Dusty Baker - der "liebenswerte Trainer der gehassten Astros"

Houstons Dusty Baker hält die Trophäe nach dem Sieg gegen die Boston Red Sox

Baseball World Series: Houston gegen Atlanta

Dusty Baker - der "liebenswerte Trainer der gehassten Astros"

Von Heiko Oldörp

Er ist einer der erfolgreichsten Trainer der Major League Baseball, doch Meister wurde Dusty Baker nie. Einmal, vor exakt 19 Jahren, war er ganz nah dran und ging doch leer aus. Das soll sich nun mit den Houston Astros ändern.

Dusty Baker hat die Bilder noch genau vor Augen. Natürlich hat er sie noch vor Augen. Wie könnte er sie je vergessen? Niemand, der an diesem 26. Oktober 2002 im Stadion in Anaheim oder vor den Fernseh-Geräten dabei gewesen ist, hat sie vergessen. Auch 19 Jahre danach nicht. Es ist die sechste Partie der World Series zwischen den San Francisco Giants und den Anaheim Angels. Die von Baker trainierten Giants führen die Finalserie mit 3:2-Siegen an. Sie brauchen nur noch ein Spiel zu gewinnen, um erstmals seit 1954, als sie noch in New York beheimatet waren, wieder Meister zu sein.

Und sie liegen im siebten Inning 5:0 vorn. In den Katakomben lassen die Liga-Verantwortlichen bereits die Meister-Trophäe in die Giants-Kabine bringen. Draußen, auf dem Spielfeld, geht Baker zu seinem Starting Pitcher Russ Ortiz. Der hat 98 Bälle geworfen - und zwar so raffiniert, dass die Angels-Spieler kaum eine Chance gehabt haben, sie vernünftig zu treffen.

Doch nun stehen zwei von ihnen auf dem First und Second Base. "Wir hatten gehofft, dass Russ das siebte Inning beenden würde, aber dann habe ich mich entschieden, ihn rauszunehmen", sagt Baker.

Bakers unglückliches Händchen beim Wechsel

Bevor er Ortiz Richtung Dugout schickt, drückt Baker ihm den Spielball in die Hand. "Als Belohnung und meine Wertschätzung für seine Leistung", begründet er. Und welcher Pitcher hat nicht gerne den Baseball des Meister-Spiels in der heimischen Vitrine? Baker ersetzt Ortiz durch Felix Rodriguez. Es ist der Anfang vom Ende des Titel-Traums der Giants.

Rodriguez erster Gegenüber, Scott Spiezio, schlägt einen Drei-Run-Homerun - die Angels verkürzen so auf 3:5. Baker ahnt sofort, dies könnte der Augenblick sein, der die Finalserie dreht, wie er später in einer Dokumentation des "MLB Network" betont. Und sein Gefühl wird Wirklichkeit. Anaheim gewinnt nicht nur Spiel sechs noch 6:5, sondern einen Tag später auch die alles entscheidende siebte Partie (4:1) und wird erstmals Meister.

Erfolgreicher, titelloser Trainer

Dusty Baker ist mittlerweile einer der Erfolgreichsten seiner Branche geworden. Dreimal war er Trainer des Jahres. Er hat als Einziger fünf verschiedene Vereine - nach den Giants noch die Chicago Cubs, Cincinnati Reds, Washington Nationals und nun Houston Astros - in die Playoffs geführt.

Allerdings hält er auch einen Rekord, auf den er nicht so stolz ist. Kein anderer Coach der MLB-Geschichte hat so viele Spiele gewonnen (1987) wie er - und ist trotzdem noch ohne Titel. 19 Jahre musste er auf eine zweite Chance warten. Nun hat er sie, endlich. Ausgerechnet an einem 26. Oktober.

Baker ist zwar bereits 72 Jahre alt, aber "ein cooler 72-Jähriger", so sieht er das selbst. Und dass er jetzt wieder in der World Series steht, hat er besonderen Umständen zu verdanken. Am 13. Januar 2020 wurde Astros-Trainer A.J. Hinch von der Liga für ein Jahr gesperrt und daraufhin umgehend vom Verein entlassen.

Eine MLB-Untersuchung hatte ergeben, dass die Astros bei ihrem Titelgewinn 2017 geschummelt hatten. Sie hatten die Zeichen, mit denen der gegnerische Catcher seinem Pitcher vorgibt, welchen Wurf er gerne hätte, illegal mitgeschnitten und diese Informationen durch Klopfen auf eine neben der Ersatzbank stehende Mülltonne an den eigenen Schlagmann weitergegeben. Der wusste somit, ob ein hart geworfener oder eher ein sich wegdrehender Ball auf ihn zukommt.

Blitzableiter Baker

Der Skandal war groß, die Reputation der Texaner reichlich ruiniert. So suchten sie einen Trainer mit Charisma. Einen, der den Fokus wieder auf das Sportliche oder auf sich selbst lenkt und die gescholtenen Spieler somit aus der Schusslinie bringt. Eine Art Blitzableiter. Sie fanden ihn in Dusty Baker. "Er ist ein Anführer und ein Freund, ein weiser Mann, der im Baseball schon alles erlebt hat", sagt Shortstop Carlos Correa.

Baker hatte sich zwar in der Vergangenheit auch einige Fehltritte geleistet. So hatte er 2003 behauptet, dass "Schwarze und Latinos bei Hitze besser spielen als die meisten Weißen" und Weiße wiederum besser mit der Kälte klar kämen. Er wolle “nicht die Rassenkarte spielen”, sondern habe einfach Fakten genannt, betonte er auf Nachfrage der "USA Today" damals. Baker war zu jener Zeit einer von vier afroamerikanischen Cheftrainern in der Liga.

Aussagen "unglücklich und nicht vollständig informiert"

Seine Aussagen hatten zwar für einiges Stirnrunzeln gesorgt und die Frage aufgeworfen, was wohl wäre, wenn ein weißer Trainer sowas gesagt hätte? Sportpsychologe Harry Edwards von der Universität California Berkeley ordnete sie als “unglücklich und nicht vollständig informiert” ein, betonte jedoch zugleich, dass sie "nicht boshaft" seien. Als Trainer der Washington Nationals meinte Baker 2015, dass er durch den "Einsatz von Latinos und Afroamerikanern" eine "bessere Chance" habe, "etwas Tempo ins Spiel" zu bekommen. Das sei einfach so, ergänzte Baker. Und nein, er sei kein Rassist.

Baker - ein netter, sympathischer Kumpeltyp?

Trotzdem hat der Kalifornier land- und ligaweit den Ruf des netten, sympathischen und stets lächelnden Kumpeltyps. "CBS Sports" bezeichnet ihn als "liebenswerten Trainer der gehassten Astros". Die "New York Times" schreibt: "Ein polarisierendes Team mit einem Trainer, der es wert ist, ihn anzufeuern." Und J.T. Snow, First Baseman der Fast-Meister-Giants von 2002, würde "Dusty gerne siegen sehen."

Diese Unterstützung wäre natürlich nicht nötig, hätte Bakers Team damals nicht die klare Führung noch abgegeben und somit den Titel verspielt. Aber dieses Kapitel ist nun mal fester Bestandteil der Trainerkarriere von Baker. Hätte er Russ Ortiz im Spiel lassen oder vielleicht einen anderen Relief Pitcher als Felix Rodriguez bringen sollen?

Baker hat diese Fragen oft gehört und immer die gleiche Antwort gegeben. "Ich bedaure sehr wenige Sachen aus der Vergangenheit. Denn aus Fehlern musst du lernen." Ob er gelernt hat, kann Dusty Baker nun zeigen. 19 Jahre später. Er hat sich diese Chance verdient.

Stand: 26.10.2021, 15:29

Darstellung: