BBL-Finale Berlin gegen Ludwigsburg im Teamvergleich

Das Duell zwischen Alba Berlin und den Riesen Ludwigsburg in der Vorrunde des Finalturniers: Nick Weiler-Babb wird von Landry Nnoko, Alba Berlin, bedrängt.

BBL-Finalturnier

BBL-Finale Berlin gegen Ludwigsburg im Teamvergleich

Von Christian Mixa

Defensivhölle gegen Offensivspektakel, Bayern-Bezwinger gegen Euroleague-Erfahrung - Ludwigsburg und Berlin im Teamvergleich vor dem Endspiel beim Finalturnier der Basketball-Bundesliga (BBL).

Alba gegen Bayern-Bezwinger - der Turnierverlauf

Die Ludwigsburger galten schon vor dem Turnier als Geheimfavorit, nicht nur weil sie in der regulären Saison als einziges Team Berlin und München schlagen konnten. Diese Rolle bestätigten sie auch in der Münchner Basketballarena: Im Viertelfinale schaltete Ludwigsburg den FC Bayern aus, den Meister der zwei vergangenen Jahre und Top-Favoriten. Im Halbfinale setzten sie sich gegen das Überraschungsteam aus Ulm durch und stehen verdient im Finale, zum ersten Mal überhaupt in der Klubgeschichte.

Alba Berlin wiederum spielte bislang den besten Basketball bei diesem Turnier und hat mit acht Siegen aus acht Spielen eine makellose Bilanz, auch das direkte Duell in der Vorrunde gegen Ludwigsburg ging an Berlin. Im Laufe des Turniers konnte Alba kontinuierlich zulegen, wenn der nächste Level gefordert war: zuletzt im Halbfinale gegen Oldenburg, das sie in Hin- und Rückspiel mit insgesamt mehr als 50 Punkten Differenz demütigten. Vorteil fürs Finale: Berlin.

Hölle gegen Offensiv-Spektakel - die Taktik

"Kein Team europaweit wünscht sich gegen Ludwigsburg zu spielen", sagte Albas Geschäftsführer Marco Baldi nach dem Finaleinzug. In der Tat ist Ludwigsburgs Stil, mit physischer Verteidigung und aggressivem Dauerdruck auf den Gegner, in der Liga berüchtigt. Coach John Patrick hat ihn selbst einmal als "40 Minutes of Hell" bezeichnet. Ludwigsburgs Spiel lebt von Rebounds, Balleroberungen und schnellem Überbrücken des Felds. Ludwigsburg hat mit Abstand die wenigsten Assists aller Teams in der Liga - also Pässe die zum Korberfolg führen -, weil sie am liebsten schon die erste Gelegenheit zum Abschluss nutzen, während sich die gegnerische Defensive noch sortiert.

Auch Alba bevorzugt das schnelle Umschalten, die Berliner können aber auch Systeme laufen und Abschlüsse kreieren. Ihre bekannte Offensivstärke, mit variablem Spiel, Tempo und exzellentem Ballmovement, hat Berlin auch in München aufs Parkett gebracht. Dass sie auch Ludwigsburgs aggressive Defensive knacken können, haben sie im Gruppenspiel gezeigt, als sie den Riesen 97 Punkte einschenkten - und damit 19 Punkte mehr, als Ludwigsburg in der Saison im Schnitt zugelassen hat. Berlin hat das deutlich vielseitigere Spiel, wenn bei Ludwigsburg die Würfe von außen nicht fallen, schwinden die Chancen der Riesen. Vorteil fürs Finale: Berlin.

Alba Berlin nach klarem Sieg im Finale Morgenmagazin 25.06.2020 01:30 Min. Verfügbar bis 25.06.2021 Das Erste

Knight auf MVP-Kurs - die Führungsspieler

Nachträgliche Änderungen im Boxscore sind normalerweise keine eigene Meldung wert. Anders verhielt es sich bei Luke Sikma, aus gutem Grund: Der Rebound, den Sikma beim Sieg gegen Ludwigsburg im Anschluss zusätzlich zugesprochen bekam, war sein zehnter. Damit schaffte Berlins Anführer ein in der BBL eher seltenes Triple-Double: Zweistellige Werte in den Kategorien Punkte, Rebounds und Korbvorlagen. Beim Finalturnier scheint der US-Amerikaner entschlossen zu sein, die in der Vergangenheit nach einer Serie von Finalniederlagen gestreuten Zweifel an seinen Führungsqualitäten auszuräumen. Sikma spielte auf beiden Seiten des Feldes konstant stark: Mit schnellen Händen in der Verteidigung, vorne mit großer Übersicht als Passgeber, sehenswerten Anspielen unter den Korb und hoher Quote im Abschluss. Beim Basketball-IQ kommt in der Liga ohnehin kaum jemand an den 30-Jährigen heran.

Marcos Knight von den Riesen Ludwigsburg

Bei der Frage nach dem möglichen MVP (wertvollster Spieler) des Turniers wird dennoch ein anderer Name höher gehandelt: Ludwigsburgs Marcos Knight zeigte im bisherigen Turnier die spektakulärere, individuelle Performance. Der 1,88 Meter große Spielmacher lebt von seiner Athletik und seinen Qualitäten als Scorer. Mit 18 Punkten im Schnitt hat er im Finalturnier nochmals zugelegt und den Ausfall von Khadeen Carrington, Ludwigsburgs Topscorer der regulären Saison, mehr als kompensiert. Im zweiten Halbfinale gegen Ulm (26 Punkte, 13 Rebounds) kam er auf sein viertes Double-Double im Turnier. Mit seiner Schnelligkeit und dem Biss in der Defensive verkörpert er den Stil der Ludwigsburger. Beim Turnier in München hat er gezeigt, dass er vor allem in den entscheidenden Phasen explodieren kann - und dann bei seinen Attacken zum Korb schwer zu stoppen ist: Wie in beiden Halbfinalspielen gegen Ulm, als er das Team nach Rückstand zurückbrachte. Vorteil fürs Finale: Ludwigsburg.

Europäische Klasse bei Berlin - der Backcourt

Im Halbfinal-Rückspiel gegen Oldenburg sah man Peyton Siva gut gelaunt und scherzend mit den Kollegen am Spielfeldrand sitzen. Dass die Berliner nach komfortablem Vorsprung aus dem Hinspiel ihren etatmäßigen Spielmacher komplett draußen ließen und fürs Finale schonten, sagt sehr viel über die Tiefe des Berliner Kaders. Gerade auf den Guard-Positionen gibt es bei Alba Qualität satt: Siva hat sich in den Euroleague-Spielen weiter zum Floor General entwickelt und ist auch in der Entscheidungsfindung gereift. Auch in München sprüht er bislang vor Spielfreude. Mit Martin Hermannsson haben die Berliner einen der besten Combo-Guards Europas, der im Pick’n’Roll-Spiel Angriffe initiieren kann, aber auch immer einen Weg zum eigenen Abschluss findet. Von der Bank können Jonas Mattisseck und Kenneth Ogbe, zwei der vielen jungen Talente, immer für neue Energie sorgen.

Ludwigsburgs Wohlfarth-Bottermann: "Glaube, ich will hier gar nicht mehr weg" Sportschau 24.06.2020 06:06 Min. Verfügbar bis 24.06.2021 Das Erste

Bei den Ludwigsburgern führt der überragende Marcos Knight den Backcourt an, der vor allem aus schnellen Guards besteht, die in der Verteidigung Druck auf den Gegner ausüben. Neben Knight überzeugten auch Nick Weiler-Babb und Jaleen Smith als Scorer, insgesamt ist Alba aber besser besetzt und vor allem erfahrener. Vorteil fürs Finale: Berlin.

Berliner Firepower - der Frontcourt

Alba stellt die stärkste Offensive der Liga, auch bei diesem Finalturnier. Und das, obwohl Rokas Giedraitis, einer ihrer stärksten Waffen, noch nicht richtig im Turnier ist und vor allem seinen Distanzwurf sucht. Dies fällt aber bislang nicht ins Gewicht, weil Berlins anderer Scharfschütze Marcus Ericsson umso sicherer seine Dreier versenkt. Daneben gibt es mit Kapitän Niels Giffey noch einen weiteren brandgefährlichen Schützen. Unter dem Korb verströmt der athletische Landry Nnoko Dominanz, von der Bank kommt der vor allem defensiv starke Nationalspieler Johannes Thiemann.

Bei dieser Tiefe des Kaders kann Ludwigsburg schwer mithalten. Thomas Wimbush lief zwar gegen Ulm heiß, ist aber insgesamt nicht konstant genug. Auf der Centerposition spielt Johannes Wohlfarth-Bottermann seine vielleicht beste Saison, musste aber im Halbfinale verletzt auf die Bank. Vorteil fürs Finale: Berlin.

Albas Niels Giffey weiter "kein Fan von der Gesamtidee" eines Finalturniers Sportschau 25.06.2020 05:56 Min. Verfügbar bis 25.06.2021 Das Erste

Coach Aito gegen John Patrick - die Trainer

Seit 2003 steht John Patrick in der BBL an der Seitenlinie, mit einem Jahr Unterbrechung, so lange wie keiner der aktiven Trainer in der Liga. In dieser Zeit hat er jeden seiner Vereine geprägt, zunächst Göttingen, dann Würzburg und seit 2013 auch Ludwigsburg. Patrick gelingt es immer wieder, die passenden Spieler für seinen physischen, anspruchsvollen Spielstil zu finden. Er gilt als fordernder Trainer, aber auch als großer Motivator. Der US-Amerikaner ist ausgezeichnet vernetzt in der Basketball-Welt. Wegen der Ausfälle vor dem Turnier ist er neuerdings auch Jugendförderer: sein 16 Jahre alter Sohn Jacob wurde zum jüngsten Spieler, der in einem BBL-Spiel traf.

Das Vertrauen in junge Spieler eint Patrick auch mit seinem Gegenüber: Der 73-Jährige Aito Garcia Reneses ist der "Elder Statesman" des europäischen Basketballs. Im Gegensatz zu Patrick hat Coach Aito aber schon mehrere große Titel gewonnen, darunter neun Meisterschaften mit Barcelona, als Trainer und Sprtdirektor. Seine Philosophie vom mündigen Spieler setzt er nun auch in Berlin um, wo er im dritten Jahr mit dem weitestgehend gleichen Stamm von Spielern zusammenarbeitet. Der Spanier hat Alba zurück auf die große europäische Bühne gebracht. Der erste Meistertitel für Berlin seit 2008 wäre die Krönung. Vorteil fürs Finale: Berlin.

Ludwigsburger Wille - der Teamfaktor

Die besondere Atmosphäre in der Halle ohne Zuschauer konnte den Ludwigsburgern nichts anhaben. Die Spieler auf der Bank gingen bei jedem Ballwechsel mit und sorgten für Lautstärke - wie C-Jugend-Spieler bei der ersten großen Reise zu einem internationalen Turnier, aufgeputscht mit einer Magnumflasche Cola. Ludwigsburg lebt wie keine andere Mannschaft der Liga von Teamgeist und Willensstärke, damit haben sie auch schon den Top-Favoriten aus München am Ende in die Knie gezwungen. Aber auch die Berliner sind ein eingespieltes Team, gestählt durch viele, knappe Niederlagen. Mit dem Pokalsieg im März haben sie nach zuvor sechs verlorenen Endspielen auch ihr Final-Trauma abgelegt. Vorteil fürs Finale: Ludwigsburg.

Stand: 25.06.2020, 12:00

MHP Riesen Ludwigsburg in der Tagespresse

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