RasenBallsport Leipzig - (k)eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte

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30 Jahre Mauerfall

RasenBallsport Leipzig - (k)eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte

Von Matthias Wolf

RB Leipzig hat als Marketingprodukt mit seinen Erfolgen den Fußball nachhaltig verändert. Den traditionellen Fußball im Osten Deutschlands hat das allerdings nicht weitergebracht.

Dieser Stadionsprecher ist gewöhnungsbedürftig. Anderswo würde er wohl aus dem Stadion gepfiffen. Aber in Leipzig ist er akzeptiert, es heißt sogar: bei vielen beliebt. Irgendwie passt Tim Thoelke auch mit seinem roten Sakko und seiner roten Krawatte, und wie er vor dem Spiel bei der Verlesung jedes Spielernamens auf dem Rasen hüpft oder gegen imaginäre Bälle tritt – zu RasenBallsport Leipzig, kurz RB Leipzig.

Warum sollte die Stimme von RB, von Beruf DJ, Musiker, Moderator, weniger aufgesetzt wirken als das gesamte Ambiente in der Leipziger Arena, in der alles auf Red Bull getrimmt ist? Nur nebenbei: Thoelke, der auch so eine Art Vereinslied rappt ("Wir sind die Crew von RB") stammt nicht aus Leipzig. Der Mann wurde in Niedersachsen geboren. Passt auch prima - denn RB Leipzig hat ja, abgesehen vom Standort, auch nicht wirklich tiefe ostdeutsche Wurzeln. Dahinter steckt eine Marketingidee aus Österreich. Ein Klub aus der Retorte.

Oberligist SSV Markranstädt als Starthilfe

Das Konstrukt RB Leipzig scheidet bis heute die Geister. Misst man einen Klub nur an Ergebnissen – oder auch an Tradition, an seiner Geschichte? Eine Diskussion, die seit 2009 läuft. Red Bull – bis dahin in Deutschland nur als Sponsor von Trend- und Extremsportarten bekannt und aktiv im österreichischen Fußball, wagte sich damals auf die große Bühne Bundesliga.

Gesucht wurde zuvor jahrelang ein Verein als Startrampe, möglichst im Großraum Leipzig. Im Visier, ab 2006: der FC Sachsen Leipzig. Doch es hagelte Fanproteste, zudem vergifteten Indiskretionen die Verhandlungen. ZFC Meuselwitz hatte kein Interesse, der FC Eilenburg stieg während der Verhandlungen ab - und war deshalb für Red Bull kein Thema mehr. Übrig blieb der SSV Markranstädt, ein gut geführter Oberligist, der Geld benötigte.

RB Leipzig - Mit neun Mitgliedern in Liga zwei (Beitrag Sport inside vom 28.04.2014) Sportschau 31.10.2019 09:16 Min. Verfügbar bis 31.10.2020 Das Erste

Aus der Leipziger Innenstadt ist man mit dem Auto in einer Viertelstunde in der 15.000-Einwohner-Stadt. Also gründete vor zehn Jahren Red Bull selbst einen Verein – und kaufte dem SSV Markranstädt die Spielrechte in der Oberliga ab. RB sparte sich so den mühsamen Aufstieg ab der Kreisliga. Nach dem Vorbild von Red Bull Salzburg, das in der österreichischen Liga bis heute einen Titel nach dem anderen abräumt, wollte man möglichst schnell nun Ähnliches in Deutschland erreichen.

Testspiele nach massiven Fanprotesten abgesagt

Von Beginn an schlug dem Kunstprodukt (99 Prozent der Anteile gehören der Red Bull GmbH, ein Prozent dem Verein RB Leipzig e.V.) massive Ablehnung entgegen. Die ersten Spiele in der Oberliga mussten massiv durch Polizei abgesichert werden. Es gab anfangs Szenen, als die Spieler regelrecht in den Bus flüchten mussten vor den Attacken. Traditionsvereine wie Hessen Kassel, Union Berlin, Erzgebirge Aue oder der VfB Stuttgart sagten geplante Testspiele nach massiven Fanprotesten ab. Zu Beginn der Saison 2014/15 wurde nach dem Aufstieg von RB Leipzig in die zweite Liga die Fan-Kampagne "Nein zu RB" gegründet. Man wolle einer "Akzeptanz von RB auf Dauer entgegenwirken".

Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren auch Funktionäre, wie der im Red-Bull-Fußball omnipräsente Ralf Rangnick, angefeindet. Geschmacklose Transparente auf der Dortmunder Süd-Tribüne und die Angriffe von Ultras und Hooligans auf Leipziger Fans lösten Debatten über Hass und Gewalt im Profi-Fußball aus. Seit zwei Jahren ist es merklich ruhiger geworden. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass Gästefans in Leipzig so gut wie keine Anfeindungen zu spüren bekommen. Das stimmt viele milde. Die friedliche Szenerie der mit vielen Frauen und Familien besetzten Ränge wirkt allerdings im Bundesliga-Maßstab auch weiterhin eher steril.

RB Leipzig: Hass, Hass, Hass (Beitrag Sport inside vom 04.12.2016) Sportschau 04.12.2016 08:49 Min. Verfügbar bis 31.12.2020 Das Erste

Bis heute bleibt die Rolle von DFB und DFL bei der Diskussion um das Logo fragwürdig. Eine Lizenzauflage war 2014: Das Emblem des Vereins sollte sich von dem des Unternehmens unterscheiden – bis dahin war es zum Verwechseln ähnlich. Auf Druck wurde das Logo zwar modifiziert, aber nur marginal.  Die Roten Bullen blieben. Die Verbände nickten das Logo dennoch ab – und mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, vor dem Konzern zu kuschen, dessen größter PR-Trick ohnehin der Name ist. Red Bull ist als Vereinsname laut Verbands-Statuten verboten. Also heißt der Klub RasenBallsport, abgekürzt RB. Doch das steht für Red Bull. Und oft ist einfach automatisch nur von Red Bull Leipzig die Rede. Die Marketingstrategen haben ihr Ziel erreicht.

Aktuell nur 17 stimmberechtigte Mitglieder

Kritisiert wurde von Beginn an auch, dass RB nur jene Mitglieder aufnimmt, die Red Bull genehm sind – und somit aktuell nur 17 stimmberechtigte Mitglieder hat. Eine geschlossene Gesellschaft, die nach Ansicht vieler eigentlich dem deutschen Vereinsrecht widerspricht. Auch das störte die Verbände aber scheinbar nie.

Und so ließen, ohne große Widerstände von den Entscheidern im deutschen Fußball, die Leipziger Erfolge von Beginn an nicht auf sich warten. Im ersten Jahr schon der Aufstieg in die Regionalliga. Hier lief es erstmal nicht wie gewünscht, man wurde Vierter – aber bei der Teilnahme am DFB-Pokal bezwangen die Leipziger den VfL Wolfsburg mit 3:2. Ein erstes Ausrufezeichen. Dann schafften sie in der Saison 2012/13 den Aufstieg in die dritte Liga.

Und, zweites Ausrufezeichen: Sie tätigten die ersten Top-Transfers. Yussuf Poulsen, der immer noch bei RB spielt. Ebenso Joshua Kimmich. Es gelang sofort der Aufstieg in die zweite Liga, und 2016 in die Bundesliga. Dabei lösten die Aufsteiger gleich das Ticket für die Königsklasse. Binnen acht Jahren von der Oberliga bis in die Champions League. Lediglich ein Titel fehlt bis heute. Nur eine Frage der Zeit?

Aggressives Auftreten auf dem Jugend-Transfermarkt

Erfolg scheint planbar – und käuflich. RB Leipzig möchte ihn über schnelle, junge Spieler erreichen. Und tritt bereits auf dem Jugend-Transfermarkt sehr aggressiv auf. Seit der Eröffnung der 30 Millionen teuren Akademie für 50 Nachwuchsspieler im Jahr 2015 verlagerte sich das Beuteschema des Vereins: Graste RB Leipzig davor vor allem die Talentschmieden im Osten ab, ist der Klub mit seinen Scouts heute bundesweit unterwegs. Vor allem finanzschwächere Klubs leiden darunter, dass Leipzig bei ihnen wildert.

Das einstige Agreement aller Nachwuchsleistungszentren, sich nicht gegenseitig Talente abzujagen – längst aufgekündigt. Viele Klubs beklagen das – aber nur wenige, wie Eintracht Frankfurt, auch öffentlich. Eintracht-Präsident Peter Fischer nannte 2016 die Frankfurter Nachwuchsspieler unter 15 Jahren "Freiwild" für die finanzstarke Konkurrenz aus dem Osten: "RB Leipzig ist auf dem Markt der vertragslosen Jugendspieler vollkommen skrupellos. Da spielt eben ganz einfach dann die wirtschaftliche Macht eine große Rolle."

Talentschmiede RB Leipzig - Fokus auf Nachwuchsspieler (Beitrag Sport inside vom 13.03.2016) Sportschau 31.10.2019 10:55 Min. Verfügbar bis 31.10.2020 Das Erste

Das WDR-Hintergrundmagazin "Sport inside" beschrieb den Fall des Berliner Hertha-Spielers Elias Abouchabaka. Eines von mehreren Talenten, die auch Hertha BSC an RB verloren hatte. Eine Viertelmillion Euro Ablöse ließ sich RB den 15-Jährigen kosten, der mittlerweile 19 Jahre alt und an Zweitligist Greuther Fürth ausgeliehen ist. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Bis heute hat noch kein Spieler aus der Akademie den Durchbruch bei RasenBallsport geschafft. RB gilt auch als Durchlauferhitzer für Talente. Zumindest so profitieren öfter andere Vereine im Osten von RB – wenn die Spieler vom System wieder ausgespuckt werden, und bei traditionsreichen Drittligisten landen.

Internationales Duell der beiden Red-Bull-Klubs

Für Misstöne sorgte das Fußball-Konstrukt von Mäzen Dietrich Mateschitz in der vergangenen Saison auch auf internationaler Ebene. Der Albtraum vieler Fans und Wettbewerbshüter wurde wahr – und die beiden Red-Bull-Klubs aus Leipzig und Salzburg mit Celtic Glasgow und Rosenborg Trondheim in eine Gruppe gelost. Eine bisher einmalige, umstrittene Konstellation im europäischen Fußball. Die auch die UEFA in Erklärungsnöte brachte.

Die europäische Fußball-Union UEFA war bei der Zulassung beider Vereine den Juristen von Red Bull gefolgt, wonach beide Klubs entflochten seien – personell und strukturell. Obwohl Mateschitz beide weiter finanziert. Der entscheidende, juristische Unterschied: Seine Red Bull GmbH ist Eigentümer in Leipzig – und in Salzburg offiziell nur noch Hauptsponsor. Der renommierte Sportrechtler Thomas Dehesselles ordnete das so ein: "An der Stelle muss man dann konstatieren: Auch die UEFA stößt an ihre Grenzen."

Sächsischer Zaubertrank - RB Leipzig (Beitrag Sport inside vom 07.09.2009) Sportschau 07.09.2009 10:05 Min. Verfügbar bis 31.10.2020 Das Erste

Sie sei nicht mit "staatsanwaltlichen Ermittlungsbefugnissen ausgestattet, um Personen nachzuspionieren, Telefonate abzuhören - um rauszufinden, ob weiterhin Kontakt, Einflussnahme und damit Verflechtung besteht". Denn für viele Kritiker ist die Verbindung der beiden Vereine offensichtlich, ebenso wie die Umgehung des Financial Fairplays und der Zulassungskriterien der UEFA für ihre Wettbewerbe.

Premiumsponsoren arbeiten eng mit Red Bull zusammen

Das funktioniert zum Beispiel über den Sponsorenpool. Offiziell darf laut UEFA ein Sponsor nicht mehr als 30 Prozent zum Gesamtetat beisteuern. Das war früher in Salzburg mit Red Bull der Fall. Doch auch hier zeigte man sich besonders findig, weiß der langjährige Klub-Beobachter Jakob Rosenberg, Chefredakteur des kritischen Magazins "Ballesterer" aus Wien: "Es reicht ein Blick auf die Liste der Premium-Sponsoren von Red Bull Salzburg, um zu sehen wie groß der Einfluss von Red Bull dort ist. Da gibt es zwar auch einige unabhängige Unternehmen, aber das sind fast alles Firmen, die sehr eng mit Red Bull zusammenarbeiten." Weitere Hinweise auf die Verflechtung:  scheinbar endlose Transfererlöse aus Leipzig in Salzburg. Die gelten nicht als Sponsoring-Einnahmen – obwohl sie indirekt von Red Bull kommen. 19 Salzburger – bereits nach Leipzig verkauft.

Indizien für die Wettbewerbshüter auf europäischer Ebene. Doch wer traut sich an so einen Weltkonzern ran? Zumindest einer, der seine Bedenken gegenüber Sport inside formulierte: Rune Bratseth, ehemaliger Bremer Bundesligaprofi, im Vorstand von Rosenborg Trondheim, im vergangenen Jahr Europa-League-Konkurrent von RasenBallsport: "Die Leute denken nach: Was ist, wenn sie gegeneinander spielen, am vorletzten Spieltag, und beide brauchen noch einen Punkt. Dass man überhaupt den Verdacht hat, dass da was passieren kann, ist nicht gut für die zwei Vereine. Und nicht gut für den Wettbewerb."

Red-Bull-Duell Leipzig gegen Salzburg - Moralische Bedenken (Beitrag Sport inside vom 19.09.2018) sport inside 19.09.2018 10:20 Min. Verfügbar bis 31.12.2019 WDR

Am Ende schied Leipzig am letzten Spieltag aus - trotz Schützenhilfe von Salzburg, weil man selbst gegen Trondheim nicht gewinnen konnte. Celtic und Salzburg kamen in die K.o.-Runde – die Schadenfreude vieler Konkurrenten war groß. Trotz des sportlichen Scheiterns ist für viele aber die moralische Integrität längst auf der Strecke geblieben. Bratseth: "Wenn die bei Red Bull juristisch Recht haben, heißt das noch lange nicht, dass es richtig ist. Moralisch oder vom Gefühl her ist es nicht gut."

Schulden von RB Leipzig liegen bei rund 130 Millionen Euro

Das Misstrauen gegenüber Mateschitz' Fußballspielzeug bleibt also – auch wenn immer wieder der offensive Spielstil als Bereicherung für den Sport gelobt wird. Seit RasenBallsport als Spielbetriebs GmbH firmiert, muss der Klub jährlich eine Bilanz veröffentlichen. Dieser Geschäftsbericht wird immer ausführlicher, da das Unternehmen wächst.

Und dabei wird auch deutlich, wie viel sich Red Bull das Projekt nach wie vor kosten lässt: Die Schulden von RB Leipzig beim Besitzer sind deutlich gewachsen. Und liegen laut Geschäftsbericht für das Jahr 2017 bei über 130 Millionen Euro. Der Konzern zahlt das aus der Portokasse – und hat trotzdem mit diesen Mitteln den Fußball nachhaltig verändern können. Allerdings nicht den traditionellen Ost-Fußball, der weiter darbt.

Stand: 07.11.2019, 14:57

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