Weltmeisterin Hanna Öberg - Bei der Biathlon-WM auf ein neues Level

Einzel der Frauen, Biathlon-WM in Östersund

Öberg läuft nach Einzel-Olympiasieg zu WM-Gold

Weltmeisterin Hanna Öberg - Bei der Biathlon-WM auf ein neues Level

Von Dirk Hofmeister, Östersund

Das hat noch keine Biathletin geschafft: Nach Einzel-Gold bei Olympia hat Hanna Öberg auch WM-Gold gewonnen. Wie ihr das gelungen ist? Mit einem mentalen Training und einer Ansprache ihres Trainers.

Zehn Sekunden schaffte Hanna Öberg. Zehn Sekunden im ersten Interview als Weltmeisterin - dann löste sich der Druck und die Tränen flossen. Der Druck der ersten vier medaillenlosen Tage bei der Heim-Weltmeisterschaft. Der Druck der vielen Fehler ausgerechnet am heimischen Schießstand. Der Druck der Erwartungen an die Olympiasiegerin.

"Medaille bedeutet mir so viel"

"Ich war heute besonders fokussiert, habe an jedem einzelnen Schuss gearbeitet und so meinen Job gut machen können", wischte sich die Schwedin die Tränen aus den Augen und fügte hinzu: "Diese Medaille bedeutet mir so viel." Als sie vor einem Jahr Sensations-Olympiasiegerin wurde, "musste ich schon mit vielen Gefühlen klarkommen. Das jetzt ist ein neues Level."

Historisches Gold für Öberg

Einzel der Frauen, Biathlon-WM in Östersund

Der Schlüssel zum historischen Erfolg - Öberg ist die erste Biathletin, die nach Olympia-Gold im Einzel auch WM-Gold in der schwersten Disziplin im Biathlon-Kalender gewinnen konnte - lag dabei in der mentalen Vorbereitung auf den Wettkampf. Die fünf Schießfehler der Verfolgung am Sonntag und die Kritik in der schwedischen Presse, das Team sei dem Rummel der Heim-WM psychisch nicht gewachsen, habe sie abstreifen können. "Ich hatte am Montag ein gutes Training am Schießstand. Dieses Gefühl konnte ich mitnehmen. So bin ich ganz ruhig und entspannt ins Rennen gegangen." Mit Erfolg: Im Starterfeld von 93 Biathletinnen blieben nur fünf Frauen am Schießstand ohne Strafminute, die beste Laufzeit in diesem Quintett brachte letztlich Öberg das erlösende Gold.

Pichlers Motivationsansprache

Gold, das zumindest ihren Trainer Wolfgang Pichler nicht überraschte: "Ich hatte schon mittags im Gefühl, dass Hanna heute etwas ganz Großes abliefern wird", sagte der Bayer im schwedischen Fernsehen. "Sie war so fokussiert." Einen Anteil an der mentalen Verfassung von Öberg dürfte der 64-Jährige selbst haben. Nach dem dramatischen Verfolgungsrennen von Sonntag hielt Pichler vor dem Team eine motivierende Rede. "Ich habe betont, was wir bereits erreicht haben. Wie gut wir sind. Dass wir mannschaftlich schon besser sind als bei Olympia", versuchte Pichler Druck von seinem Team zu nehmen.

Einen großen Anteil an der Entwicklung Öbergs von der Einzel-13. bei der Junioren-WM 2015 zum Olympiasieg 2018 und zu WM-Gold 2019 hat Pichler ohnehin. Der Zollbeamte aus Ruhpolding, der seit 2016 die schwedischen Biathleten betreut, stellte das Trainingsprogramm der Schweden in Umfang und Intensität komplett um und brachte eine stark verjüngte Mannschaft Stück für Stück Richtung Weltspitze.

Öberg und Pichler - keine ganz leichte Beziehung

Öberg und Pichler verbindet dabei eine besondere Beziehung. Keine ganz leichte. Denn so recht passen beide nicht zusammen. Die ruhige und besonnene Öberg, die ihren Ausgleich gern in der Natur und beim Wandern sucht. Und der aufbrausende Pichler, Selbsteinschätzung: "Manchmal bin ich ein Diktator". Öberg sagt: "Er ist eine große Persönlichkeit, ein ganz spezieller Mensch. Sein Trainingsprogramm hat bei mir gut angeschlagen." Einerseits. Andererseits: "Er kann sehr schnell wütend werden, ist eine Minute später aber wieder ganz ruhig. Ich brauchte eine Weile, um mit seinen Stimmungen umgehen zu können."

Pichler: "Das Beste: Es ist noch nicht vorbei“

Nach dem Ende der Saison trennen sich Pichlers und Öbergs Wege, der Coach legt seinen Posten nieder. Bis dahin stehen noch ein paar Rennen an, darunter ein paar WM-Wettkämpfe. Der Gedanke daran lässt Pichlers Gesicht strahlen. "Bei der letzten WM haben wir nichts gewonnen. Jetzt haben wir schon Gold. Und das Beste: Es ist noch nicht vorbei. Wir haben noch viele gute Chancen." Unter anderem mit Öberg, die jetzt ja weiß, wie man bei einer Heim-WM ohne Schießfehler bleibt.

Wenn Frust zur Freude wird - die Bilder zum Biathlon-Frauen-Einzel

Einzel der Frauen, Biathlon-WM in Östersund

Wunderschöners Wetter, 15 schwere Kilometer, viermal Schießen, und ...

Wunderschöners Wetter, 15 schwere Kilometer, viermal Schießen, und ...

... ein dreifaches Happy End bei den Biathlon-Frauen. Am Dienstag jubelten Hanna Öberg (Mitte), Lisa Vittozzi (links) und Justine Braisaz (re.) über Gold, Silber und Bronze - dabei lief es bisher bei der WM noch nicht so gut für das Trio.

Justine Braisaz war nach Rang 60 im Sprint noch enttäuscht und ließ die Verfolgung aus. Im Einzel am Dienstag ging sie mit hoher Startnummer 71 ins Rennen ...

... und rollte das Feld von hinten auf. "Ich hatte in dieser Saison viele Hochs und Tiefs - naja, eigentlich mehr Tiefs", sagte Braisaz nach dem Rennen lachend. Zweimal schaffte sie es in diesem Winter aufs Podest, dazwischen lagen aber auch Platzierungen jenseits der Top 40.

An diesem Abend winkte aber WM-Bronze, die erste Einzel-Medaille der 22-jährigen Französin in einem Einzelrennen. "Ich habe immer an mich geglaubt. Nun hoffe ich, dass meine Medaille unserem Team einen Schub gibt. Alle Frauen in unserem Team haben es drauf, eine Medaille zu gewinnen."

Leidtragende des guten Rennens von Braisaz war Laura Dahlmeier, die lange auf eine Medaille hoffen konnte, ...

... am Ende aber um 7,0 Sekunden auf Rang vier verwiesen wurde.

Eine Medaille ging auch an Weltcupspitzenreiterin Lisa Vittozzi. Nach Rang 21 und 10 in Sprint und Verfolgung und vielen Schießfehlern zeigte die Italienerin diesmal ein perfektes Rennen ohne Strafminute.

Vittozzi lag auf der schweren Strecke das gesamte Rennen auf Podestkurs. "Meine Trainer haben mich über meine guten Platzierungen informiert. Ich habe aber versucht, mich nur auf das Schießen zu konzentrieren", sagte sie nach dem Rennen. Das gelang, und so ...

... konnte sich die 24-Jährige am Abend über die Silbermedaille freuen.

Noch größer die Freude bei der Goldmedaillengewinnerin. Hanna Öberg war bei der WM mit zwei fünften und einem vierten Platz dem Podest schon ziemlich nahe, doch erst im Einzel ...

... fuhr sie, angefeuert von tausenden Schweden an der Strecke, ...

... zu Gold. Öberg erlöste damit nicht nur die Gastgeber, die ihre erste Medaille bei der Heim-WM feiern durften. Die 23-Jährige schaffte es auch als erste Frau, direkt nach dem Olympiasieg Weltmeisterin zu werden.

Während die schwedischen Fans aus dem Häuschen waren, ...

... war bei den deutschen Zuschauern nur die Freude vor dem Wettkampf groß. Im Einzel gab es keinen weiteren Podestplatz für die deutschen Starterinnen.

Zweitbeste aus dem DSV-Team hinter der Viertplatzierten Laura Dahlmeier war Vanessa Hinz, die mit zwei Schießfehlern 19. wurde.

Franziska Hildebrand wurde mit drei Strafminuten 31. Nach dem Wettkampf sagte sie: "Ich weiß nicht, wo meine gute Form der letzten Rennen vor der WM hin ist." Gleich beim ersten Schießen war ihr klar, dass es kein guter Tag werden würde: "Als ich lag, stieß mich jemand mit den Ski an. Da ging ein Schuss bei mir los und natürlich daneben."

Auch Franziska Preuß schoss zu viele Fehler. Mit vier Strafminuten landete sie nur auf Rang 38. Ohne Fehler wäre sie Dritte geworden.

Thema in: Sportschau im Ersten, 12.03.2019, 15.05 Uhr

Stand: 12.03.2019, 23:39

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