Von Freiburg bis zur Krivec-Studie - Doping in der BRD

Birgit Dressel beim Speerwurf 1986

Das Versagen des wiedervereinigten Sports

Von Freiburg bis zur Krivec-Studie - Doping in der BRD

Von Thomas Purschke

Nach der Wiedervereinigung wollten die westdeutschen Sportfunktionäre, die zum Teil auch selbst einschlägige Erfahrungen in Sachen Doping hatten, die erfolgreichen Doping-Strukturen Ost sichern. Viele Funktionäre, Trainer und Mediziner aus der DDR wurden daher in die gesamtdeutschen Sportstrukturen übernommen.

Der Fall der Mauer sorgte im deutschen Leistungssport erst einmal für ein gehöriges Durcheinander. Der bundesdeutsche Sport witterte Morgenluft und schielte darauf, die großen Erfolge der kleinen DDR in das gesamtdeutsche Sportsystem hinüber zu retten. An einer Aufarbeitung, vor allem der Doping-Vergangenheit in Ost und West, bestand nie wirklich ein Interesse. Stellvertretend für den Geist der Stunde steht das Zitat der letzten DDR-Sportministerin Cordula Schubert, die „bundesdeutschen Sportfunktionäre“ hätten „die Medaillen in den Augen“ gehabt. Und die Zeit drängte: mit Blick auf die Olympischen Spiele 1992 in Albertville und Barcelona sollten neben den Athleten auch Trainer, Mediziner und Betreuer schnell und ohne großes Aufheben weiter für Medaillen garantieren – ab jetzt für den gesamtdeutschen Sport.   

Veröffentlichungen im "SPIEGEL" und "STERN" über die deutsche Doping-Historie sorgten für Druck auf die Funktionäre. Vor allem das 1991 von Brigitte Berendonk und Werner Franke veröffentlichte Buch „Doping-Dokumente: Von der Forschung zum Betrug“ sorgte für großes Aufsehen. Das Ehepaar aus Heidelberg legte fundiert die Dopingstrukturen in der DDR und der Bundesrepublik offen.

Mahner und Dopinggegner nicht ernstgenommen

Flugs wurden vom bundesdeutschen Sport Doping-Untersuchungskommissionen gebildet. Die sogenannte "Reiter-Kommission" hörte anonym Sportler, Trainer und Ärzte an und sollte allgemeine Handlungskonzepte im Kampf gegen Doping liefern. Ihre zentrale Empfehlung: Amnestie für Athleten mit Doping-Vergangenheit. Die "Ad-hoc-Kommission" hatte den Auftrag, Einzelfälle zu analysieren und den betreffenden Spitzenverbänden auf dieser Grundlage Empfehlungen zur Beschäftigung einzelner belasteter, ehemals führender DDR-Doping-Verantwortlicher zu geben. Doch in den meisten Fällen ignorierten die Sportverbände den Rat der Kommission.

Im Osten wie im Westen gab es kritische Geister, couragierte Mahner und Dopinggegner, die in den jeweiligen Sportsystemen Schwierigkeiten hatten, Gehör zu finden. Auch der vereinigte deutsche Sport nahm die Kritiker nicht ernst.

Trainer im Widerstand - Henner Misersky und Hansjörg Kofink (Beitrag Sport inside vom 18.1.2010) sport inside 04.11.2019 10:11 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Nahezu alle Spitzenverbände bedienten sich kräftig beim frei gewordenen Ost-Personal, zum Teil trotz anders lautender Empfehlungen der Ad-hoc-Kommission. Selbst nachdem das Landgericht Heidelberg den letzten Cheftrainer des DDR-Leichtathletikverbandes als „ausgewiesenen Fachdoper“ einstufte, bekam Bernd Schubert einen Trainervertrag.

Aber auch viele weitere Trainer aus der Leichtathletik mit DDR-Dopingvergangenheit wie Werner Goldmann, Dieter Kollark, Gerhard Böttcher, Klaus Schneider, Maria Ritschel oder Klaus Baarck wurden integriert. Auch im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) kamen viele DDr-Trainer mit Dopingvergangenheit unter Uwe Neumann, Dieter Lindemann oder Volker Frischke.

Ex-DDR-Funktionär Wehling arbeitete in Oberhof

Auch der Deutsche Skiverband (DSV) bediente sich bei belastetem Personal. In den Fällen des Cheftrainers Biathlon der DDR-Nationalmannschaft Kurt Hinze, des Biathlon-Verbandstrainers Wilfried Bock oder des Langlauf-Disziplintrainers Frank Ullrich etwa. Wobei Hinze, nachdem sich die Dopingvorwürfe in einem Gerichtsprozess in Mainz erhärteten, seinen Job beim DSV quittieren musste und daraufhin als Berater des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) weiter wirkte.

Dort, in Österreich, wurden viele DDR-Trainer und Ärzte gern aufgenommen. Etwa der 1998 vom Landgericht Berlin verurteilte Minderjährigen-Doper Bernd Pansold, der in der DDR Chefarzt beim Sportclub Dynamo Berlin war. Pansold ging nach dem Mauerfall nach Österreich und wirkte dort zunächst am Leistungszentrum in Obertauern. Später leitete er viele Jahre das Leistungsdiagnostikzentrum des Brauseherstellers Red Bull, das viele Profisportler betreut.

Auch der Generalsekretär des Deutschen Skiläuferverbandes (DSLV), Ulrich Wehling, kam unmittelbar nach dem Mauerfall beim Deutschen Skiverband (DSV) unter. 1992, nach heftigem öffentlichen Protest des Dopinggegners Henner Misersky live im ARD-Olympiastudio in Albertville, kehrte Wehling Deutschland den Rücken und trat beim Internationalen Skiverband FIS in der Schweiz eine lukrative Stelle an. Im Jahr 2016 tauchte Spitzenfunktionär Wehling dann als Geschäftsführer des Thüringer Skiverbandes im Leistungszentrum Oberhof wieder auf, bevor er Ende 2018 in den Ruhestand ging. Wehling bestreitet bis heute seine Beteiligung am DDR-Dopingsystem.

Rückwärts (n)immer – Ulrich Wehling als Beispiel für fehlgeschlagene Aufarbeitung (Beitrag Sport inside vom 11.12.2016) Sportschau 11.09.2016 12:04 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 Das Erste

Neben dem System-Doping in der DDR benannte die „Reiter-Kommission" deutlich auch das Doping im Westen der Republik, spätestens ab dem Jahr 1976. Doch auch an der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels war der deutsche Sport nicht wirklich interessiert.

Aus dem Abschlußbericht der "Reiter-Kommission" (Juni 1991)

"Die Kommission geht davon aus, daß die Verantwortlichen im deutschen Sport spätestens seit 1976 Vermutungen und auch Kenntnisse vom Anabolika-Mißbrauch im deutschen Leistungssport hatten. Forderungen nach einem energischen Vorgehen wurden nur halbherzig erfüllt; insbesondere das Problem der Kontrollen in der Trainingsphase wurde zunächst nicht angegangen. Man beschränkte sich auf den Erlaß einer Vielzahl von Resolutionen und Erklärungen sowie auf andere Maßnahmen, die im nachhinein als Alibi-Vorgehen zu bezeichnen sind.


Im Ergebnis mußte die Kommission die Überzeugung gewinnen, daß auch im Gebiet der alten Bundesländer in einem Umfang von Dopingmitteln Gebrauch gemacht wurde, der ein entschiedenes Handeln der Verantwortlichen über das bereits Veranlasste hinaus notwendig macht."

Doping-Zentrale West in Freiburg im Breisgau

Kein Name ist so sehr mit Doping in Westdeutschland verbunden wie der von Armin Klümper. Zahlreiche Spitzenathleten, darunter Bundesliga-Fußballer und Leichtathleten, gehörten zu seinen Patienten. In den siebziger Jahren hatte der Arzt Armin Klümper in der Universitätsklinik Freiburg im Breisgau eine Sportmedizinische Spezialambulanz errichtet, eine der ersten ihrer Art weltweit. Bis zum Jahr 2000 arbeitete er in einer eigenen Ambulanz in Freiburg, der Mooswald-Klinik, die mit großzügiger Unterstützung durch Stadt, Land und Bund gebaut wurde. Auch die Mainzer Siebenkämpferin Birgit Dressel war von ihm behandelt worden. Nach ihrem Tod im April 1987 an einem multiplen Organversagen bestritt Klümper jede Mitverantwortung.

Klümper wurde nie von einem Gericht wegen Dopings verurteilt. Lediglich wegen Rezeptbetruges gab es 1989 eine Verurteilung zu einer Geldstrafe. Doch zahlreiche erhalten gebliebene Dokumente und Aussagen von Athleten zeichneten ein klares Bild. Doping-Bekämpfer Werner Franke kritisierte deshalb im Deutschlandfunk Politik und Justiz, "die damals national medaillenorientiert korrupt waren und solch kriminelles Tun wie von Herrn Klümper in der Bundesrepublik jahrelang gefördert haben".

Im Jahr 2017 lieferte die Studie des promovierten Chemikers Simon Krivec zum "Einsatz von Doping in der westdeutschen Leichtathletik von 1960-1988" weitere Erkenntnisse, die die Dimension des Sportbetrugs im Westen erahnen ließen.

Doping West - Top-Leichtathleten gestehen Anabolika-Einnahme (Beitrag Sport Inside vom 25.03.2017) Sportschau 12.11.2019 09:51 Min. Verfügbar bis 12.11.2020 Das Erste

Dopingskandale beim Team Telekom

Gedopt wurde auch weiterhin im wiedervereinigten deutschen Sport. Freiburg im Breisgau war auch hier weiterhin ein Ankerzentrum. Offensichtlich wurde das am Fall des Team Telekom/T-Mobile-Rad-Teams, das von den Ärzten Andreas Schmid und Lothar Heinrich von der Freiburger Uniklinik bei ihren systematischen Dopingaktivitäten betreut wurde. Die anhaltenden Dopingskandale um die Teamstars Bjarne Riis, Jan Ullrich, Erik Zabel oder Rolf Aldag brachten das Team schließlich 2007 zum Zusammenbruch.

Die Verantwortlichen in den vereinigten Sportstrukturen in Deutschland haben nach 1990 bei der Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel überwiegend versagt. Die Integration und Weiterbeschäftigung vieler Doping-Täter aus Ost und West ist längst vollzogen.

Stand: 12.11.2019, 10:25

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