Der DDR-Sport und die Stasi

Seoul 1988, Einlauf der DDR

Siege für den Sozialismus

Der DDR-Sport und die Stasi

Von Thomas Purschke

Alle Bereiche der Gesellschaft in der DDR waren durchdrungen vom Ministerium für Staatssicherheit. Der nach außen prestigeträchtige Sport bildete da keine Ausnahme.

Neben dem Staatsdoping ist es ein besonders dunkles Kapitel des DDR-Sports: die umfassenden Aktivitäten der Stasi. In kaum einem Land der Welt war die Überwachung der eigenen Bevölkerung durch den Geheimdienst so stark ausgeprägt wie in der DDR. Alle Bereiche waren durchdrungen vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS), so auch der prestigeträchtige Bereich des Sports.

Galt es doch, kein geringeres Ziel als die Sportpolitik der SED durchzusetzen. Verantwortlich für die Überwachung war die Stasi-Hauptabteilung XX/3. Ende der 1980er Jahre gab es allein im Bereich des DDR-Leistungssports mehr als 3.000 Stasi-Spitzel, die von zahlreichen hauptamtlichen Offizieren des DDR-Geheimdienstes gesteuert wurden.

Auch bekannte Fußball-Trainer unter den Spitzeln

Zu den Top-Spitzeln des DDR-Sports gehörte Manfred Höppner, der Vizechef des Sportmedizinischen Dienstes der DDR und einer der Hauptverantwortlichen des Doping-Betrugssystems war. Auch ehemalige Fussballer und Trainer wie etwa Eduard Geyer und sein Kollege Bernd Stange, der DDR-Biathlon-Cheftrainer Wilfried Bock und viele weitere "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM) des Staatssicherheitsdienstes, darunter auch etliche Sportjournalisten, lieferten Informationen über Kollegen und Athleten. 

Eduard Geyer - Vergangenheitsbewältigung bei Dynamo Dresden (Beitrag Sport inside vom 5.12.2018) sport inside 04.11.2019 10:00 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Bei den Stasi-Überprüfungen der deutschen Olympiamannschaften nach dem Mauerfall gab es immer wieder belastete Personen, die trotz ihrer einstigen Verfehlungen meist dennoch an den Olympischen Spielen teilnehmen durften. Die vom deutschen Sport eingerichtete, ehrenamtlich agierende Stasi-Kommission zur Klärung der jeweiligen Fakten- und Aktenlage, wurde besonders unter Leitung von Joachim Gauck und Hansjörg Geiger zu einer zunehmend belanglosen Institution.  

"Sportverräter" wurde auch im Westen verfolgt

Die Stasi überwachte in der DDR den "Sicherungsbereich Sport", um vor allem Fluchten von Spitzensportlern, "Geheimnisträgern" wie Trainern, Ärzten, aber auch Funktionären ins westliche Ausland zu verhindern. Jede Republikflucht empfanden die DDR-Oberen als größte Schmach. Doch immer wieder gelang es Athleten, die Aufpasser auszutricksen, wie zum Beispiel dem Schwimmer Axel Mitbauer, der 1969 schwimmend über die Ostsee flüchtete.

Fahnenflucht im Schwarzwald: Ein Portrait von Hans-Georg Aschenbach (Sport Inside vom 28.08.2008) Sportschau 08.11.2019 09:21 Min. Verfügbar bis 08.11.2020 Das Erste

Oder auch dem Arzt der DDR-Skispringer und Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee, Hans-Georg Aschenbach, der am 27. August 1988 einen Sommerwettkampf in Hinterzarten/Schwarzwald nutzte, um sich abzusetzen. Im Sommer 1989 machte der Mediziner Aschenbach in der "Bild-Zeitung" das geheime Staatsdoping der DDR öffentlich, was das SED-Regime bis auf die Knochen blamierte.

"Sportverräter", so lautete der MfS-Begriff für geflohene Sportler, wurden nach ihrer Flucht oftmals weiter von der Stasi verfolgt, selbst im vermeintlich sicheren Westen. Auch Aschenbach. Die Republikflucht galt in der DDR als schwere Straftat.

Fußballer Eigendorf verunglückt unter ungeklärten Umständen

Als besonders tragisches Beispiel gilt der einstige DDR-Fussball-Auswahlspieler Lutz Eigendorf vom Ost-Berliner Stasi-Klub BFC Dynamo, dessen Chef der gefürchtete Staatssicherheits-Minister Erich Mielke war. Eigendorf war 1979 nach einem Freundschaftsspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern in der Bundesrepublik geblieben. Fortan waren rund 50 hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter und 20 Spitzel auf ihn und seine in der DDR verbliebene Familie angesetzt worden.

Am 5. März 1983 krachte er mit seinem Sportwagen nahe Braunschweig gegen einen Baum, zwei Tage später verstarb er an den Folgen des Unfalls. Bis heute hält sich der auch durch Stasiakten indiziengestützte Mord-Verdacht, das die Stasi bei diesem Unfall ihre Hände mit im Spiel hatte.

Tod dem Verräter - Historie Lutz Eigendorf (Beitrag Sport inside vom 10.11.2014) sport inside 04.11.2019 09:27 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR

Top-Athleten landeten im Stasi-Knast

Die Stasi überwachte auch innerhalb der DDR die Athleten massiv und versagte bereits Kindern und Jugendlichen den Zugang zum Leistungssport, wenn deren Familien politisch nicht im Sinne der DDR konform waren.

Fluchtwillige oder "politisch unzuverlässige" Sportler riskierten in der DDR, von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen oder komplett aus dem Leistungssport geworfen zu werden. Top-Athleten landeten im Stasi-Knast, wenn sie bei einem Fluchtversuch erwischt wurden oder gegen den Staat aufbegehrten. So wie das wohl größte Radsporttalent der DDR, Wolfgang Lötzsch aus dem damaligen Karl-Marx-Stadt, dessen Karriere bereits in jungen Jahren zerstört wurde. Lötzsch saß wegen angeblicher Staatsverleumdung zehn Monate in Stasi-Haft.

Stasi mit Geheimhaltung von Dopingmaßnahmen betraut

Große Aufmerksamkeit richtete die Stasi zudem auf die Geheimhaltung der umfassenden Dopingmaßnahmen. Teilweise besorgte der Geheimdienst selbst auch Dopingpräparate aus dem Westen. Nach außen sollten die großen Erfolge der DDR-Sportler nur auf hartes Training, die gute Förderung und die politische Überzeugung zurückzuführen sein. Neben der internationalen Sport-Spionage mischte die Stasi auch in der DDR bei vielen Projekten mit. Auch beim Bau der Rennschlitten- und Bobbahn in Altenberg, was zum Teil groteske Züge annahm.

Aber auch beim Bau der Rennschlitten und Bobbahn in Altenberg wirkte die Stasi auf vielfältige Weise mit. Außerdem hat die Stasi auch internationale Sport-Spionage betrieben.

Gefährliche Kurvenlage: Vertuschung von Baukosten bei Bob- und Rodelbahn in Altenberg (Beitrag Sport inside vom 12.2.2017) Sportschau 05.11.2019 08:16 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 Das Erste

Im Westen gab es in vielen gesellschaftlichen Bereichen Top-Spitzel der Stasi. Ob es auch im bundesdeutschen Sport einen von ihnen gab, was Experten stark vermuten, konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Eine der sportpolitischen Leitlinien der SED lautete, bei internationalen Wettkämpfen maximale Medaillenerfolge zu erzielen, mit dem Ziel, besser als der "Klassenfeind", allen voran die Bundesrepublik, abzuschneiden.

Bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul, wo die DDR-Mannschaft letztmalig teilnahm, ergab sich folgendes Bild: Wie Dokumente der Stasiunterlagenbehörde in Berlin belegen, gehörten der DDR-Olympia-Mannschaft 1988 593 Sportler, offizielle Vertreter und Journalisten an. Insgesamt waren in Seoul 98 Inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit im Einsatz. Sportler, die als IM verpflichtet waren, wurden nicht eingesetzt, da sie sich während der Spiele auf ihre athletischen Leistungen konzentrieren sollten.

Historiker Spitzer kritisiert ehemalige IMs

Der Historiker Giselher Spitzer hat bei seinen Forschungen zur Motivlage von "Inoffiziellen Mitarbeitern" aus dem Sportbereich festgestellt, "dass IMs zwar offiziell aus politischer Überzeugung handelten, in Wirklichkeit aber eine Karriere verfolgten. Denn für ihre Mitarbeit bei der Stasi erhielten sie alle Vergünstigungen: berufliche Förderung, Schutz bei Problemen, Geld".

Spitzer analysierte weiter, dass man davon ausgehen könne, dass fünf Prozent der IMs sich selbst vom Stasiapparat lösten, weil sie beispielsweise in innere Konflikte kamen oder nicht mehr spionieren wollten. Ihnen sei danach nichts passiert, sie seien beruflich beispielsweise nicht benachteiligt worden. Deshalb seien Argumente wie "ich musste ja bei der Stasi mitarbeiten" nicht richtig, erklärte Spitzer vor Jahren gegenüber der ARD.

Der Blues des Boxers (Beitrag Sport inside vom 29.10.2017) Sportschau 05.11.2019 10:14 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 Das Erste

Stand: 08.11.2019, 10:56

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