Chinas Traum von der Biathlon-Olympia-Medaille

Biathlon in China - Josef Obererlacher

Chinas Traum von der Biathlon-Olympia-Medaille

Von Dirk Hofmeister, Östersund

Bei den Winterspielen 2022 hat Gastgeber China ein großes Ziel: eine Biathlon-Medaille. Um das Ziel zu erreichen, wurde ein Trainer verpflichtet, der einst schon Kaisa Mäkäräinen an die Weltspitze führte. Und der hat bereits Toptalente gesichtet, "wie es sie in Europa nicht gibt."

Februar 2022, Olympisches Biathlon-Stadion in Kyuangshu, Staffel der Frauen, noch 500 Meter zu gehen. Laura Dahlmeier, 28-jähriger Biathlon-Superstar, greift zum Abschluss ihrer außergewöhnlichen Karriere nach ihrer neunten Olympiamedaille. Kurz vor dem Ziel liegt Dahlmeier vorn. Doch die Deutsche muss hart um Gold kämpfen. Im Schlussspurt liefert sie sich ein packendes Finish mit Schwedens Schlussläuferin Hanna Öberg und Julia Simon aus Frankreich. Doch wer kommt da von hinten mit der größten Endgeschwindigkeit? Im Stadion wird es laut, erstmals gehen auch die Chinesen voll mit, schreien und jubeln. Fanqui Meng kommt herangeflogen. Fanqui Meng verkürzt den Abstand. Nur noch wenige Meter, Fanqui Meng auf dem Weg zu ...

Fanqui wer?

Biathlon in China - Josef Obererlacher

Stop! Fanqui wer? Fanqui Meng, Chinesin, Junioren-Weltmeisterin 2019. Bei Heim-Olympia im Februar 2022 ist sie 23 Jahre alt. Seit ihrem Weltcup-Debüt im Januar 2017 in Ruhpolding und nach ihren ersten WM-Einsätzen 2019 in Östersund hat sich Meng kontinuierlich in der Weltspitze nach vorn gearbeitet. Und nun greift sie nach der ersten Biathlon-Olympiamedaille für China.

Keine Medaille für China? "Dann bin ich fehl am Platz"

So ungefähr könnten die Wunschträume von Josef "Joe" Obererlacher für Olympia 2022 aussehen. Zurück ins Jahr 2019: Der Österreicher ist Trainer der chinesischen Biathlon-Frauen. Ein Mann mit Visionen und der klaren Worte: "Wir wollen eine Olympiamedaille. Wenn ich das nicht schaffe, bin ich fehl am Platz." Wenn der 55-Jährige die Sätze ausspricht, leuchten seine Augen, er sprüht vor Enthusiasmus, Energie und Begeisterung. Und wenn man Obererlacher zuhört, ist es schwer, sich dem zu entziehen.

Obererlacher führte Mäkäräinen in die Weltspitze

Biathlon in China - Josef Obererlacher

Obererlacher am Zielfernrohr

Der Name des früheren österreichischen Biathlon-Meisters ist in der Biathlonszene bekannt und geachtet. Als Schießtrainer von Kaisa Mäkäräinen führte er die Finnin 2011 in die Weltspitze, später sorgte er mit Belgiens Männern für Achtungserfolge mit der Staffel. Und jetzt China. Warum? "Ich suche immer etwas Exotisches, etwas Nicht-Machbares, wo alle sagen, da bist du zum Scheitern verurteilt." Ist die Aufgabe in China denn aussichtslos? "Eben nicht", lacht der Coach im Interview. "Im Mai 2018 wurde ich nach China eingeladen. Und da habe ich die Talente gesehen. Fanqui 'Fanny' Meng und Yuanmeng 'Blacky' Chu zum Beispiel. Die beiden sind für mich echte Diamanten, wie es sie aktuell in Europa nicht gibt. Mit ihnen können wir in der Welt mithalten."

"Ich bin fanatisch, ehrgeizig, Vater und Trainer"

Meng und Chu an die Weltspitze zu führen - das ist die große Aufgabe von Obererlacher. Seine große Stärke - er kann Menschen für sich einnehmen. "Bei mir gibt es jeden Tag nur die volle Motivation. Ich bin fanatisch, ich bin ehrgeizig. Ich bin Vater und Trainer. Ich kann motivieren. Jeden Tag. Gerade, wenn es in die Hose geht", sagt Obererlacher über Obererlacher.

Beim Schießen die langsamste Mannschaft

Motivation und Optimismus - beides wird der Coach bei seiner Aufgabe auch benötigen. Denn der Weg in die Weltspitze dürfte noch steinig werden. Aus sportlichen und strukturellen Gründen. Mit Laufzeiten jenseits der Top 50 sind die Chinesinnen noch weit von den vorderen Plätzen entfernt, zudem verlieren Meng und ihre Teamkolleginnen Yan Zhang und Jialin Tang viel Zeit am Schießstand. "Beim Schießen sind wir die langsamste Mannschaft. Da müssen wir die Hebel ansetzen", sagt Obererlacher.

Keine Effizienz im chinesischen Sportsystem

Zudem fehle in dem sehr hierarchisch und von Apparaten gelenkten chinesischen Sportsystem die richtige Mischung von Aufwand und Nutzen. Die Sportlerinnen würden angehalten, viermal oder öfter am Tag zu trainieren, frühmorgens um 6 Uhr das erste Mal, das letzte Mal nach dem Abendessen. An notwendige Regeneration werde dabei nicht gedacht.

In die Unterkünfte und das Essen werde viel investiert, in die spezifische Sportlerförderung dagegen kaum. "Es wird viel Geld reingesteckt. Aber die Effizienz fehlt", erklärt Obererlacher und erzählt die Geschichte, dass seinen Skitechnikern eines Tages eine große Kiste mit Skiwachsen der teuersten Firma auf dem Markt bestellt wurde. Ohne vorher zu fragen, ob diese Wachse spezifisch überhaupt benötigt würden. "Aber jetzt in Östersund haben wir den großen Boss da. Er hat gesehen, wie die großen Nationen arbeiten. Da hat er uns ein stattliches Budget bewilligt, damit wir professioneller arbeiten können."

Nagelneues Trainingszentrum in Olympia-Höhe

Die erste Olympia-Medaille im Biathlon, das strebt auch die chinesische Sportführung an. Um dem eigenen Team einen Heim-Vorteil zu verschaffen, wurde eigens für die Olympischen Spiele ein Leistungszentrum gebaut. Auf 1.600 Meter Höhe, da wo auch Kyuangshu liegt, das 200 Kilometer nordwestlich von Peking entfernte Biathlon-Stadion, in dem 2022 die nordischen Skisportarten ausgetragen werden.

Fanqui Meng: "Junioren-Weltmeisterin bin ich bereits ..."

In Kyuangshu 2022 sollen die chinesischen Biathletinnen dann auch mit internationalen Journalisten sprechen – in englisch versteht sich. Bis dahin verständigen sich Coach und Athletinnen mit Händen und Füßen, ohne Dolmetscher. "Wir haben ein eigenes, unorthodoxes System aus Handzeichen. Das funktioniert. Die Mädchen sind sehr klug."

Biathlon in China - Josef Obererlacher

Meng (li.) und Zhan (re.): "Wollen auf das höchste Level"

Und sie sind schon jetzt vom Gedanken an eine mögliche Olympiamedaille euphorisiert. Meng, die schon davon träumt, mit der großen chinesischen Mannschaft bei der Olympia-Eröffnungsfeier einzumarschieren, sagt: "Ich war bereits Junioren-Weltmeisterin, bei Olympia möchte ich auch eine Medaille". Und Zhang, die in Östersund mit Rang 27 im Einzel zu ihrem besten Karriereergebnis lief, ergänzt: "Wir wollen auf das höchste Level." Noch klingt das alles ganz schön unwirklich. Aber noch sind das olympische Staffel-Finale im Biathlon und das packende Schlussfinish mit Laura Dahlmeier ja auch noch drei Jahre entfernt ...

Stand: 15.03.2019, 14:19

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