Ein Brite, ein Rapper, ein Social-Media-Star - Typen bei der Biathlon-WM

Vinny Fountain beim 10 km-Rennen in Antholz

Weltmeisterschaft auf der Pokljuka

Ein Brite, ein Rapper, ein Social-Media-Star - Typen bei der Biathlon-WM

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi (Pokljuka)

Wer sich das Starterfeld bei Biathlon-WM genauer anschaut, findet auch nicht nur lupenreine Sportler - sondern auch skurrile Typen mit ungewöhnlichen Nebentätigkeiten.

Wer mit Vinny Fountain über Biathlon spricht, schaut dabei in funkelnde Augen. Die Begeisterung des 29-Jährigen für seinen Sport ist ansteckend. Fountain ist bei der Biathlon-WM auf der Pokljuka der einzige Brite.

Es stellt sich beim Anblick des muskulösen Mannes schnell die Frage, wie ein Mensch aus Nordengland zu einem Wintersport kommt. "Man muss schon ein bisschen verrückt sein", berichtet Fountain und lacht. Als er seiner Familie und Freunden erzählte, er sei jetzt Biathlet, war die erste Reaktion: "Was ist Biathlon?"

Britische Snow Patrol

"In meiner Jugend bin ich geschwommen und habe Fußball gespielt - die Mainstream-Sportarten halt", blickt er zurück. 2011 wurde er beim Militär für die britischen Biathlon-Meisterschaften nominiert. Berührungspunkte mit dem Sport gab es vorher quasi keine. Fountain schlug sich gut, wurde als bester Newcomer in die "Mannschaft der Zukunft" berufen.

Seither ging es steil bergauf, seit 2015 vertritt er Großbritannien auf der internationalen Bühne. Er lebt und trainiert in Ruhploding.

Ein Hauch von "Eddie the Eagle"

Vinny Fountain wird nie um Podestplätze mitlaufen. Das ist ihm auch bewusst. Ein bisschen erinnert sein (ausbleibender) sportlicher Erfolg an den britischen Kult-Skispringer Michael Edwards - besser bekannt als "Eddie the Eagle". Fountains bestes Ergebnis bei diesen Weltmeisterschaften war ein 98. Platz im Einzel - 100 Starter waren angetreten.

"Ich gebe einfach mein Bestes und genieße die Erfahrung", sagt er. Bei einem Großereignis mit den Stars der Biathlon-Szene am Start stehen zu dürfen, sei für ihn wie "ein bisschen mit Wayne Rooney im Londoner Wembley-Stadion zu kicken". Und da ist es wieder, dieses Funkeln in seinen Augen. 

Der Beat-Athlet

Der Biathlet und Rapper Niklas Hartweg

Der Biathlet und Rapper Niklas Hartweg

Mit einer Kapuze über den Kopf gezogen bewegt sich Nik Perry cool Richtung Kamera. Die Gesten, die Mimik und die Körpersprache - wie bei den Großen der Rapszene. Die Atmosphäre in seinem Musikvideo zum Song "Kei Ziet" ist etwas düster - er hängt mit seinen Freunden nachts auf den Straßen Zürichs ab und rappt auf Schwyzer Deutsch.

So weit, so normal für einen 19-Jährigen Rapper. Seine Songs wurden 4,5 Millionen Mal gestreamt. Nik Perry heißt im echten Leben Niklas Hartweg und ist Junioren-Weltmeister im Biathlon. "Im Sommer 2019 zwang mich eine Lungenentzündung zu einer längeren Trainingspause", erzählt er: "Da hatte ich plötzlich viel Zeit und fing an, Beats zu bauen. Und plötzlich waren schon die ersten Songs fertig."

"Ich will als Sportler wahrgenommen werden“

Hartweg ist ein Multitalent. Am Schießstand und in der Loipe präsentierte er sich schon in jungen Jahren abgezockt wie in seinen Musikvideos. Die WM in Slowenien ist seine erste in der Biathlon-Weltelite. "Ich identifiziere mich als Sportler und gebe alles dafür, als solcher wahrgenommen zu werden", sagt Hartweg: "Ich freue mich über jede Minute Spaß, die mir die Musik gibt. Aber meine Vision und mein Fokus liegen auf dem Sport."

Sein sportliches Ziel ist es, einmal Olympiasieger zu werden - und wenn er dann im Sommer noch auf ein paar Musikfestivals spielen kann, würde er sich nicht beschweren.

Die Insta-Queen

Ingrid Landmark Tandrevold in Pokljuka

Ingrid Landmark Tandrevold in Pokljuka

Sie ist blond, spricht norwegisch und meistens tritt sie im Doppelpack mit ihrer besten Freundin Tiril Eckhoff auf. Egal ob Instagram, Vlog oder Podcast, in den Sozialen Medien ist Ingrid Landmark Tandrevold die Biathlon-Königin: "Ich denke es ist wichtig, Spaß zu haben. Tiril und ich teilen uns 200 Tage im Jahr ein Zimmer. Wenn es nur um Biathlon gehen würde, wäre ich bei der WM nicht am Start gewesen, weil ich gelangweilt von Biathlon wäre."

Im Netz tanzen die Norwegerinnen mit Sonnenbrille auf Skiern rückwärts in der Loipe oder in Hotpants im Moonwalk auf dem Hotelbalkon. Auch in den Biathlon-Stadien bleiben sie selten unbemerkt. Sucht eine Kamera vor Rennstart im Aufwärmbereich der Athleten nach ausgefallenen Bildern, findet sie oft das Grinsen von Ingrid Landmark Tandrevold.

Im Nationaltrikot auf Avocado-Jagd

Beim Einzel am Dienstag (16.02.2021) konnte die 24-Jährige auch sportlich überzeugen, gewann Bronze und damit ihre erste Medaille dieser WM. Und auch da war es wieder, dieses schelmische Grinsen unter der weißen Maske, mit dem sie wie ein Flummi von Mikrofon zu Mikrofon sprang. Puzzeln, das war ihr Plan für den Abend, eine große Feier sei ja eh nicht möglich.

Auf die Frage nach der verrücktesten Aktion, überlegt sie nicht lang: "Wir waren mal in Oslo containern - mit Stirnlampe und norwegischem Nationalanzug. Die Leute müssen gedacht haben, beim Biathlon verdienen wir so wenig, dass wir unser Essen im Müll sammeln. Das war lustig, und hey, wir haben richtig gute Avocados gefunden."

Stand: 19.02.2021, 10:00

Darstellung: