Denvers junge Comeback-Könige fordern die Lakers

Jamal Murray und Nikola Jokic jubeln

NBA-Playoffs

Denvers junge Comeback-Könige fordern die Lakers

Von Robin Tillenburg

Die Denver Nuggets stehen im Finale der Western Conference in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA. Favorit sind die Los Angeles Lakers - das interessiert das Team aus Denver aber überhaupt nicht.

"Sie müssen sich Sorgen wegen uns machen." Jamal Murray schickte nach der frisch gewonnen West-Halbfinalserie gegen die Los Angeles Clippers erst einmal eine Kampfansage in Richtung LeBron James und Co. In der Nacht von Freitag (18.09.2020) auf Samstag (MEZ) geht es für die Nuggets ins erste Spiel der Best-of-Seven-Serie gegen den Erstplatzierten der Regular Season. Denver schloss diese übrigens als Dritter im Westen ab.

Historische Aufholjagden

An Selbstvertrauen fehlt es dem jungen Team aus Colorado nicht. Das mussten neben den Clippers zuvor auch schon die Utah Jazz erfahren. In beiden Serien lag Denver mit 1:3 zurück, stand nur eine Niederlage vom Aus entfernt unter riesigem Druck - und spielte danach wie entfesselt auf. Nie zuvor gelang es einem Team in der NBA-Geschichte, zweimal aus einem 1:3 noch die nächste Runde zu erreichen.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Schaut man auf die Spieler, die in der "Bubble" in Orlando im Schnitt die meisten Punkte erzielten, steht kein Nuggets-Akteur in den Top fünf. Auch bei den Assists, den Rebounds oder den Blocks und Steals nicht. Kurz hinter den Top fünf stehen aber in fast jeder Kategorie Murray, der nach seiner schon starken vergangenen Saison noch eine Schippe draufgelegt hat, oder Nikola Jokic. Der so vielseitige Serbe, der in der Corona-Pause deutlich an Gewicht verloren und dadurch an Athletik gewonnen hat, spielt ebenfalls eine hervorragende Saison. Murray ist 23, Jokic 25.

Malone formt die Youngster

Die meisten Punkte nach Murray und "Big Man" Jokic erzielte in der Bubble Michael Porter Jr. für die Nuggets. Der ist 22 und spielt, weil er als Rookie 2018/19 die komplette Spielzeit verletzungsbedingt verpasste, seine erste echte NBA-Saison. Dahinter folgen Jerami Grant (26), Gary Harris (26) und Monte Morris (25). Erst dann kommt Paul Millsap, der mit seinen 35 Jahren der Routinier unter den wichtigen Spielern ist.

Mitverantwortlich für die Früchte, die Denver mit den ersten zwei Playoff-Siegen seit 2009 in dieser Saison nun (endlich) mal ernten konnte, ist Trainer Michael Malone, der 2015 übernahm und das jetzige Team mit aufbaute. Unter ihm wurden Jokic und der Kanadier Murray zu den Leistungsträgern mit Superstar-Potenzial, die sie heute sind.

Teamchemie und Polyvalenz

Spielerisch sind diese Nuggets schwer auszurechnen. Sie haben viele Allrounder, viele polyvalente Spieler, von denen Jokic, der mit seinen 213 cm Körpergröße mit seinen Pässen und Dribbling-Moves teilweise wie ein Point Guard spielt (und manchmal auch so eingesetzt wird), die Speerspitze ist. In keiner der relevanten statistischen Teamkategorien stehen die Nuggets in den Playoffs weit vorn. Sie werfen im Vergleich eher wenige Dreier, sie stehen am seltensten an der Freiwurflinie, sie holen nicht die meisten Rebounds, Steals oder Blocks und spielen durchschnittlich viele Assists.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Aber sie haben eine hervorragende Teamchemie und fühlen sich in der Rolle des Underdogs pudelwohl. Gegen die Jazz wurden sie schnell zu diesem, als sie in der Serie zurücklagen. Gegen die Clippers waren sie es von Beginn an, gegen die Lakers sind sie es natürlich wieder - den Druck haben also die anderen. In den entscheidenden Momenten spielte Denver zudem eine bärenstarke Defense, die die Clippers-Superstars Kawhi Leonard und Paul George komplett entnervte. Was übrigens mit Jokic gar nicht so einfach ist. Denn bei all seinen offensiven Stärken ist Jokic in der Defensive nicht gerade das, was meinen Anker nennen würde.

Gegen den Rest der Welt - und jetzt auch noch LeBron

Im West-Finale soll nun noch nicht Endstation sein, wenn es nach den "jungen Wilden" geht. "Niemand wollte uns hier", erklärte Jokic nach dem Erfolg über die Clippers und spielte damit auf die vielen Experten an, die (natürlich) das "Duell von LA" für das Traumfinale der Western Conference gehalten und dieses auch erwartet hatten. Dieses "Wir gegen den Rest der Welt" zeichnet die Truppe in dieser Spielzeit aus.

Tatsächlich geht es nun aber auch quasi gegen "die Welt". Denn auch wenn die andere Seite nicht so sehr zur Underdog-Story taugt: Die Los Angeles Lakers sind zwar durch die Addition von Anthony Davis, dem von LeBron James lang ersehnten zweiten Superstar, zu einem absoluten Spitzenteam geworden, standen aber auch seit sieben Jahren nicht mehr in NBA-Playoffs.

Comeback-Könige: Denver Nuggets erzwingen erneut siebtes Spiel Sportschau 14.09.2020 00:42 Min. Verfügbar bis 14.09.2021 Das Erste

Nun steht da also eine der wertvollsten und größten Sportorganisationen aller Zeiten mit einem der - wenn nicht dem - besten Spieler aller Zeiten auf der anderen Seite, die sich auch noch nach jahrelanger Durststrecke auf einer echten "Mission" befindet. Und im inzwischen 35 Jahre alten James haben die Lakers einen Akteur in ihren Reihen, der schon so viele Playoff-Spiele auf allerhöchstem Niveau erlebt (und gewonnen) hat, dass ein Unterschätzen des Kontrahenten eher unwahrscheinlich ist.

Keine Chance - und die wollen sie nutzen

Zudem besitzt das James-Team ebenfalls Comeback-Qualitäten. In den Serien gegen die Portland Trail Blazers und die Houston Rockets lagen die Lakers jeweils 0:1 in Rückstand, ehe sie jeweils vier Siege in Folge feierten. Ausgeruhter ist der Gegner der Nuggets also ebenfalls. Es spricht ehrlicherweise nicht viel dafür, dass Denver tatsächlich diese Serie auch noch gewinnen und die NBA-Finals erreichen wird. Aber das hat dieses junge Team in den Playoffs bisher ja auch noch nicht gestört.

Stand: 18.09.2020, 06:00

Darstellung: