Alpine Ski-WM: Vier WM-Medaillen - und trotzdem Sorgenfalten

Deutsches WM-Fazit: "Müssen Konzepte überarbeiten" Sportschau 21.02.2021 01:29 Min. Verfügbar bis 21.02.2022 Das Erste

WM-Bilanz des Deutschen Skiverbands

Alpine Ski-WM: Vier WM-Medaillen - und trotzdem Sorgenfalten

Von Bernd Eberwein

Der Deutsche Skiverband feiert in Cortina d'Ampezzo eine der erfolgreichsten Ski-Weltmeisterschaften seiner Geschichte. Doch die Medaillen täuschen darüber hinweg, dass es vor allem in den technischen Disziplinen noch viel Luft nach oben gibt.

Die Stimmung war etwas gedrückt am letzten Tag der Alpinen Ski-WM beim Deutschen Skiverband (DSV). Im Slalom der Herren war für Linus Straßer und Sebastian Holzmann nichts zu holen. Aber: "Wenn man vier Medaillen gewinnt, gibt es keinen Grund, nicht zufrieden zu sein", sagt DSV-Alpinchef Wolfgang Maier in seinem WM-Fazit im ARD-Interview.

Mehr Medaillen nur 1978 in Garmisch-Partenkirchen

In der Tat: Vier WM-Medaillen, das gab's für die DSV-Starter in der Nachkriegszeit erst fünf Mal: 1952 in Oslo, 1987 in Crans Montana, 1989 in Vail, 1997 in Sestriere und zuletzt 2013 in Schladming. Besser war der DSV überhaupt erst einmal, 1978 bei der Heim-WM in Garmisch-Partenkirchen, als es fünf Medaillen gab.

Dennoch kann das DSV-Fazit nach den turbulenten Tagen von Cortina d'Ampezzo nicht rosarot ausfallen. Denn speziell in den technischen Disziplinen und da bei den Frauen klafft nach dem Rückzug von Viktoria Rebensburg weiter ein dickes Loch.

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Wer folgt auf Rebensburg, Hölzl und Epple?

Rebensburg war die bislang letzte DSV-Läuferin, die in einem WM-Riesenslalom Medaillen gewinnen konnte. Davor gab es Weltmeisterinnen wie Kathrin Hölzl (2009), Maria Epple (1978) und Ossi Reichert (1956, in Cortina sogar), weitere Medaillengewinne durch Topläuferinnen wie Maria Ertl und Traudl Hächer.

Und diesmal? WM-Debütantin Andrea Filser war die chancenlose One-Woman-Show im Riesenslalom. Im Slalom richteten sich einmal mehr alle Blick auf Lena Dürr, die aber nicht in den Kampf um die Podestplätze eingreifen konnte.

"Wir hatten viel Licht, aber auch Schatten - und das ist etwas, was ich nicht wegdiskutiere", sagt DSV-Alpinchef Maier in seinem Fazit. So sehr ihn die Speedmedaillen freuen, so sehr nagt an ihm auch die Schwäche in den technischen Disziplinen, vor allem bei den Frauen.

Stimmen die Förderungskonzepte?

Gerade die Defizite im Riesenslalom wurmen. Denn auf den Kurven und Schwüngen im Klassiker bauen beispielsweise auch die schnelleren Disziplinen auf. "Wir müssen unsere Konzepte überarbeiten, wir müssen in die Bücher schauen, ob die Förderung - wie wir junge Frauen in den Leistungssport entwickeln - so zielführend ist, wie wir das glauben", sagt Maier.

Mehr Stabilität nötig

Ein zweites Problem für Maier: "Der eine oder andere Athlet muss stabiler gemacht werden." Beispiel Alexander Schmid: "Er war im Parallelrennen auf Medaillenkurs, er war im Riesenslalom auf Medaillenkurs - das sind Ziele, die wir in Angriff nehmen müssen." Am Ende gab es "nur" Bronze mit dem Team für Schmid.

Der bislang letzte deutsche Riesenslalom-Weltmeister war Markus Wasmeier 1985, vor 36 Jahren. Doch Maier nimmt nicht nur die Athleten, sondern auch das Trainerteam in die Pflicht.

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Maier nimmt auch Trainer in die Pflicht

"Gibt es Bereiche, die wir verbessern müssen? Gibt es Themen, wo wir unseren Athleten noch besser verstehen, noch besser abholen können, wo wir ihm Sicherheit geben können?" Diese Fragen sieht Maier auf die DSV-Betreuer zukommen.

In den technischen Disziplinen hat der DSV trotz der beiden Riesenslalom-Pfeiler Schmid und Stefan Luitz offenbar etwas den Anschluss verloren. Ein zusätzliches Problem bei den Frauen auch: Es fehlt die gesunde Konkurrenz, um sich gegenseitig zu pushen.

Während sich bei den Männern in den Speeddisziplinen die deutschen Topfahrer gegenseitig motivieren, sich im Riesenslalom das Duo Schmid/Luitz vorantreibt, sind bei den Frauen fast nur Einzelkämpferinnen unterwegs. Und: Das Team ist insgesamt eher klein.

Kaum Zukunftsprognosen möglich

Riesenslalom-Starterin Filser feierte mit schon 27 Jahren als Solistin im Riesenslalom ihr WM-Debüt. "Küken" Emma Aicher durfte im Team und in den Parallelrennen ran, muss sich mit erst 17 Jahren aber erst noch weiterentwickeln. Ob sie perspektivisch eine Podestfahrerin in den technischen Wettbewerben werden kann, muss man abwarten.

Es bleibt die traurige Gewissheit: In den technischen Disziplinen hat der DSV, vor allem bei den Frauen, vorerst den Anschluss verloren. "Zwei, drei Jahre wird es im Riesenslalom keine Spitzenfahrerin geben", prognostiziert ARD-Reporter Tobias Barnerssoi, selbst viermaliger deutscher Meister in dieser Disziplin.

Maier: "Haben zu wenig Einzelkönner"

Einen Ausweg hat Alpinchef Maier angedeutet, der DSV wird seine Förderung auf den Prüfstand stellen. Gleichzeitig bleibt die Gewissheit: "Wir haben zu wenig Einzelkönner, wir können uns nur gegenseitig stützen", sagt Maier - ohne ein starkes Team geht auch in Zukunft nichts. Und diese Situation im DSV ist manchmal Stärke wie im WM-Teamwettbewerb, oft aber auch Schwäche wie in den übrigen technischen WM-Rennen.

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Stand: 22.02.2021, 08:00

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