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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 12:31 Uhr
Nach dem Halbfinale in der WM-Stadt
Von Markus Rinke
Das große Entsetzen kam zum Schluss. Die meisten hatten an einen Sieg geglaubt. Doch trotzdem gibt es für die Fans einen Grund zum Feiern.
Grün-weiß-rote Fahnen werden auf dem Dortmunder Friedensplatz geschwenkt. Die kleine Gruppe italienischer Fans kann ihr Glück kaum fassen. Stolz tragen sie ihre blauen Trikots und singen "Italia, Italia". Sie haben viel Platz zum Feiern, denn vor der Großbildleinwand leert sich der Friedensplatz schnell. Aus den Lautsprechern ertönen statt deutschen Fußballhits italienische Popsongs, während viele deutsche Anhänger den Platz mit gesenkten Köpfen verlassen. Sie wollen möglichst schnell nach Hause. So schnell, dass der Dortmunder Bahnhof zeitweise wegen Überfüllung kurzzeitig geschlossen werden muss.
Die Fans der deutschen Elf, die noch auf dem Friedensplatz geblieben sind, stehen unter Schock. Sie sitzen wenige Meter neben den jubelnden Italienern auf dem Boden oder stehen an dem Absperrgitter, bekommen aber von der Party kaum etwas mit. Sie trauern und vergießen einige Tränen. Es dauert eine kleine Weile, dann macht sich Trotz breit, wie bei einem Dortmunder, der noch den Weltpokal in den Armen hält: "Den holen wir uns bei der nächsten WM. Jetzt brauchen wir noch eine halbe Stunde, und dann gehen wir trotzdem feiern."
Und tatsächlich: Während sich das Fanfest leert, füllt sich der alte Markt. Doch diesmal wird der Brunnen nicht von den Siegern in Beschlag genommen, sondern von einem deutschen Fan. "Klinsmann"-Rufe werden laut und "Olé, Olé, Olé, Super-Deutschland, Olé". Es bleibt weitgehend friedlich, die Polizei meldet vereinzelte Schlägereien von kleinen Gruppen. Vor allem aber sind den Beamten keine Hooligans aufgefallen. Insgesamt war die Atmosphäre den ganzen Tag und auch in der Nacht gut.
Es hätte sogar das größte Fußballfest werden können, was Dortmund je gesehen hat. Extra für das Halbfinale wurde eine Hauptverkehrsstraße gesperrt und mit vier Leinwänden bestückt. Doch die rund 100.000 Plätze auf dem Fanfest in der Innnenstadt und in den Westfalenhallen waren schon gegen 17.00 Uhr überfüllt. Insgesamt, so vorsichtige Schätzungen, haben mehr als 250.000 Menschen die Innenstadt besucht. Selbst vor den Zugängen zum Fanfest wurde friedlich gefeiert, in und vor den Gaststätten herrschte dichtes Gedränge. Und dass, obwohl der Ball auf den Leinwänden und dem Fernseher kaum noch zu erkennen war. Das ist nicht nur die Begeisterung für den Fußball, sondern auch die Lust zu feiern. Und die wird zurück kommen, wenn sich die erste Enttäuschung gelegt hat. Vor der WM haben die Fans kaum an den Einzug ins Halbfinale gedacht. Und jetzt singen die ersten Fans in Dortmund schon "Stuttgart ist viel schöner als Berlin."
Stand: 05.07.2006, 03:55 Uhr