Fußball in der DDR - der große Ausverkauf

Matthias Sammer und Ulf Kirsten im Dress von Dynamo Dresden

30 Jahre Mauerfall

Fußball in der DDR - der große Ausverkauf

Von Matthias Wolf

Fußball war in der ehemaligen DDR viele Jahre eher unbedeutend. Nach der Wiedervereinigung verschwanden die Klubs aus den jungen Bundesländern dann endgültig von der Bildfläche.

Dass der Fußball in Deutschland gefühlt immer noch geteilt ist, wurde dieser Tage wieder im DFB-Pokal deutlich: 30.000 Fans von Dynamo Dresden fuhren die gerade einmal 200 Kilometer bis Berlin, ins Olympiastadion. Tief im Westen? Der beliebteste Schlachtruf aus Dresdner Kehlen war jedenfalls: "Ost-, Ost- Ostdeutschland!" Obwohl viele der Fans die DDR nie erlebt haben.

Hat die Vereinigung im Fußball nie richtig funktioniert? Viele Kritiker sehen das so, weil sie von Anfang an eher an eine Zwangsheirat erinnerte, bei der die eine Seite einen fragwürdigen Ehevertrag unterschreiben musste. Gerhard Mayer-Vorfelder, damals Vorsitzender des Liga-Ausschusses und DFB-Präsidiumsmitglied, zeigte anfangs noch Verständ is für den Ost-Fußball ("Ein totaler Ausverkauf muss verhindert werden"), um dann aber deutlich zu machen: In der Bundesliga wolle keiner zugunsten der Ostdeutschen freiwillig etwas abgeben. Schon gar keine Startplätze. "Man kann keine Regionalgarantien geben", sagte Mayer-Vorfelder, "schließlich ist die DDR ein Land nur so groß wie Nordrhein-Westfalen".

"Fußball-Beschluss" zur Stärkung

Ein Land auch, dessen Klub-Fußball im Westen aufgrund der Historie nicht anerkannt war. Überregional kaum erfolgreich (einzige Ausnahme ist der Europacupsieg des 1. FC Magdeburg 1974) und nicht traditionell gewachsen - sondern staatlich verordnet. In diesem Sport war die DDR so lange derart chronisch erfolgslos, dass Mitte der Sechzigerjahre der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB), der vom Zentralkomitee der sozialistischen Einheitspartei SED gesteuert wurde, eingriff.

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Die DDR hatte die Qualifikation zur WM 1966 verpasst und im Arbeiter- und Bauernstaat interessierten sich die Menschen deutlich mehr für die neu gegründete Bundesliga im Westen als für die eigene Oberliga – also musste der sogenannte "Fußball-Beschluss" her. Denn es wurmte die Staatsoberen, dass die DDR im Massensport Fußball so unbedeutend war. Professionelle Trainingsbedingungen herrschten damals nur bei Dynamo Dresden.

Also wurden binnen weniger Tage 1966 zehn Vereine von Rostock bis Karl-Marx-Stadt gegründet, die aus den von olympischen Sportarten dominierten Betriebssportgemeinschaften herausgelöst wurden. Die Klubs erhielten vom Staat viele Millionen, finanzierten damit die Spieler, sogenannte Staatsamateure. Die verdienten plötzlich deutlich mehr als mehrfache Olympiasieger etwa aus der Leichtathletik oder dem Schwimmsport. Die privilegiertesten unter den Vereinen, sogenannte Schwerpunkt-Klubs, bekamen immer die besten Spieler der Republik delegiert. Die Vereine mussten sich ums Überleben keine Sorgen machen - Fußball-Sozialismus. Heute ist von diesen Klubs nur Union Berlin in der Bundesliga, Dresden in Liga zwei – der Rest verteilt sich auf die Ligen drei, vier und sogar sechs.

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Spätfolgen der verunglückten Vereinigung? Der DDR-Fußball habe bei der Vereinigung viel zu wenig gekämpft, sich naiv über den Tisch ziehen lassen – das Diktat aus dem Westen akzeptiert. Sagen viele Kritiker heute noch. Am 21. November 1990 trat der Nordostdeutsche Fußballverband in Leipzig dem DFB bei. Die Einheit des deutschen Fußballs war vollzogen – zumindest formell.

Auf der Gründungssitzung wurde beschlossen, dass nur zwei ostdeutsche Mannschaften in die Bundesliga übernommen würden, der Meister sowie der Vizemeister der Oberliga Nordost (letztlich Hansa Rostock und Dynamo Dresden). Die vier nächstplatzierten Mannschaften sollten der zweiten Liga zugeschlagen werden, am Ende waren das Rot-Weiß Erfurt, Carl Zeiss Jena, der Hallesche FC sowie der Chemnitzer FC. Traditionsklubs wie Lokomotive Leipzig, der einstige Europapokalsieger FC Magdeburg oder der Rekordmeister Berliner FC Dynamo verschwanden hingegen in der Regionalliga. Viele Ostdeutsche fühlten sich unterrepräsentiert im gesamtdeutschen Fußball.

Und die Krise verschärfte sich, der Ost-Fußball wurde regelrecht zerfleddert. Der Ausverkauf und das Abzocken begannen sofort nach dem Mauerfall – windige Berater und Manager schlichen sich ein. Als Paradebeispiel dafür gilt immer noch der hessische Bauunternehmer Rolf Jürgen Otto, der in Sachsen das große Geschäft mit Steinen und Beinen witterte, als Präsident von Dynamo Dresden den Verein mit dubiosen Verträgen herunterwirtschaftete.

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"Wir haben fünftklassige Trainer und Manager geholt, weil wir dachten, die aus dem Westen sind die Heilsbringer", sagte Eduard Geyer. Der letzte Nationaltrainer der DDR, später als Bundesliga-Coach von Energie Cottbus Synonym für ostdeutschen Kampfgeist, hatte rasch erkannt, welch fataler Irrtum das war: "Das waren Blinde, die uns erst richtig reingerasselt haben."

Geyer, der später als IM der Stasi enttarnt wurde, spürte auch, wie der Fußball ausblutete. Um seine Nationalspieler schlichen bei Länderspielen die Scouts herum. "Die Spieler wollten allen nur noch ans große Geld. Die Berater überboten sich – es war eine Situation, von der beide Seiten finanziell profitierten", so Geyer: "Nur die Klubs nicht. Die waren die Verlierer." Denn sie erhielten in vielen Fällen nicht einmal adäquate Entschädigungen.

Mit der ersten Welle gingen die Besten wie Andreas Thom, Ulf Kirsten (beide Leverkusen) oder Matthias Sammer (VfB Stuttgart) zu den reichen Westvereinen. Sie hatten Glück, weil sie rechtzeitig erkannten, welchen Beratern sie vertrauen konnten. Kirsten sagte bereits 1990, er habe sich anfangs noch "hilflos gefühlt. Viele Leute haben versucht, meine Unkenntnis auszunutzen. Solche linken Dinger, wie sie da laufen, hätte ich wirklich nie erwartet". Beim BFC Dynamo wissen sie bis heute nicht, wo die Ablöse-Millionen für Thom versickert sind.  

Den ehemaligen Oberligaklubs wurden auch noch die besten Talente, teilweise schon ab 15 Jahren, abgeworben – von 1990 bis 1992 waren es allein 40 hoffnungsvolle junge Spieler. Scouts aus dem Westen lauerten rund um die Trainingsplätze, sprachen an, luden ein in den "Goldenen Westen" – und informierten die Vereine nicht einmal über diese Probetrainings. Am Ende gingen etwa 150 ehemalige DDR-Spieler  in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerfall gen Westen.

Ein Aderlass, von dem sich der Ost-Fußball bis heute nicht erholt hat. Hansa Rostock ist der einzige Klub aus dem Osten, der nach dem Mauerfall einmal A-Jugend-Meister wurde. 2010 war das. Und wo sind die Stars aus dem Osten? Da gibt es Toni Kroos von Real Madrid aus Greifswald. Er ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Darüber hinaus spielen aktuell nur etwa zehn Spieler aus dem Osten in der Bundesliga bei ihren Vereinen eine wichtige Rolle. Die bekanntesten Stammspieler sind Maximilian Arnold (Riesa), Freiburgs Nils Petersen (Wernigerode), Augsburgs Felix Uduokhai (Annaberg-Buchholz) und Union Berlins Robert Andrich (Potsdam).

Aufsteiger 1. FC Union, mit der – auch wirtschaftlichen – Sonderstellung Berlins, ist seit dem Cottbuser Abstieg 2009 einziger Ost-Klub in der Bundesliga. RasenBallsport Leipzig wurde erst 2009 gegründet, ist ein Marketingprodukt des österreichischen Brauseherstellers Red Bull – und könnte so überall platziert werden. Wobei der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Müller, überzeugt ist: Kein Verein im Westen hätte einen solchen Einfluss von Red Bull zugelassen: "Dem Fußball-Osten ging es so schlecht – da haben die von Red Bull ihre Chance gewittert."

Bei Energie Cottbus, mit 17 Erst- und Zweitligajahren neben Hansa Rostock (20 Jahre) der erfolgreichste Nach-Wende-Ostverein und heute nur noch Regionalligist, hätten sie Red Bull auch mit offenen Armen empfangen. Das sagte Präsident Werner Fahle erst dieser Tage im Interview mit dem WDR-Hintergrundmagazin "Sport inside". Auch der FC Energie kämpft seit Jahren gegen die drückenden finanziellen Altlasten an.

Der Grund ist auch in Cottbus, wie vielerorts im Osten, der Standortnachteil. Es gibt nach wie vor kaum überregional tätige und finanziell potente Firmen, die in die Vereine investieren wollen. Zum einen gibt es viel weniger große Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern (nur 1.700 in allen neuen Bundesländern – und damit nur halb so viel wie allein in Nordrhein-Westfalen) und zum zweiten: Die Entscheidungsträger jener großen Unternehmen, die im Osten Niederlassungen oder Logistikzentren haben – sitzen alle im Westen. Sie investieren lieber in die Klubs vor der Haustür. Während der Ost-Fußball auch 30 Jahre nach dem Mauerfall noch immer ums Überleben kämpft.

Sport in Ostdeutschland - Zu arm für Titel sport inside 04.11.2019 09:45 Min. Verfügbar bis 23.10.2020 WDR

Stand: 06.11.2019, 15:29

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