Breitensport in der DDR - Spielfeld kreativer Individualisten

DDR - GutsMuths-Rennsteiglauf 1982

30 Jahre Mauerfall

Breitensport in der DDR - Spielfeld kreativer Individualisten

Von Thomas Purschke

Obwohl die DDR als "Sportwunderland" galt, fehlte es an Sportstätten und an Ausrüstung. Der Breitensport fristete ein Mauerblümchendasein. Dennoch gab es einzigartige Individualisten, die ihren Sport mit Leidenschaft auslebten.

Noch immer sind die Unterschiede im Bereich des Breitensports zwischen Ost und West eklatant - auch 30 Jahre nach dem Mauerfall. Die Förderung des Breitensports war aus dem Einigungsvertrag geflogen, mit verheerenden Folgen für die Sportlandschaft in den neuen Ländern. Das Argument der Bundesregierung damals: Sie sei nur für die Förderung des Spitzensports zuständig, der Breitensport indes sei Ländersache. Und die waren finanziell, mit Blick auf die Förderung des Breitensports, nicht gerade auf Rosen gebettet.

Und so klafft ein riesiges Loch zwischen dem Organisationsgrad der Bevölkerung in Sportvereinen zwischen Ost und West. In Thüringer Sportvereinen zum Beispiel beträgt nach Angaben des Landessportbundes Thüringen der Organisationsgrad 17,1 Prozent. Auf ähnlich niedrigem Niveau bewegen sich auch die anderen ostdeutschen Länder. Die Zerschlagung der Sportvereinslandschaft zu Zeiten der DDR wirkt noch immer nach. Mit dem Ergebnis, dass in den alten Bundesländern der Organisationsgrad-Schnitt bei rund 36 Prozent liegt, also doppelt so hoch.

Weiterer Grund für den geringen Organisationsgrad in den neuen Ländern ist die Fokussierung der Verantwortlichen auf den Spitzensport bis heute, obwohl prioritäre Aufgabe der Landessportbünde die Förderung des Breitensports ist. Auch diese Handlungsmuster sind noch ein Relikt aus DDR-Zeiten. Und in Teilen geschuldet auch dem Führungspersonal der ostdeutschen Landessportbünde, die teils bis zum Jahr 2019 noch von belasteten DDR-Altkader-Funktionären aus dem Sport geleitet wurden, wo zum Beispiel in Thüringen Rolf Beilschmidt bis zum Sommer dieses Jahres viele Jahre als LSB-Hauptgeschäftsführer tätig war.

Spielfeld kreativer Individualisten

In der DDR, im Ausland als "Sportwunderland" bezeichnet, taten sich solche Wunder ausnahmslos im Spitzensport. Der Breitensport fristete ein Mauerblümchendasein. Es herrschte großer Mangel an Schwimm- und Sporthallen sowie gut ausgestatteten Sportplätzen. Auch Tennisplätze waren Mangelware. Und auch an gute Sportgeräte und Sportausrüstung war nicht leicht zu kommen. Laufschuhe, Rennräder, Tennisschläger und Alpinski waren heiss begehrt. Teilweise gelang es nur, Sportausrüstung in der Tschechoslowakei oder Ungarn zu kaufen oder sich von der Westverwandtschaft schicken zu lassen.

Freaks zwischen Erzgebirge und der Ostsee bauten sich BMX-Räder, Skate- und sogar Windsurf-Boards zu Hause in Eigenregie. Windsurfen hieß in der DDR übrigens offiziell "Brettsegeln", weil die DDR-Staatsführung westliche Bezeichnungen ablehnte. Zugleich wollten sich die Apparatschiks vom "Klassenfeind" sprachlich distanzieren. Besonders nervig für Liebhaber des Wassersports war, dass Surfen und Segeln nur auf Binnen- und Boddengewässern erlaubt war. Die DDR-Oberen hatten Angst vor den Republikfluchten, die es immer wieder gab, auch über die Ostsee. Eine der spektakulärsten Fluchten aus der DDR gelang den beiden Thüringer Familien Strelzyk und Wetzel im September 1979 mit einem selbstgebauten Heißluftballon nach Bayern, was auch eine ganz besondere sportliche Leistung war.

Neben dem hochgezüchteten und politisch instrumentalisierten Leistungssport gab es in der DDR auch einen weitläufigen Rückzugsraum "Natur und Sport", den viele Breitensportler sehr schätzten und große Eigeninitiative an den Tag legten. Galt es doch, dem grauen sozialistischen Alltag samt seiner Ideologie und dem Eingemauertsein ein Stück weit zu entfliehen. Aus gutem Grund verbot die DDR 1980 als einziges Land im Ostblock das Drachen- und Gleitschirmfliegen. Auch das Segelfliegen wurde nach einigen geglückten Fluchten in den Westen massiv von der Stasi überwacht und reglementiert. Viele Menschen in der DDR hatten die Verlogenheit, die ständige Bevormundung und Spießbürgerlichkeit des SED-Regimes satt. In ihrer Freizeit entzogen sie sich der Agitation und Propaganda des SED-Regimes.

Drachenfliegen in der DDR - Verbotene Sportart über den Wolken (Beitrag Sport inside vom 25.4.2018) sport inside 04.11.2019 09:49 Min. Verfügbar bis 31.12.2019 WDR

DDR-Kletterer gehörte zu den besten der Welt

Die geistige und räumliche Enge des SED-Regimes brachte aus der Not geboren dennoch immer wieder einzigartige Individualisten hervor, die abseits vom Leistungssport ihren Nischen-Sport mit unglaublicher Leidenschaft auslebten.

Einer von ihnen ist der heute 72-jährige Bernd Arnold. Er ist der wohl bekannteste Kletterer der DDR, der seit über 60 Jahren nun schon am Fels aktiv ist. Wie zahlreiche weitere Bergfreunde hat er trotz des SED-Regimes damals besonders die individuelle Freiheit am Fels genossen. Geboren in Hohnstein im Elbsandsteingebirge, wo er bis heute wohnt, wurde ihm das Felsklettern regelrecht in die Wiege gelegt. Als Kind probierte er sich in spielerischer Form am Sandstein aus. Daraus wurde später eine Lebenspassion, die bis heute anhält. Über 900 Erstbegehungen im Elbsandsteingebirge stehen zu Buche. Der Südtiroler Reinhold Messner adelte ihn einmal so: "Bernd Arnold gehört zweifelsfrei zu den besten Kletterern der Welt." In den 1970er und 1980er Jahren schraubte er die Schwierigkeitsgrade im sächsischen Felsklettern immer weiter nach oben. Die Sächsische Schweiz ist ohnehin die Wiege des Freikletterns.

DDR-Kletterer Bernd Arnold - Barfuß in der steilen Wand (Beitrag Sport inside vom 17.10.2018) sport inside 04.11.2019 09:12 Min. Verfügbar bis 31.12.2019 WDR

Ausdauerdreikampf (A3K) in der DDR

Auch Manfred Kruczek, 1950 bei Jüterbog geboren, hatte immer ein Faible für den Breitensport. 1984 lief er seinen ersten Marathon. Die Stasi hatte Kruczek wegen seiner Freundschaft zu einem Regime-Gegner unter dem Überwachungsvorgang "Transit" seit 1979 im Visier. Später wurde die Operative Personenkontrolle "OPK Läufer" daraus. Kruczek’s Motto lautete: "Widerstand in Diktaturen ist der Selbstversuch, die eigene Würde zu bewahren." Er gründete innerhalb der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Wohnungsbaukombinat  Potsdam mit Sportkameraden die kleine Sektion Ausdauer/Triathlon. Die weltweit immer populärer werdende Sportart Triathlon aus dem Westen, angelehnt an den Ironman-Wettkampf auf Hawaii, fand auch im Ostblock immer mehr Anhänger. Um das Jahr 1983 soll es in der DDR erste Triathlonwettkämpfe gegeben haben. Kruczek erinnert sich noch gut an den Westberliner Triathleten und Freund, Peter Kernbach, der ihnen damals bei seinen Besuchen in der "Zone" Fotos vom "Ironman"-Klassiker auf Hawaii zeigte, was für große Begeisterung sorgte.

Es gab in der DDR in den achtziger Jahren sogar die unabhängige Interessengemeinschaft Triathlon in Borthen bei Dresden, weil der DDR-Sportbund (DTSB) die Aufnahme und Förderung der Disziplin Triathlon prinzipiell ablehnte. Der westlich geprägte Begriff "Triathlon" wurde vom Sportapparat teils ignoriert, meist hieß es deshalb "Ausdauerdreikampf (A3K)".

Der Rennsteiglauf  - einst beliebtester Breitensportklassiker

Der GutsMuths-Rennsteiglauf in Thüringen, zugleich größter Crosslauf in Mitteleuropa, zählt zu den schönsten Landschaftsläufen in Deutschland. Die Königsdistanz führt bis heute über 73 Kilometer auf dem Kammweg "Rennsteig" von Eisenach nach Schmiedefeld. Der einst beliebteste Breitensportklassiker der ehemaligen DDR hat nichts von seiner Faszination eingebüßt, im Gegenteil. Viele Laufsportler aus den alten Bundesländern kommen seit dem Untergang der DDR alljährlich im Mai an den blühenden Rennsteig. Das war nicht immer so. Die DDR-Sportführung - mit DTSB-Präsident Manfred Ewald an der Spitze - hatte an dem Breitensportereignis kein Interesse, zumal es anfangs der 1970er Jahre von Jenaer Studenten auf den Weg gebracht wurde.

Die jungen Leute hatten sich damals dem Orientierungslauf verschrieben. Weil die Unterstützung der DDR-Sportfunktionäre für die nichtolympische Disziplin Orientierungslauf immer mehr nachließ, sahen sich die Sportfreunde zur Eigeninitiative gezwungen. Aus Mangel an geeignetem Kartenmaterial in der DDR kam man bei der Suche nach passendem Terrain für einen Langstreckenlauf auf den markierten Höhenkammweg "Rennsteig" im Thüringer Wald. Im Mai 1973 absolvierten die Studenten im Laufschritt 90 Kilometer von Eisenach nach Masserberg - in knapp zehn Stunden. 1975 waren es schon fast 1.000 Läufer. Die ehrenamtlich agierenden Organisatoren stießen an ihre Leistungsgrenzen. Trotz des massenhaften Zuspruchs blieb dem Lauf anfangs die Unterstützung durch den Vorstand des DTSB versagt.

Man brauche keinen zweiten Wasalauf in der DDR

DTSB-Chef Manfred Ewald sagte, er brauche keinen zweiten Wasalauf in der DDR. Für viele Breitensportler hingegen war es eine große Herausforderung, in der Gemeinschaft die eigenen sportlichen Grenzen auszuloten, fern jeglicher Partei-Propaganda. Die Veranstaltung wurde zunehmend zum Kult, aus der ganzen DDR pilgerten viele Laufsportbegeisterte alljährlich zum Rennsteiglauf. Die Nischenveranstaltung wirkte wie ein Affront zur offiziellen DDR-Meilen-Laufbewegung. Für den Thüringer Henner Misersky, er gehörte in den sechziger Jahren zu den besten DDR-Hindernisläufern, war der Rennsteiglauf "eines der letzten Abenteuer, das man in der DDR ausleben konnte". Überliefert ist auch, dass DTSB-Chef Ewald, der nahe des Zielortes Schmiedefeld ein Feriendomizil besaß, einmal auf der Fahrt dorthin im Auto lange warten musste, weil just an diesem Tage der Rennsteiglauf stattfand und die Läufer Vorfahrt genossen. Er soll furchtbar getobt haben.

Trotz vieler Schwierigkeiten und Restriktionen, "Ausländer" durften laut Reglement zu DDR-Zeiten nicht teilnehmen - darunter zählten auch die Sportfreunde aus der Bundesrepublik, - wurden diese Hürden durch pfiffige Einfälle öfters überwunden. "Die illegalen Teilnehmer aus Westdeutschland liefen mit der Startkarte eines DDR-Verwandten und verschwanden nach dem Zieleinlauf wieder gen Westen", erinnerte sich Laufmitbegründer Hans-Georg Kremer.

Träume wurden Wirklichkeit

Der Mauerfall und die damit verbundene, wiedererlangte Freiheit sorgte bei vielen DDR-Hobbysportlern für viele unvergeßliche Momente. Lang gehegte Träume wurden wahr. Von der Teilnahme am Berlin-Marathon, der 1990 direkt durch das Brandenburger Tor führte bis zum "Ironman"-Rennen auf Hawaii oder den Wasa-Skilauf in Schweden sowie das Radrennen "Race across America". Der Kauf von guten Sportgeräten, alles wurde plötzlich möglich. Nur: Den Weg in den organisierten Sport haben die Menschen in den vergangenen drei Jahrzehnten in den jungen Bundesländern kaum gefunden.

Stand: 05.11.2019, 10:18

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