Wie das Staatsdoping in der DDR funktionierte

Eine Packung Turinabol

Siege für den Sozialismus

Wie das Staatsdoping in der DDR funktionierte

Von Anne Armbrecht und Hajo Seppelt

Im Kalten Krieg waren Siege im Sport Staatsangelegenheit. Die DDR setzte dabei auf ein ausgeklügeltes Dopingsystem. Sportler leiden unter den Folgen bis heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall.

16 Quadratmeter hat Daniela Richter, um das Leben der Menschen zu sortieren. Darauf stehen drei Regale mit Ordnern und zwei Tische mit einer Packung Taschentücher zur Beratung. Seit 2018 berät die 42-Jährige in dem kleinen Raum Dopingopfer. Ihre Stelle bei der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Schwerin war die erste hauptamtliche. Es melden sich immer neue Sportler. "Es geht ihnen ums Verstehen und die Anerkennung der eigenen Geschichte", sagt sie. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist der DDR-Sport für viele jeden Tag präsent. Körperliche und seelische Schmerzen beschäftigen sie bis heute.

Der Leistungssportbeschluss 1969 hatte schon die Richtung vorgegeben. Der Staatsplan 14.25 aus dem Jahr 1974 war nur ein Teil der Umsetzung. Auch die Sportstrukturen, Trainings- und Materialforschung wurden optimiert. Es ging ja ums Siegen für die ostdeutsche Republik, die mit ihren 17 Millionen Einwohnern um internationale Anerkennung buhlte. Sportler waren nur Stellvertreter. Das vermeintliche "Sportwunderland" half mit Anabolika kräftig nach.

Missbraucht für Medaillen – DDR-Dopingopfer (Beitrag Sport Inside vom 02.11.2015) Sportschau 12.11.2019 29:13 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 Das Erste

Staatsplan des Zentralkomitees sollte Ordnung reinbringen

Gedopt wurde zunächst wild. Der Staatsplan des Zentralkomitees sollte Ordnung reinbringen. Der Staat wollte die Kontrolle zurück. Verschärfte Dopingkontrollen bei Wettkämpfen sollten nicht zu positiven Tests führen. Sonst wären die schönen Schlagzeilen von Olympiasiegern und Weltmeistern gleich wieder überschattet gewesen.

Es ging auch um Trainingssteuerung – jedenfalls nach DDR-Lesart. Bei einer staatsanwaltlichen Vernehmung im Mai 1996 sagte Manfred Höppner: "Unsere besten Sportler waren starken Trainingsbelastungen ausgesetzt, zum Teil 1.400 Stunden im Jahr. Die Vergabe dieser unterstützenden Mittel diente dazu, Verletzungen während des Trainingsprozesses zu vermeiden und auch die Regeneration der Sportler nach dem Training zu fördern."

Höppner war Vizechef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR (SMD) und für das Dopingsystem federführend. Aussagen wie die von ihm sind neben ein paar Forschungsarbeiten, Patienten- und zahlreichen Stasi-Akten heute die einzigen Quellen. "Es gab eine Richtlinie für die Konzeption. Die Vergaben selbst durften nicht festgehalten werden. Es war ja Staatsgeheimnis", sagt Daniela Richter von der Beratungsstelle in Schwerin. "Das macht es uns heute so schwierig."

Anabolika, Wachstumshormone und Schmerzmittel

Hauptsächlich kamen Anabolika wie Oral-Turinabol zur Anwendung. Auch Wachstumshormone und Schmerzmittel. Manche Mittel waren in der DDR nicht einmal zugelassen. Sportler erhielten sie direkt in Pillenform – nicht selten aber auch getarnt, als Getränke, Pralinen oder in den Joghurt gemischt.

Die Dopingrichtlinien der Drahtzieher beinhalteten Empfehlungen zu Dosierung und Anwendung. Nicht jeder hielt sich daran. Höppner räumte das bei seiner Vernehmung selbst ein. "Es war bekannt, daß Trainer unerlaubt unterstützende Mittel anwandten." Das traf laut Höppner auch die Auswahl der Sportler und das Einstiegsalter. So sei in der Richtlinie von Minderjährigen "nicht die Rede" gewesen. "Es war allerdings auch nicht geregelt, dass die Vergabe an Minderjährige ausgeschlossen war."

Vergabe an Minderjährige mehr Regel als Ausnahme

Heute wissen Historiker, dass die Vergabe an Minderjährige mehr Regel als Ausnahme war. Turnerinnen wie die Berliner Weltmeisterin Dörte Thümmler bekamen die Hormone wohl schon mit elf Jahren.

Die ewigen Gestrigen – Thomas Köhler und sein fragwürdiges Buch (Beitrag Sport inside vom 20.9.2010) Sportschau 11.09.2016 11:27 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 Das Erste

Die Gesundheit der Sportler? Erstmal egal. Bei seiner Vernehmung erklärte Höppner: "Es wurde immer gesagt, man wolle niemanden vorsätzlich schädigen, aber ein gewisses Risiko ist eben im Leistungssport immer vorhanden."

Etliche ehemalige DDR-Betreuer arbeiten noch heute im Sport

Nach der Wiedervereinigung dauerte es mehrere Jahre. Erst dann ging man strafrechtlich gegen die Verantwortlichen vor. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft waren das vor allem der ehemalige Chef des Deutschen Turn- und Sportbunds, Manfred Ewald, und Manfred Höppner. Sie erhielten 22 und 18 Monate auf Bewährung, wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung in 20 Fällen.

Manfred Ewald: Der Honecker des Sports (Beitrag Sport inside vom 4.5.2015) sport inside 04.11.2019 10:09 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Es gab auch noch weitere Verfahren gegen Trainer und Ärzte. Manche wurden gegen Geldauflagen eingestellt. Andere verjährten, weil die Frist im Einigungsvertrag für das Jahr 2000 festgesetzt worden war. Etliche ehemalige DDR-Betreuer wirken noch heute im deutschen Sport und international mit.

Auch Todesfälle werden auf Doping zurückgeführt

Die Schäden der Sportler blieben. Tiefe Stimmen und der übermäßige Haarwuchs bei Frauen zählten zu den harmlosen. Andere bekamen nach der Karriere Krebs oder hatten Herzschäden. Bei vielen spielt bis heute der Stoffwechsel verrückt. Dazu kommen kaputte Rücken und Gelenke vom übermäßigen Training, das durch Anabolika möglich gemacht wurde.

Andreas Krieger: Ein Mann, der früher eine Frau war (Beitrag Sport inside vom 10.11.2014) sport inside 04.11.2019 09:41 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Auch Todesfälle werden auf das Doping zurückgeführt. Der Weltklasse-Gewichtheber Gerd Bonk etwa starb 2014 nach multiplem Organversagen. Da hatte er schon Jahre mit Diabetes und Dialyse hinter sich.

Die Fälle reichen durch sämtliche Sportarten. In Schwerin betreut die Beratungsstelle vor allem Volleyballer, Turner und Leichtathleten. Auch Eiskunstlauf, Rudern und Handball, selbst Fußball – 300 Sportler aus den Nordbezirken.

Streitfrage: Wer ist Opfer, wer nicht?

Wer Opfer ist und wer nicht, darüber gehen die Ansichten inzwischen wieder auseinander. In den Jahren 2018 und 2019 ist darüber auch ein heftiger Streit zwischen einstigen Weggefährten im Anti-Doping-Kampf entbrannt, mit dem schon 1999 gegründeten Verein Doping-Opfer-Hilfe im Zentrum.

Manche Sportler wussten, was sie bekamen. Andere wohl nicht. Bewusst nein sagen? Im Zwangssystem einer Diktatur, in der politische Verfolgung und Sippenhaft keine Fremdwörter waren, kaum möglich. Und selbst wer wusste, was er bekam, dürfte kaum etwas von den drohenden Schäden geahnt haben.

Trainer im Widerstand - Henner Misersky und Hansjörg Kofink (Beitrag Sport inside vom 18.1.2010) sport inside 04.11.2019 10:11 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Doping-Opferhilfe-Gesetz läuft Ende 2019 aus

Der Bund hat 2002 und 2016 jeweils Doping-Opferhilfe-Gesetze verabschiedet. Anerkannte Betroffene erhielten auf Grundlage dieser Gesetzgebung einmalig 10.500 Euro. Noch immer können ehemalige Sportler prüfen lassen, ob ihnen staatliche Hilfe zusteht. Der aktuelle Fonds reicht für 1.300 Auszahlungen. Das Gesetz läuft Ende des Jahres 2019 aus. Eine Entfristung hat der Gesetzgeber abgelehnt.

Danach ist für die Betroffenen nach jetzigem Stand nicht mehr mit staatlicher Hilfe zu rechnen. Viele von ihnen werden ihr Leben lang an den Folgen des Zwangsdopings leiden.

Stand: 11.11.2019, 12:00

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