Biathlet Lukas Hofer: die Ruhe während des Sturms

Hofer: "Wahnsinn daheim zu laufen" 01:18 Min. Verfügbar bis 14.02.2021

Biathlon-WM in Antholz

Biathlet Lukas Hofer: die Ruhe während des Sturms

Von Jonas Schützeberg und Uri Zahavi (Antholz)

Es war der erhofft erfolgreiche WM-Auftakt für das italienische Biathlon-Team. Die Gastgeber gewannen die Silbermedaille in der Mixed-Staffel. Ein Südtiroler wirkte dabei besonders abgeklärt: Lukas Hofer, ein Lokalheld zwischen Erwartungsdruck, Paragliding und Medaillenjagd.

Lukas Hofer sitzt im Presseraum des Antholzer Biathlon-Stadions und strahlt. Um den 30-Jährigen herum herrscht Chaos. Kameramänner, Fotografen und Journalisten laufen sich fast gegenseitig über den Haufen. Alle wollen sie etwas vom eher zurückhaltenden, immer freundlichen "Luki". Das Klicken der Fotoapparate, das Blitzlichtgewitter - den Südtiroler scheint an diesem Tag wirklich nichts aus dem Konzept bringen zu können. "Ich war heute vielleicht so ruhig wie noch nie vor einem Rennen. Keine Nervosität, keine Aufregung", erzählt er: "Ich wusste nicht so recht, ob das gut oder schlecht ist." Hofer lacht: "Auf der Strecke hab ich dann aber schnell gemerkt: Heute ist ein guter Tag."

Hofers Gefühlswelt könnte schont fast als antizyklisch bezeichnet werden. Während sich bei seinen Teamkollegen beim Sinnieren über die Heim-WM vieles um das Wort Druck dreht, strahlt Hofer eine Gelassenheit aus, die ansteckt. Wie entspannt der laufstarke Junge aus Bruneck, das nur eine halbe Autostunde von der Biathlon-Arena entfernt liegt, Fragen beantwortet und unzählige Hände schüttelt, ist beneidenswert. Und diese innere Ruhe überträgt sich an diesem Nachmittag bei strahlendem Sonnenschein zum Auftakt der Biathlon-WM in Antholz auf sein Rennen.

Lukas Hofer: "Das Eis ist gebrochen"

"Als der Dominik Windisch beim letzten Schießen ankam, da war ich dann natürlich doch nervös." Es ist durchaus bezeichnend, dass der einzige Moment an diesem Tag, in dem Lukas Hofer etwas hibbelig wird, einer ist, der außerhalb seiner Kontrolle liegt. Zu diesem Zeitpunkt liegt Italien Kopf-an-Kopf mit den favorisierten Norwegern in Führung. Hofer hat da sein Rennen bereits fehlerfrei und mit der sechstbesten Laufzeit beendet - Italien wird am Ende Zweiter.

Welche Bedeutung diese Silbermedaille für das italienische Team wirklich hat, beweist der emotionale Ausbruch nach dem Zieleinlauf. Nicht nur aus Schlussläufer Windisch, auch aus Dorothea Wierer, Lisa Vittozzi, Lukas Hofer und über 20.000 Zuschauern bricht es förmlich heraus.

"Geil", beschreibt Lukas Hofer dieses Gefühl vor eigenem Publikum zu laufen: "Das Eis für den Rest der WM ist gebrochen." Die Erwartungen im Gastgeberland waren zuvor hoch. Zum ersten Mal in der Biathlon-Geschichte zeigt das italienische Fernsehen alle Rennen live. Insgesamt sind so viele Journalisten wie noch nie akkreditiert. Mehr als 900 Reporter, Kameraleute und Moderatoren übertragen die Welttitelkämpfe in fast 20 Ländern.

WM in Antholz: bunt, groß, stimmungsvoll

Die WM im Herzen Südtirols scheint schon zu Beginn gigantisch zu werden. Bereits vier Stunden vor dem Start der Mixed-Staffel strömten die Massen ins Antholzer-Stadion, ganze Schulklassen wurden mit Bussen die Zugangsstraße hinaufgekarrt. Die Veranstalter rechnen in den zwölf WM-Tagen mit insgesamt 165.000 Zuschauern.

Auffallen um jeden Preis, so könnte das Motto der aus aller Welt angereisten Fans lauten: Wer herausstechen möchte, kommt im pinkfarbenen Ganzkörperanzug mit Gamshut, in dem mehr Pins stecken als Biathleten am Start sind. Ein anderer konkurriert mit Väterchen Frost um die Vorherrschaft unter den Weihnachtsmännern. Fast schon unauffällig wirkt dagegen der Mann mit der meterhohen Australienflagge und den Nationalfarben im Gesicht oder die Frau mit dem grinsenden Lieblingsathleten auf der Brust.

Fokus auf das Wichtige

Sie alle jubelten im ersten Rennen den Mixed-Staffeln zu und feierten die Medaillengewinner am Abend auf der Medal-Plaza im Tal. Das internationale Antholzer WM-Publikum ist ein faires, die Medaille gönnte dem Gastgeber zum Auftakt wohl jeder. Doch eine Heim-WM ist nicht nur angenehm, erklärt Dorothea Wierer: "Es ist schon brutal stressig, wir müssen viele Termine wahrnehmen. Aber die Fans und die ganze Heimkulisse machen die Rennen natürlich einzigartig."

Wierer über Stress und Freude bei der Heim-WM Sportschau 14.02.2020 01:22 Min. Verfügbar bis 14.02.2021 Das Erste

Vergessen scheinen auch die Zickereien der beiden italienischen Superstars Wierer und Lisa Vitozzi. Kurz vor den Weltmeisterschaften war es zum öffentlichen Streit gekommen. Die beiden seien keine Freundinnen sondern vor allen Dingen Rivalinnen, erzählte Vittozzi in einem Zeitungsinterview.

Doch von diesen Unstimmigkeiten war nach der ersten WM-Medaille Italiens nichts mehr zu spüren. "Was da alles geschehen ist, hat mich nicht wirklich interessiert, aber es war natürlich doof eine Woche vor der Heim-WM", sagt Lukas Hofer gelassen.

Mit innerer Ruhe durch das Marathon-Programm

Diese innere Ruhe hat sich Lukas Hofer vielleicht beim Paragliden angeeignet, seiner großen Leidenschaft neben dem Biathlon-Sport: "Als ich das erste Mal bei einem Kumpel mitgeflogen bin, wusste ich, dass das mein Ding ist." Auch in kritischen Situationen cool bleiben, das kann Hofer. Ohne Druck geht der 17. im Gesamtweltcup in die kommenden, anstrengenden Tage. "Marathon-Programm" nennt er die nächsten Aufgaben. Sechs Rennen wird er bei dieser WM noch laufen - wie im vergangenen Jahr bei den Wettkämpfen in Östersund. Da kann innere Ruhe und Gelassenheit ganz sicher nicht schaden.

Stand: 14.02.2020, 08:56

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