony glich die Haupttribüne einem französischen Flaggenmeer. Tausende Fans sangen. Die Marseillaise war im gesamten Stadion zu hören. Die Begeisterung für Jacquelin und das Interesse an dem jungen Franzosen waren riesig. Bei der Pressekonferenz stellten ihm die Journalisten, ähnlich wie zuvor bei Herrmann, Fragen bis weit nach dem offiziellen Ende. Der Mann der Stunde hatte Erstaunliches zu berichten - und zwar von einer persönlichen Verwandlung. "Letztes Jahr war ich zu nett zu den anderen", sagte Jacquelin, "zu den Teamkollegen, zu den Konkurrenten. Ich war der junge Emilien, der froh über einen Platz im Team war. Aber als ich im Mai das Training wieder aufnahm, habe ich mich verändert. Ich wollte einer der besten Biathleten der Saison werden."

Das ist ihm eindrucksvoll gelungen. Und einen Bonus gab es zusätzlich zur Goldmedaille oben drauf: Dorothea Wierer, die nur Stunden zuvor selbst Verfolgungsweltmeisterin wurde, adelte Jacquelin. Sie würde von ihm lernen, weil er vor niemandem Angst habe. Genau das hat der neue Weltmeister heute bewiesen.

"Biathlon ist nicht schießen und schießen"

Am Montag ist Ruhetag bei der Biathlon-WM. Denise Herrmann will sich erholen, natürlich auf Skiern: "Vielleicht gehe ich mal wieder klassisch laufen, rüber nach Toblach, das ist wunderschön. Da kann ich einfach mal die Landschaft genießen." Sie freut sich aber schon auf den nächsten Wettkampf. Es ist wohl einer der umstrittensten Wettbewerbe - der Einzel. Auch dort ist sie eine Kandidatin, wenn die Medaillen verteilt werden.

Verfolgung der Damen bei der Biathlon-WM - die Siegerehrung Sportschau 16.02.2020 07:02 Min. Verfügbar bis 16.02.2021 Das Erste

"Biathlon ist laufen und schießen, nicht schießen und schießen. Klar, wir sind offen für Veränderungen, aber wir müssen auch an Traditionen festhalten", berichtete Herrmann. Das nächste Rennen ist das traditionsreichste und älteste im Biathlon-Zirkus: Ein schießlastiger Wettbewerb, denn statt Strafrunden werden bei Fehlschüssen Strafminuten verteilt. Beim letzten Weltcup vor der WM auf der Pokljuka stand die Sächsin eben in diesem Rennen ganz oben auf dem Podest. Also könnte es am Dienstag dann vielleicht wieder "Hurra die Gams", beziehungsweise: "Hurra die Herrmann" heißen.

Stand: 16.02.2020, 19:29

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