Biathlon-WM-Sprints: Der Auftakt nach dem Auftakt

"Gewehrwechsel als Geniestreich" - Bö auch mit neuer Waffe top? Sportschau 12.02.2021 02:30 Min. Verfügbar bis 12.02.2022 Das Erste

Biathlon-WM:

Biathlon-WM-Sprints: Der Auftakt nach dem Auftakt

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Was tun, wenn das erste Rennen einer WM schiefgeht? Mit dieser Frage mussten sich zwei deutsche Athleten in den vergangenen Tagen befassen. Währenddessen scheint bei einem Norweger ein riskantes Spiel gut zu gehen. Der Sprint könnte all das aufklären.

Am Morgen nach der Mixed-Staffel ist es nebelig im kleinen Dorf Zasip. Dicht gedrängt reihen sich hier alte Fachwerk- und Gutshäuser aneinander. Holzbalkone erinnern an alte Hütten aus den Skigebieten der Alpen. Auf einem kleinen Bauernhof gibt Franziska Preuß am Ruhetag ein Interview, während von den deutschen Männern vor der Sprint-Entscheidung nichts zu sehen ist.

Abgeschottet zwischen Maiskolben und Ziegen

Nur zwei Ziegen sind durch das angelehnte Scheunentor zu hören. An der Galerie im ersten Stock hängen gebündelte Maiskolben zum Trocknen. Hier wohnt das deutsche Team während der Weltmeisterschaften, abgeschottet in der eigenen Corona-Blase. Nur eine schmale Straße mit verwinkelten Gassen führt in das Dorf unweit der Stadt Bled.

So ein Ruhetag kann für viel mehr dienen, als nur zu Regeneration. Er bietet die Möglichkeit, den Kopf frei zu bekommen - auch dann, wenn die WM noch gar nicht richtig begonnen hat. "Ich werde eine Runde klassisch laufen", sagt Erik Lesser. "An den Schießstand werde ich nicht gehen, das brauche ich nicht."

Abhaken versus daran knabbern

Erik Lesser nach seinen Zieleinlauf bei der Biathlon-WM in Pokljuka

Jeder Sportler steht nach Rückschlägen an einem Scheideweg: abhaken oder daran knabbern. Arnd Peiffer gibt nach der verpatzten Mixed-Staffel Einblicke in das Seelenleben von Kumpel Erik Lesser. "Erik hat eben im Wohnmobil gesessen, "Arbeit nervt" von Deichkind gehört und sich kurz in seinem Selbsthass gesalbt", berichtet er und schmunzelt.

"Aber in zwei Stunden ist auch wieder gut." Der Blick geht Richtung Sprint. Wenn man so will, ist es für Peiffer und Lesser ein zweiter WM-Auftakt, ein Neustart. "Mein Ziel ist es, am Schießstand gut zu arbeiten", konkretisiert Sprint-Olympiasieger Peiffer seine Ambitionen. "Ein Fehler ist im Sprint schon zu viel, da muss man Null schießen."

"Neues Spiel, neues Glück"

Es soll in den kommenden Tagen kälter werden auf der Pokljuka - der starke Mix aus Schnee und Regen, der die Strecke tief machte, soll ausbleiben. "Ich glaube, dass das eher unsere Bedingungen sein werden", prognostiziert Peiffer. "Das gilt für unser Befinden, aber auch für unser Skimaterial. Neues Spiel, neues Glück."

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Das gilt nicht für Benedikt Doll. Für den Sprint-Weltmeister von 2017 ist der Wettbewerb über die zehn Kilometer der WM-Auftakt. Der 30-Jährige hat sich statt in der Mixed-Staffel zu laufen ein Testrennen mit Teamkollege Johannes Kühn geliefert. "Null Fehler und knapp vor Johannes", freut sich der Schwarzwälder und grinst schelmisch. Am Freitag wird der Druck dann aber ein ganz anderer sein. Die Aufregung bekämpft er am Tag vor seinem ersten Auftritt in Slowenien mit Kaffee und Kuchen: "Das darf nicht fehlen."

"Irgendwann wird das Podium ziemlich klein"

So richtig stressig wird es für Doll, der schon fünf WM-Medaillen gewonnen hat, dann aber erst kurz vor dem Start. "Die Stunde vor und dann die ersten fünf Minuten im Rennen sind, was den Stress angeht wirklich schrecklich." Hohe Ziele steckt er sich natürlich trotzdem. Eine Einzelmedaille wäre ein Traum. Aber: "Wenn schon vier Norweger vorne sind, wird das Podium irgendwann ziemlich klein." Recht hat er.

Johannes Thingnes Boe mit seiner Waffe in der Mxied-Staffel in Pokljuka

Johannes Thingnes Boe mit seiner Waffe in der Mxied-Staffel in Pokljuka

Der Titel im Sprint kann eigentlich nur an Einen gehen: Johannes Thingnes Bö. So wie der Norweger die Weltmeisterschaften vor einem Jahr abgeschlossen hat, hat er sie 2021 wieder begonnen - mit einer Goldmedaille. Er war der letzte Athlet, der die Mixed-Zone, den Interview-Bereich, nach dem Auftaktrennen verlassen hat. Da war die Sonne schon lang untergegangen und Bö stand allein im Mittelpunkt der Scheinwerfer: "Es ist das beste Gefühl, was es gibt. Das hier ist es, wofür wir trainieren", sagte Bö und hielt die Goldmedaille strahlend in die Kamera.

Bös neue Wunderwaffe mit französischer Handschrift

In diesen Tagen sprechen alle von Bös neuem Gewehr. Entwickelt hat es Clement Jacquelin, der Bruder von Emilien, einem der größten Konkurrenten des Norwegers. In diesem Winter schoss Bö ungewohnt viele Fehler: "Ich war der einzige Sportler, der am Tag vor dem Rennen noch an seinem Gewehr gebaut hat. Teilweise bin ich an einem Weltcup-Wochenende, bei drei Rennen mit drei unterschiedlichen Einstellungen gelaufen", erklärt der Olympiasieger im Einzel.

Beim Weltcup in Antholz fiel die Entscheidung. Die neue Waffe wurde in Frankreich am 3D-Drucker entworfen. Anstatt mit der Mannschaft ins Trainingslager zu fahren, reiste Bö zurück in die Heimat, um heimlich zu testen. Die neue Wunderwaffe kostet 8.000 Euro und damit doppelt so viel wie eine herkömmliche. Doch geht sie kaputt, kann sie durch Schablonen exakt dupliziert werden - ein immenser Vorteil.

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Das Gewehr als Geniestreich

"Ich hoffe natürlich, dass sich das Gewehr als ein Geniestreich erweist, denn dann sehe ich ziemlich smart aus", sagt er und lacht. "Ich bin mir aber auch bewusst, dass ich ziemlich blöd aussehe, wenn es nicht funktioniert", führt Johannes Bö aus und zwinkert. Es scheint bislang zu funktionieren.

Auf dem kleinen Bauernhof beschäftigen sie sich derweil mit anderen Dingen. Für die deutschen Männer geht es um Wiedergutmachung oder einfach um einen guten Auftakt nach dem Auftakt. Sollte das misslingen, könnte es auf dem idyllischen Bauernhof bald unruhiger werden.

Stand: 10.02.2021, 09:23

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