ÖSV-Trainer Assinger: "Rebensburg im Super-G - die beste Fahrt des Tages"

Österreichs Damen-Speedtrainer Assinger: "Wir sind klarer Favorit" Sportschau 08.02.2019 05:17 Min. Verfügbar bis 08.02.2020 Das Erste

Vor der WM-Abfahrt der Damen

ÖSV-Trainer Assinger: "Rebensburg im Super-G - die beste Fahrt des Tages"

Von Bernd Eberwein, Are

Roland Assinger ist der Trainer eines der besten Weltcupteams bei den Damen: Er betreut Österreichs Speedfahrerinnen. Im Interview mit Sportschau.de spricht der Kärntner über die Tücken der bevorstehenden WM-Abfahrt - und warum er Viktoria Rebensburg und Kira Weidle zu den Favoritinnen zählt.

Sportschau.de: Die WM-Prognose nach dem bisherigen Saisonverlauf - Gold, Silber und Bronze in der Damenabfahrt für Österreich? Wie groß ist die Erwartungshaltung bei Ihnen zu Hause?

Roland Assinger: "Gold, Silber, Bronze ist ein Wunschdenken. Falls das eintritt: Natürlich super. Aber es besteht genauso die Chance, dass wir keine Medaille machen.

Aber dass wir die Favoriten sind, ist ganz klar. Wir haben von sechs Saisonabfahrten fünf gewonnen. Das spricht natürlich für sich, das braucht man auch nicht bestreiten. Wir sind klar Favorit mit unseren Läuferinnen. Daher bin ich schon sehr gespannt, was am Sonntag passieren wird."

Wie kommen die Läuferinnen des österreichischen Skiverbands (ÖSV) bisher mit den Bedingungen und der Piste in Are zurecht? Teilweise wurde die Strecke im Abfahrtstraining verkürzt, auch für Sonntag ist noch nicht klar, wo gestartet wird.

Assinger: "Mir wäre es lieber, wenn wir von ganz oben fahren - weil es einfach mehr Elemente für Abfahrer beinhaltet. Es gibt oben ein Flachstück mit schönen Abfahrtskurven. Wo wir heute weggefahren sind (Training am Donnerstag, Super-G-Start, Anm.d.Red.), verläuft der Kurs sehr super-g-ähnlich, weil man viel Kante auf Kante fährt. Das heißt, die Ski werden sehr wenig flachgestellt, was ein Abfahrer im Sommer und Herbst sehr viel trainiert. Das würde bei einer verkürzten Strecke natürlich wegfallen.

Aber nichtsdestotrotz werden wir die Situation so annehmen, wie sie dann ist. Du musst von Anfang an Hundertstel erkämpfen, weil es aufgrund der verkürzten Strecke - wenn man den Wetterbericht sieht, wird wahrscheinlich verkürzt - mit Sicherheit eine 'Hundertstelschlacht' werden wird."

Nach den Trainings haben viele Läuferinnen von der Schlüsselstelle "Hummelbranten" mit 69 Prozent gesprochen. Können Sie die Besonderheit erklären?

Assinger: "Schlüsselstelle würde ich gar nicht so sagen. Diese Abfahrt erlaubt generell keine Fehler. 'Hummelbranten' ist vom Gelände her eine Überwindung notwendig, weil es so stark abfällt und der Sprung direkt in eine Aufsprungmulde gehen könnte - wenn man wirklich das letzte Hemd riskiert. Und das ist absolut notwendig, um eine Medaille zu gewinnen. Und es geht dann darum, den Schwung von dieser Kante mitzunehmen in die nächste Passage."

Es ist nicht unüblich, im Training noch nicht alle Karten auf den Tisch zu legen. Nicole Schmidhofer, Ramona Siebenhofer, Stephanie Venier - wer von Ihren Topläuferinnen ist am besten drauf vor der Abfahrt?

Assinger: "Es sind alle drei ziemlich gut drauf. Natürlich hat noch niemand das wahre Gesicht gezeigt. Bei diesen drei Läuferinnen hängt es sicherlich sehr stark von der Tagesform ab - dass man zur Stunde 'X' am Sonntag bereit ist. Ich traue mir da deshalb nicht, einem der drei Mädels einen Vorteil oder Nachteil vorherzusagen."

Ist der medaillenlose WM-Super-G in den Köpfen schon abgehakt?

Assinger: "Die Erwartungshaltung war natürlich sehr hoch aufgrund des letzten Sieges von Nicole Schmidhofer in Garmisch und auch Tamara Tippler war schon auf dem Stockerl. Aber nichtsdestotrotz hat das schon ein bisschen genagt am Selbstvertrauen, das muss ich ehrlich zugeben. Da haben wir sicher einen Tag gebraucht - wie man im Training nach dem Super-G gesehen hat: Da waren wir schlecht unterwegs. Heute (Training am Donnerstag, Anm.d.Red.) haben sich die Mädels viel viel besser gezeigt. Und man hat gesehen, dass sie das Thema abgehakt haben - und jetzt kommt die Abfahrt, die für viele das Highlight ist.

Wenn man sich die Top fünf im aktuellen Abfahrtsweltcup anschaut, sind dort Schmidhofer, Siebenhofer, Venier, daneben die Slowenin Ilka Stuhec und Kira Weidle aus Deutschland. Sind das die Topfavoritinnen? Wen haben Sie sonst noch auf der Rechnung im Kampf um Medaillen?

Assinger: "Auf dieser Strecke sind meiner Meinung nach an die zehn Läuferinnen für Medaillen gut. Wenn man sieht, dass eine Laura Gut-Behrami (Schweiz) wieder im Kommen ist - sie strotzt vor Selbstvertrauen.

Dann Viktoria Rebensburg, die für mich im Super-G die beste Fahrt des Tages abgeliefert hat, aber aufgrund der schlechten Sicht - was vier bis fünf Zehntel ausmacht - um sieben Hundertstel an einer Medaille vorbeigeschrammt ist.

Kira Weidle war schon zwei Mal auf dem Stockerl in dieser Saison. Dann gibt es auch noch eine Ester Ledecka (Olympiasiegerin, Anm.d.Red.), die sich im dritten Training ganz anders präsentiert hat als im zweiten. Der Favoritenkreis ist sehr, sehr groß - vor allem, wenn das Rennen verkürzt stattfindet."

Viktoria Rebensburg wird immer mal wieder kritisiert, dass sie vielleicht zu wenig Speedrennen trainiert und sich zu sehr auf den Riesenslalom konzentriert. Wie beurteilen Sie das von außen?

Assinger: "Darüber kann ich kein Urteil fällen, weil ich mit der Vicky nicht zusammenarbeite. Sie hat sicherlich aufgrund ihrer Toperfolge die Priorität auf den Riesenslalom gelegt, denke ich. Aber mit dieser Grundtechnik die sie besitzt und den vielen Trainingsläufen bei einer WM kommt sie sicher gut ins Fahren. Und so ein Kaliber wie Rebensburg kann sich da gut auf die Abfahrt einstellen."

Also eine Medaillenkandidatin, auch wenn die Abfahrt nicht ihre Hauptdisziplin ist?

Assinger: "Absolut."

Wie sieht man in Österreich generell die Entwicklung in Deutschland im Speedbereich? Rund um Olympia 2014 in Sotschi wurde ja sogar über eine Auflösung des Speedteams nachgedacht. Jetzt ist mit Kira Weidle sogar wieder eine Podestfahrerin da. Freuen Sie sich, dass wieder Konkurrenz da ist vom 'ungeliebten Nachbarn'?

Assinger: "Ungeliebte Nachbarn? Mit dem Disziplinentrainer Andi Fürbeck komme ich sehr gut zurecht - und ich bin froh, dass er mit den Mädels am Start ist. Vor allem hat er mit Rebensburg und Weidle sehr gute Läuferinnen. Und ich kann es nur befürworten, wenn das ganze Teilnehmerfeld mehr durchmischt wird, dass auch die Deutschen ein Wörtchen mitreden. Der Markt ist in Deutschland sehr groß - und wenn diese Läuferinnen gut fahren, steigt das Interesse am Skisport, am Damenrennsport - und das tut uns allen gut."

Sie haben schon angedeutet, dass sie auch Kira Weidle einiges zutrauen. Sie fuhr in dieser Saison überraschend in die Weltspitze. Ist sie schon reif für eine WM-Medaille?

Assinger: "Wenn man zwei Mal im Jahr aufs Podium fährt, ist man auch bei einer WM dabei, aufs Podest zu fahren. Deswegen habe ich sie schon auf dem Radar."

Zum Abschluss die Podestprognose: Keine Namen, aber welche Nationen sehen wir auf den Medaillenrängen?

Assinger: "Österreich, Schweiz, Deutschland."

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Der gebürtige Kärtner Roland Assinger war früher selbst aktiver Rennläufer im Weltcup und Europacup. Seit 2008 ist er Trainer beim Österreichischen Skiverband. Seit 2014 ist er Damen-Gruppentrainer "Weltcup Speed I"beim ÖSV und damit quasi Speed-Cheftrainer der österreichischen Damen. Sein Bruder Armin war ebenfalls Rennläufer und ist heute Moderator und Alpin-Experte beim ORF.

Stand: 08.02.2019, 11:44

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