Das entzauberte "Sportwunderland"

Zentralstadion in Leipzig 1969

30 Jahre Mauerfall

Das entzauberte "Sportwunderland"

Von Thomas Purschke

Medaillenflut bei Olympischen Spielen durch "Diplomaten im Trainingsanzug", ideologische Überfrachtung und staatlich verordnetes Doping - der Leistungssport spielte eine zentrale Rolle in der DDR.

Bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 war es erstmals soweit: Die kleine DDR holte 66 Medaillen - und damit satte 26 mehr als die ausrichtende Bundesrepublik. Bis zum Mauerfall 1989 sollte sich das nicht mehr ändern, auch die Zahl der Olympiasieger aus dem Arbeiter- und Bauernstaat übertraf in der Folge die der Goldmedaillengewinner aus dem Westen eindeutig.

Der Leistungssport in der DDR, das war einst ein Markenzeichen, da horchte auch der Westen auf und schielte schon mal neidisch zu den Brüdern und Schwestern in der Ostzone rüber. Der Sport spielte eine zentrale Rolle, bildlicher Ausdruck waren die steif durchchoreographierten, riesigen Turnfeste im Zentralstadion in Leipzig, wie sie heute nur noch in der  kommunistischen Diktatur in Nordkorea stattfinden.

Ideologische Überfrachtung des Sports durch die SED

Doch dies war nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite bestand aus der ideologischen Überfrachtung des Sports durch die Staatspartei SED, dem fortwährenden Kampf gegen den imperialistischen Klassenfeind, allen voran die "BRD", der Militarisierung des Sports durch die große Armeesportvereinigung in der DDR sowie der Sportorganisation der Schutz- und Sicherheitsorgane "Dynamo", denen viele DDR-Spitzenathleten angehörten.

Der Spitzensport hatte in der DDR einen klaren politischen Auftrag zu erfüllen. Das Ansehen des kleinen Landes sollte in der Welt gesteigert und die große Leistungsfähigkeit der Menschen zur Schau gestellt werden, koste es, was es wolle. Selbst vor Doping von Minderjährigen schreckten die DDR-Sportverantwortlichen nicht zurück, was zu zahlreichen und teils schwersten Gesundheitsschäden führte.

Ethik und Moral blieben auf der Strecke

Ethik und Moral der Verantwortlichen blieben auf der Strecke. Stattdessen regierte der Größenwahn. Die sehr teuer erkauften Sporterfolge sollten von der brutalen SED-Diktatur ablenken, unter der bis Februar 1989 noch Menschen an der innerdeutschen Grenze bei Fluchtversuchen erschossen wurden, wie der 20-jährige Chris Gueffroy aus Ost-Berlin.

Flucht übers Meer - Axel Mitbauer und die Flucht in seinem Element (Beitrag Sport inside vom 26.09.2011) Sportschau 11.09.2016 09:32 Min. Verfügbar bis 31.10.2020 Das Erste

Ein Schritt zurück: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der daraus resultierenden deutschen Teilung gingen der organisierte Sport in Ost und West unterschiedliche Wege. In der damals noch sowjetischen Besatzungszone wurde bereits 1948 der "Deutsche Sportausschuss" begründet.

Unterschiedliche Entwicklung in Ost und West

Während mit der Gründung der DDR 1949 der weitere Aufbau eines Staatssportsystems nach sowjetischem Vorbild erfolgte, strebte der bürgerliche Sport in West-Deutschland eine vom Staat autonome Sportbewegung an. Im Dezember 1950 wurde in Hannover der Deutsche Sportbund gegründet als Dachorganisation der Landessportbünde und Sportbünde. In der DDR indes erfolgte auf Anweisung der Staatsführung eine Verlagerung des organisierten Sports in die Betriebe, und an die Stelle der Vereine traten die sogenannten "Betriebssportgemeinschaften" (BSG).

1957 erfolgte dann die Gründung des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) in der DDR. Dessen Aufgabe nach Anweisung der Sozialistischen Einheitspartei (SED) war es, die DDR-Bürger "zu gesunden, willensstarken Menschen zu erziehen, die bereit sind zur Arbeit und zur Verteidigung ihrer sozialistischen Heimat".

"Diplomaten im Trainingsanzug"

Der einflussreichste und von vielen gefürchtete Sportfunktionär der DDR war Manfred Ewald, Jahrgang 1926 und ab 1944 NSDAP-Mitglied, der von 1961 bis zu seiner Ablösung 1988 Chef des DTSB war und 1973 auch die Präsidentschaft im Nationalen Olympischen Komitee der DDR übernahm. Ewald wurde im Jahr 2000 vom Landgericht Berlin wegen seiner Mitverantwortung am DDR-Staats-Dopingsystem zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Die DDR-Staatsführung orientierte sich teils an der Tradition der Arbeitersportbewegung. Der einstige DDR-Staatschef Walter Ulbricht gab die Losung aus: "Jedermann an jedem Ort, einmal in der Woche Sport." Später änderte er dies auf "mehrmals in der Woche". Der motorisch eher unbegabte SED-Apparatschik Ulbricht inszenierte sich gerne als Vorturner bei großen Sportfesten und im DDR-Fernsehen als Hobby-Skiläufer oder Tischtennisspieler. Doch sein großes Ziel war, vor allem mit dem Leistungssport und den Athleten, die auch als "Diplomaten im Trainingsanzug" bezeichnet wurden, im Kalten Krieg die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft zu manifestieren.

Die Bilanz des DDR-Spitzensports fällt auf den ersten Blick atemberaubend aus. 203 olympische Goldmedaillen, 768 Welt- und 747 Europa-Meistertitel. Dass ein so kleines Land wie die DDR mit den Großmächten des Weltsports, wie den USA oder der damaligen Sowjetunion auf Augenhöhe konkurrierte, ist wohl ohne Beispiel in der Geschichte der Olympischen Spiele.

Bei ihrem letzten Auftritt bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul (Südkorea) gewann die DDR-Mannschaft insgesamt 102 Medaillen (davon 37 Mal Gold) und kam auf Rang zwei im Medaillenspiegel. Nur die Sowjetunion holte mit 132 Medaillen mehr Edelmetall, davon 55 Mal Gold. Die USA lagen hingegen auf Platz drei mit 94 Plaketten, 36 Mal Gold. Die Bundesrepublik Deutschland auf Platz fünf errang 40 Medaillen, davon elf Mal Gold.

Vergleicht man die damaligen Einwohnerzahlen, lebten in der DDR im Jahr 1988 16,67 Millionen Menschen, in Westdeutschland 61,24 Millionen, in der Sowjetunion über 286 Millionen und in den USA rund 250 Millionen, dann erscheint dies zunächst als eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte.

Staatlich organisiertes und finanziertes Dopingsystem

Bereits 1950 setzte sich der SED-Funktionär Walter Ulbricht für die Gründung der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport in Leipzig ein, die sich zu einer der erfolgreichsten Medaillen- und Sportkaderschmieden der Welt entwickelte. Dort befand sich auch das Forschungszentrum für Körperkultur und Sport.

Dieses Institut war in der DDR nicht nur federführend für die Forschung im Bereich der Biomechanik, Technikanalyse, Leistungsdiagnostik, der Entwicklung von Sportgeräten und Messtechnik sowie der Sportmedizin, sondern war auch das Zentrum für die umfassende Dopingbetrugsforschung im Rahmen des staatlich organisierten und finanzierten Dopingsystems, welches viele Weltklasseleistungen erst ermöglichte.

Konzentration auf medaillenintensive Sportarten

Das sogenannte "Sportwunderland" DDR fußte auf weiteren Säulen. Dazu gehörte die riesige personelle und finanzielle Ausstattung des DTSB und der Leistungs-Sportklubs sowie ein ausgiebiges Talentesichtungssystem namens "ESA" ("Einheitliche Sichtung und Auswahl") bereits im frühesten Kindesalter, die Einrichtung spezieller Kinder- und Jugendsportschulen nach sowjetischem Vorbild als Sportinternate, aber auch die von der SED-Führung per Leistungssportbeschluss im Jahr 1969 eingeleitete Konzentration auf medaillenintensive Sportarten bei Olympia, wie die Leichtathletik und das Schwimmen.

Hingegen Mannschafts-Sportarten wie Basketball oder Eishockey, bei denen für nur eine einzige Medaille ein hoher finanzieller Aufwand vonnöten war - ebenso wie für den alpinen Skisport, wurden vom internationalen Wettkampfsport im kapitalistischen Ausland fortan ausgeschlossen und die finanzielle Förderung wurde stark reduziert.

Zunehmende Vernachlässigung des Breitensports

Die zielgerichtete und einseitige Förderung des Hochleistungssports ging einher mit der zunehmenden Vernachlässigung des Breitensports. Viele Sportstätten befanden sich in einem erbärmlichen Zustand. Auf den DDR-Spitzensportlern lastete ein großer Erfolgsdruck. Es gab einen ideologischen Bekenntniszwang zur DDR. Auch die physischen und psychischen Verschleißerscheinungen waren groß. Wer zu all dem nicht bereit war, wurde rasch aus dem Leistungssport-Apparat entfernt. Zahlreiche DDR-Athleten flüchteten deshalb in den Westen.

Mit dem Untergang des DDR-Regimes wurde das 'Sportwunderland' völlig entzaubert und sein massives Doping-Betrugs- sowie Stasi-Überwachungs-System aufgedeckt. Auch diese beiden Fakten waren in ihrer enormen Dimension weltweit einzigartig.

Sport in Ostdeutschland - Zu arm für Titel sport inside 04.11.2019 09:45 Min. Verfügbar bis 23.10.2020 WDR

Stand: 30.10.2019, 16:03

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