Lamine Diack - ein käuflicher Leichtathletik-Präsident?

Korruption, Geldwäsche, Dopingvertuschung - Lamine Diack vor Gericht in Paris

Prozess gegen Skandal-Funktionär

Lamine Diack - ein käuflicher Leichtathletik-Präsident?

Von Hajo Seppelt und Jörg Winterfeldt

Seit Montag steht der frühere Chef des Welt-Leichtathletikverbandes, Lamine Diack, in Paris vor Gericht. Die Ermittler werfen ihm neben Korruption, Geldwäsche und Dopingvertuschung auch unlautere Wahlbeeinflussung in seiner Heimat Senegal und im Internationalen Olympischen Komitee vor.

Auf 88 Seiten hat der französische Ermittlungsrichter Renaud van Ruymbeke zusammengetragen, wie sich Korruption und Vertuschung von Dopingproben im Leichtathletik-Weltverband World Athletics abgespielt haben sollen, als der sich noch IAAF nannte und vom Senegalesen Lamine Diack angeführt wurde. Und es kam noch viel mehr heraus als die Vertuschung von Dopingproben.

Auch durch die Erkenntnisse der französischen Ermittler erfuhr die Welt vom angeblichen Stimmenkauf bei der Vergabe Olympischer Spiele wie jenen in Tokio. Ohnehin ist der Prozess auch für das Internationale Olympische Komitee extrem unangenehm. Diack war als Chef einer olympischen Kernsportart ein einflussreicher Vertreter in olympischen Kreisen.

Der Chefermittler - ein unbequemer Mann

Seit Montag (08.06.20) nun steht der 87-Jährige, längst aus dem Amt vertriebene Ex-Funktionär Diack in Paris vor Gericht, ebenso wie der Anwalt Habib Cissé und der frühere Anti-Doping-Chef des Weltverbandes, Gabriel Dolle, die beide gegen Honorierung geholfen haben sollen, vor Gericht. Ein weiterer Akteur, Diacks Sohn Papa Massata, der Jahre lang als Makler aller möglichen Deals vom Verband fürstlich honoriert worden war, fehlt nur deswegen, weil er sich in seinem Heimatland verschanzt.

Der Chefermittler Renaud van Ruymbeke, 67, gilt in Frankreich als unbequemer Mann, der sich große Meriten in prominenten französischen Korruptionsfällen erworben hat. Er hat Politiker und Wirtschaftslenker vernommen und er weiß, wie er Aussagen wie jene von Lamine Diack, einzuordnen hat. Zum einen, weil er die 46 Seiten, die Diacks Verteidiger zuvor eingereicht hatte, studiert hat, zum anderen, weil er seinen Erfolg dem Umstand verdankt, ziemlich genau zwischen der phantasievollen Welt mancher Angeklagter und den harten Fakten der Belege unterscheiden zu können.

Anwesenheit Diacks bereits ein Erfolg

So lässt sich schon der Umstand der Verfahrenseröffnung unter Anwesenheit des früheren Top-Funktionärs als kleiner Erfolg verbuchen: Die Ermittler nutzten im November 2015 eine Vortrags-Einladung des französischen Olympischen Komitees an Diack nach Paris, um den Senegalesen in französische Obhut zu nehmen. Zunächst in Polizeigewahrsam, dann unter Hausarrest mit umfassendem Kontaktverbot.

Die offiziellen Rechtshilfebeziehungen zwischen Senegal und Frankreich hätten womöglich nicht ausgereicht. Das belegen die vergeblichen Bemühungen der französischen Justiz, auch an Diacks Sohn Papa Massata heranzukommen.

Im Wahlkampf aktiv

Lamine Diack, einst Sportminister seines Landes oder Bürgermeister von Dakar, soll geholfen haben, 1,5 Millionen Dollar bei Behörden und Leichtathletik-Finanziers aus Russland aufzutreiben. Mit dem Geld soll im Senegal der Wahlkampf finanziert worden sein, um den mit einer Französin verheirateten Staatspräsidenten Abdoulaye Wade 2012 loszuwerden. Nutznießer: der bis heute herrschende Staatschef Macky Sall.

Laut Diack, der als Präsident offiziell pro Monat 18.000 US-Dollar von seinem Verband kassierte, sei das Geld völlig unabhängig von der Verschleppung von Dopingverfahren geflossen, weil "Russland einen Einfluss im Senegal haben möchte“. Dass seine eigenen polizeilichen Vernehmungen auf einen Zusammenhang hätten hinweisen können, erklärt er nun mit dem hohen Alter von 82 Jahren beim Verhör und 31 Stunden im Polizeigewahrsam. Aufgrund der unglücklichen Umstände seien eben "manchmal verwirrende Erklärungen" herausgekommen. Zudem sei Diack inzwischen schwerhörig, was ihm im Gericht auch einen Platz in direkter Nachbarschaft zum Richtertisch beschert.

Auslöser: Aussagen der Marathonläuferin Lilya Shobukhova in ARD-Doku

Hat die Ermittlungen gegen Lamine Diack ausgelöst: Russlands Marathonläuferin Lilya Shobukova.

Hat die Ermittlungen gegen Lamine Diack ausgelöst: Russlands Marathonläuferin Lilya Shobukova.

Während die Anklage im Verlauf der Ermittlungen immer weiter aufgestockt wurde - zunächst passive Korruption und Geldwäsche, dann aktive Korruption und Vertrauensbruch - plädiert Diack auf unschuldig. Der Vorwurf, er habe 3,45 Millionen Euro direkt oder indirekt von dopenden Athleten kassiert, um deren weiteres Startrecht zu garantieren, sei falsch. "Nichts in der Akte“ weise auf "einen luxuriösen Lebensstil“ Diacks hin, die "materiellen und moralischen Elemente der Straftat“ seien "nicht konstituiert“. Kurz: Er sei "kein käuflicher Präsident“ gewesen.

Aber während Diacks Verteidigung darauf hinweist, in der Akte gäbe es "keine Anhaltspunkte dafür, dass IAAF-Mitarbeiter durch Herrn Lamine Diack Autoritätsmissbrauch oder Druck ausgesetzt waren“, sagte der mitangeklagte Dolle, 78, in dieser Woche eher belastend aus: Diack habe ihn aufgefordert, die Anti-Doping-Regeln des Verbandes absichtlich zu ignorieren, "um einen Skandal“ zu vermeiden.

Den Ausgangspunkt der ganzen Lawine haben die Ermittler ein wenig versteckt. In seinen Ausführungen gegen Diack kommt der Ermittlungsrichter van Ruymbeke auf die russische Marathonläuferin Lilya Shobukhova zu sprechen, deren Erlebnisse repräsentativ seien und "den Ursprung des vorliegenden Falles“ bildeten. Ihren Fall hatte die ARD-Dopingredaktion 2014 in jener Dokumentation mit aufgearbeitet, die das russische Staatsdoping aufdecken geholfen hat: "Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht"(ab Minute 36:39).

Geheimsache Doping - Wie Russland seine Sieger macht Sportschau 03.12.2014 58:05 Min. Verfügbar bis 03.12.2099 Das Erste

Teilerstattung der Schweigegelder

Shobukhova hatte laut Aktenlage von einem der Hintermänner des Doping-Programms, Sergei Portugalov, regelmäßig Vitaminpillen, das Ausdauerdopingmittel Epo und Wachstumshormon bekommen und ihm dafür jeweils drei Prozent ihres Jahreseinkommens überlassen, sowie dem mitorganisierenden Cheftrainer Alexei Melnikov fünf Prozent. Der ARD-Dopingredaktion waren aus dem IAAF-Umfeld Blutwerte Shobukhovas aus der Zeit von 2009 bis 2011 anonym zugespielt worden, aus denen hervorging, dass Parameter ungewöhnlich waren und auf Doping hinwiesen. Allerdings war die Läuferin trotzdem über Jahre nicht belangt worden, konnte ungehindert Sieg an Sieg reihen und bei den größten Stadt-Marathonrennen Millionen verdienen.

Bis sich eines Tages der Cheftrainer Melnikov, Mitprofiteur des Dopings, zu Wort meldete. "Es fing alles 2011 an im Dezember. Der russische Leichtathletik-Verband trat an uns heran, man sagte uns, dass wir Probleme bekommen könnten", sagte Shobukhova der ARD, "die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 sei gefährdet. Und wir müssten jetzt 150 000 Euro zahlen, um diese Probleme zu lösen. Dann könnte ich an den Olympischen Spielen teilnehmen.“

Kritische Fragen zerstören Geschäftsmodell

Mit ihrem Mann lieferte sie das Geld wie gefordert in bar beim Trainer ab, später noch einmal 300.000 Euro. Dann aber zerstörten kritische Fragesteller in der IAAF-Zentrale das Geschäftsmodell: Sie drangen auf die Ahndung des Falls. Und es kam heraus, dass eine ganze Liste mit insgesamt 22 weiteren Athletennamen und ähnlicher Sachlage existierte, darunter etwa auch die Türkin Asli Çakir Alptekin und weitere Russen, die in ähnlicher Weise wie Shobukhova gezahlt hatten. Die Belege wurden bei der Durchsuchung des Hauses vom Anwalt Cissé gefunden. Das ganze Komplott kam heraus, weil Shobukhova in London zwar beim olympischen Marathon starten durfte, aber eine Verletzung vortäuschen musste, weil die Jäger sonst noch mehr Druck gemacht hätten, obwohl sie bezahlt hatte.

Als sie dann das Schuldanerkenntnis in Russland unterschreiben sollte, verweigerte sie und verlangte erst ihr Geld zurück. Tatsächlich flossen dann 300 000 Euro über die in Singapur registrierte Firma Black Tidings wieder auf ihr Konto. Die Firma diente offenbar nur zur Verschleierung der wahren Quelle: Pamodzi Sports Consulting, dem Unternehmen von Lamine Diacks Sohn Papa Massata. Der soll irgendwie immer bei solchen Deals mitgemischt haben. Er gönnte sich auch einen luxuriösen Lebensstil, verkehrte stets in den teuersten Hotels und tätigte Millionenumsätze allein in Luxusuhrengeschäften. Und als er in der Türkei bei Verhandlungen zu Dopingermittlungen nicht seriös genug wirkte, kam kurzerhand ein anderer zum Zug: Khalil Diack, ein weiterer Sohn des IAAF-Bosses.

Olympisches Stimmengeschacher

Ebenfalls angeklagt: Der Ex-Schatzmeister des Leichtathletik-Weltverbandes Valentin Balakhnichev.

Soll ebenfalls Teil der organisierten Dopingvertuschung gewesen sein: Valentin Balakhnichev, damals Russlands Verbandspräsident und IAAF-Schatzmeister.

Aus der Email, die Shobukhova zur Bestätigung mit der Überweisungsbestätigung von Melnikov weitergeleitet wurde, und die sie der ARD-Dopingredaktion überließ, konnte sie sehen, dass Valentin Balakhnichev, Russlands Verbandspräsident und IAAF-Schatzmeister zu der Zeit auch beteiligt war. Melnikov und Balakhnichev gehören ebenfalls zu den Angeklagten in Paris, fehlen aber wie Papa Massata Diack.

Auch der Funktionär Balakhnichev musste eine eigene Firma unterhalten, die laut den Ermittlern "bis März 2015 Vermittlungsdienste für internationale Transaktionen für Sportprojekte" bereitstellen sollte. Von dem Konto, auf dem sich das Vermögen allein 2013 verzehnfacht hatte, sei das Geld direkt auf Balakhnichevs Privatkonto geflossen. Dort sperrten die Ermittler im November 2015 Vermögenswerte in Höhe von 1.895 374 Euro.

Stimmen im Paket verschachert

Schließlich kamen die Ermittler über eines der Konten, die Papa Massata Diack zugerechnet werden, auch einer möglichen Stimmenverschiebung bei der Vergabe der Olympischen Spiele in Tokio 2020 und in Rio de Janeiro 2016 auf die Spur.

"Das Standard Chartered Bank-Konto hat seit seiner Eröffnung am 20. Juni bis Juni 2013 praktisch keine Bewegungen verzeichnet. Es wurde ab Juli 2013 verwendet, um zwei Transfers im Zusammenhang mit der Wahl der Stadt Tokio für die Olympischen Spiele 2020 zu erhalten. Tatsächlich wurden dem Konto zwei Überweisungen von einem Konto mit der Nummer 770- l 052430 bei der Mizuho Corporate Bank Ltd Tokyo unter dem Eintrag Tokyo 2020 Olympic Garnes Bid gutgeschrieben: 1,197 000 Singapur Dollar am 30. Juli 2013 (US-Dollar 950 000) sowie SGD 1,685 750 (USD 1,375 000) am 28. Oktober 2013."

Die einleuchtende Theorie der Ermittler: Die Diacks, Vater Lamine gehörte ja zu den IOC-Abstimmern mit Einfluss, haben jeweils bei der umkämpften Wahl des Austragungsortes Stimmen im Paket verschachert.

Stand: 10.06.2020, 23:33

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