Beine sagen ja, Kopf sagt noch nein

Biathlon-WM in Pokljuka - das Warten auf die erste Medaille geht weiter Sportschau 14.02.2021 04:30 Min. Verfügbar bis 14.02.2022 Das Erste

Biathlon-WM

Beine sagen ja, Kopf sagt noch nein

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi

Alpine, Rodler, Bobfahrer: Wieder einmal überzeugt die Wintersport-Nation Deutschland im WM-Monat. Aber ausgerechnet bei den eigentlichen Medaillengaranten läuft es nicht, zur WM-Halbzeit haben die Biathleten noch keine Medaille gewonnen. Die Kritik der Fans wird lauter und der Ton im Netz rauer.

Die Reaktionen in der Mixed Zone ähnelten sich, obwohl die Verfolgungsrennen der deutschen Männer und Frauen eigentlich so unterschiedlich ausgegangen waren. Glücklich war, bis auf Vanessa Hinz, eigentlich niemand. Während die männlichen Biathleten erneut enttäuschten, zeigten die Skijägerinnen eine geschlossene und gute Mannschaftsleistung. Preuß, Hinz und Herrmann liefen in die Top 10. Eine Medaille, und das ist neben den bedröppelten Gesichtern fast die einzige geschlechterübergreifende Gemeinsamkeit der vergangenen Tage, blieb jedoch aus.

Harsche Kritik an deutschen Männern im Netz

Bei den Deutschen droht eine Schere zwischen Frauen und Männern aufzugehen nach knapp der Hälfte der WM-Rennen auf der Pokljuka. In der Leistung, so ehrlich muss man sein, tut sie das bereits. Wer einen Blick in die sozialen Medien wirft, wird nach dem desolaten Sprint und dem ausgebliebenen Wunder in der Verfolgung teils harsche und mitunter auch unsachliche Kritik am Männer-Team lesen: "Versager", "peinlich" und "Schande"- das sind noch die harmlosen Kommentare. Wechsel auf den Trainerpositionen werden gefordert.

Sogar ein sportartenfremder deutscher Spitzenathlet springt seinen Kumpels vom Biathlon zur Seite. Rodel-Olympiasieger Felix Loch zeigt sich nach dem Shitstorm bestürzt: "Sorry Leute, aber so geht man einfach nicht miteinander um!", schreibt er. "Wenn’s nicht läuft und so viele von euch "wahre Fans" sind, dann unterstützt uns doch und haut nicht noch drauf!"

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Eckhoff und Jacquelin bestimmen die WM

Die Norwegerin Tiril Eckhoff überquert die Ziellinie des Verfolgungs-Rennens.

Mit einem Spagatsprung über die Ziellinie beendete Tiril Eickhoff ihren Goldlauf in der Verfolgung. Drei Starts, drei Siege, die Norwegerin dominiert die Biathlon-WM. "Hätte mir das jemand vorher gesagt, den hätte ich wahrscheinlich ausgelacht", sagt Eckhoff etwas trocken, aber breit grinsend. Nachdem sie kurz zuvor noch geweint hatte - vor Freude, während die norwegische Nationalhymne bei der Siegerehrung lief.

Der männliche Dominator dieser Titelkämpfe könnte Emilien Jacquelin werden. Im Ziel drehte er sich um die Kameras und zeigte mit beiden Händen auf sein goldenes Trikot. Der Franzose ist der erste Mann der Biathlon-Geschichte, der seinen Weltmeistertitel in der Verfolgung verteidigen konnte. "Das Leibchen bekommen meine Eltern. Ich hatte so eine schwierige Saison, es war mental extrem hart. Meine Eltern haben mir sehr geholfen und ich bin mit großen Träumen nach Pokljuka gekommen", verrät Jacquelin mit zittriger Stimme.

"Du musst akzeptieren, dass du vielleicht schon verloren hast"

Bei Eckhoff und Jacquelin scheint alles so leicht zu gehen. Während die deutschen Athleten und Athletinnen mit hängenden Schultern von Journalist zu Journalistin laufen, bleibt die Norwegerin Eckhoff gern stehen, nimmt sich Zeit. Auch ganz am Ende der Mixed-Zone, nach mehr als 25 Boxenstops, strahlt sie noch beim letzten Mikrofon und versucht Gründe für ihren Erfolg zu finden: "Ein Traum ist wahr geworden. In der vergangenen Saison habe ich mir vor der WM extrem viel Druck gemacht, das war falsch. Dieses Mal wollte ich einfach nur gute Rennen für mich selbst laufen. Irgendwie klappt das ja ganz gut."

Biathlon-WM - Wird Vanessa Hinz die Überraschung der WM? Sportschau 15.02.2021 02:16 Min. Verfügbar bis 15.02.2022 Das Erste

"Wenn du gewinnen willst, musst du akzeptieren, dass du vielleicht schon verloren hast. Nur wer volles Risiko geht, wird auch belohnt. Das ist Biathlon. Du musst ruhig bleiben, dir aber trotzdem selbst vertrauen", so lautet das Rezept von Emilien Jacquelin - es scheint zu funktionieren, während die deutschen Biathleten aktuell noch nach diesem Selbstvertrauen zu suchen scheinen.

Die Erwartungen bei Frauen und Männern liegen weit auseinander

"Mir fehlt einfach"die Leichtigkeit, die Sicherheit und der Rhythmus", resümierte Benedikt Doll nach der Verfolgung. Auch bei ihm reichte in der Mixed Zone ein Blick in die Augen, um die getrübte Gefühlslage zu erahnen. "Ich werde die Waffe am Ruhetag einfach mal zur Seite legen", ergänzt der Schwarzwälder. Und die hochgesteckten Ziele müssen nach schwachen Leistungen nach unten korrigiert werden. Von Medaillen ist nicht mehr die Rede. "Ich muss erstmal eine gute Leistung bringen. Das ist das, was mich aktuell am meisten wurmt", sagt Arnd Peiffer. "Nicht zu viel denken, locker schießen, aber auch nicht leichtsinnig agieren, das nehm ich mir vor", richtet Doll den Blick nach vorne.

Verfolgung der Frauen in Pokljuka - die Stimmen Sportschau 14.02.2021 02:20 Min. Verfügbar bis 14.02.2022 Das Erste

Bei den Frauen ist trotz ausbleibender Medaillen die öffentliche Wahrnehmung eine andere. "Tolle Mannschaftsleistung" schreiben viele im Netz. Statt auf dem fehlenden Edelmetall herumzuhacken, wird gratuliert. "Ich bin sehr glücklich mit meinem Schießen", sagte Vanessa Hinz nach vier fehlerfreien Einlagen. Es war ihr bestes Saisonergebnis. "Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Das gibt brutal viel Selbstvertrauen."

Doll: "Nicht zu viel denken"

Franziska Preuß, beste Deutsche, wirkte mit ihrem fünften Rang nicht wirklich happy. Sie trauerte einem Podestplatz hinterher und dementsprechend strahlten die Augen über der FFP2-Maske nicht. "Einerseits ist ein fünfter Platz natürlich gut, andererseits bin ich jetzt schon etwas enttäuscht, weil halt echt was drin war." Ein Statement, das verdeutlicht, wie weit die Erwartungen der deutschen Frauen und Männer an sich selbst momentan noch auseinanderliegen. Zumindest läuferisch können beide mit der Weltspitze mithalten. Findet der ein oder andere Kopf zur alten Stärke, kommt sicherlich auch die Sicherheit im Schießen zurück, und dann spricht eigentlich nichts gegen Medaillen in der zweiten WM-Woche.

Stand: 15.02.2021, 15:37

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