Schwedens Biathleten im Gefühlschaos

Mona Brorsson

Täglich ein neues Drama

Schwedens Biathleten im Gefühlschaos

Von Dirk Hofmeister/Östersund

"A new drama every day", "jeden Tag ein neues Drama" - so versprechen die Veranstalter der Biathlon-WM im schwedischen Östersund im offiziellen WM-Motto. Und, wer hätte das gedacht, das Team des Gastgebers löst das Versprechen jeden Tag ein. Vier Wettkampftage, vier Dramen.

Am ersten Ruhetag der WM geht die schwedische Presse hart mit den einheimischen Sportlern ins Gericht. "Ein mentaler Zusammenbruch - es ist alarmierend", titelt die Tageszeitung "Expressen". Im Sportteil "Sportsbladet" der Tageszeitung "Aftonbladet" heißt es einfach nur "Nein! Nein! Nein! Nein!". Und im schwedischen Fernsehen "SVT" kritisiert Norwegens Biathlon-Star Ole Einar Björndalen die mentale Vorbereitung der Schweden auf die Heim-WM.

Jeden Tag ein neues Drama

Was war passiert? Das erste Drama gleich im ersten Wettkampf: Als Medaillenmitfavorit ins Mixed-Staffelrennen gegangen, konnten die beiden Männer Jesper Nelin und Sebastian Samuelsson dem Druck der Heim-WM am Schießstand nicht standhalten - Platz fünf mit deutlichem Rückstand. Drama zwei im Sprintrennen der Frauen, als Hanna Öberg die erlösende erste Medaille für Schweden nur um 0,6 Sekunden verpasste. Und als bisheriger Höhepunkt der Dramatik das Verfolgungsrennen der Frauen: Mona Brorsson läuft das Rennen ihres Lebens, kommt mit deutlichem Vorsprung als Erste zum letzten Schießen, muss nach vier Fehlern in vier tränenreiche Strafrunden und wird letztlich nur Siebte.

Mona Brorsson während ihres Albtraumschießens

Mona Brorsson während ihres Albtraumschießens

"Denke nicht an Süßigkeiten"

"Ich bin ins Stadion gekommen, habe den Jubel gehört. Meine Gedanken sind davongeflogen. Ich habe es nicht geschafft, bei mir zu sein", erklärte Brorsson später in "Sportbladet". "Ich war noch nie in einer solchen Situation. Es war zu viel", sagte die 28-Jährige in "SVT". Göran Kenttä, Mentalcoach im schwedischen Team, veranschaulicht, was wohl in Brossons Kopf mit WM-Gold in greifbarer Nähe, vorgegangen sein muss: "Es ist, als würde man jemandem eine große Tüte Süßigkeiten vor die Nase stellen und sagen, denke nicht an die Süßigkeiten."

Björndalen: Fehler im Management

Im schwedischen Fernsehen wird nach den schlechten Schießleistungen der Gastgeber nun das große psychologische Fass aufgemacht. Die Frage: Sind die einheimischen Sportler ausreichend gut auf die Heim-WM vorbereitet? Dreifach-Weltmeisterin Helena Ekholm nimmt Brorsson und ihre Teamkollegen in Schutz: "So eine Situation am Schießstand mit dem ganzen Jubel der Fans - das kann man nicht trainieren." Norwegens Legende Björndalen widerspricht: "Es war ein Fehler von ihr und ihrem Management, sich nicht auf solch eine Situation am Schießstand vorbereitet zu haben."

Björn Ferry: Training mit Startnummer

Björn Ferry, schwedischer Olympiasieger 2010, unterstützt Björndalen und verrät seine psychologischen Tricks in der Olympia-Vorbereitung. So habe er sich beim Training zu Hause die Startnummer eines echten Rennens angezogen und sich mit geschlossenen Augen vorgestellt, er würde in einem vollen Stadion zum Schießstand laufen. "Als ich gemerkt habe, wie meine Aufregung steigt, habe ich gemerkt, dass ich auf einem richtigen Weg bin. Am Anfang habe ich viele Fehler geschossen, aber mit der Zeit bin ich immer besser damit klargekommen", sagte der Verfolgungs-Olympiasieger in "SVT".

Pichler: "Alle fragen, warum"

Wolfgang Pichler, deutscher Trainer der Schweden, entschied sich am Montag für den sanften Weg. Brorsson habe mit dem Mentalcoach der Schweden gearbeitet und solle nun zunächst vor dem Medienrummel geschützt werden. Auf der Pressekonferenz der Schweden fehlte Brorsson. "Alle würden sie fragen, warum sie nicht Weltmeisterin geworden ist. Davor wollte ich sie beschützen", erklärte Pichler und lenkt den Blick auf das Positive: "Sie ist im Sprint Fünfte geworden. Das hätte vor der WM niemand geglaubt." Bereits auf das Einzelrennen am Dienstag schaut Hanna Öberg. Die Einzel-Olympiasiegerin von Pyeongchang verspricht: "Ich weiß, dass ich schon einmal Gold gewonnen habe. Warum soll ich das am Dienstag nicht wiederholen können?" Es wäre der erste WM-Tag ohne schwedisches Drama ...

Stand: 11.03.2019, 13:20

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