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WM 2006

08.02.2012 | 12:27 Uhr

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Vor Ort - In Nordrhein-Westfalen

WM bringt Flaute beim käuflichen Sex

Tote Hose zur WM

Von Anneke Wardenbach

"WM-Gäste? Haben wir noch nicht gesehen", Melanie schlägt die Beine übereinander und wippt gelangweilt mit dem Fuß. König Fußball spannt den Huren die Kundschaft aus.

Ein warmer Sommerabend in der WM-Stadt Dortmund. In der Innenstadt laufen sich Kellner die Füße wund. Tausende Fußballfans und Neugierige tummeln sich auf den Terrassen und Plätzen. Zeitgleich ein paar U-Bahnstationen weiter: Im Biergarten eines Nachtclubs betoniert ein Handwerker einen Sonnenschirm ein. In dem Laufhaus läuft - nichts. "Das Geschäft ist so schlecht, wie schon lange nicht mehr", sagt Eigentümerin Elfi Schmitthardt.

Dreiklang "Fußball-Männer-Sex"

Melanie sieht dem Handwerker zu und nippt in aller Ruhe an ihrem Kaffee, anstatt auf ihrem gewohnten Platz auf dem Dortmunder Straßenstrich zu stehen. Es lohnt sich kaum. "Wir haben zur WM keine neuen Gesichter gesehen. Weder bei den Gästen, noch bei den Frauen. Dabei sollten hier angeblich 400 Frauen auf der Straße stehen und anschaffen", erzählt die 24-Jährige. Wie alle Branchen hatte sich auch die Prostitution ein gutes Geschäft von der WM versprochen. Zu schön war der Dreiklang "Fußball-Männer-Sex".

Doch je besser die Fanfeste, desto leerer bleiben offenbar die Bordellbetriebe. Melanie zuckt mit den Achseln: "Die trinken und feiern vor dem Spiel und nach dem Spiel und dann sind sie so besoffen, dass nichts mehr läuft. Aber es kommen deutlich mehr Gaffer, die oft in Gruppen im Auto sitzen und nie was wollen.

Zwangsprostitution: Medienzirkus vor der WM

Klingelschild der Mitternachtsmission; Rechte: WDR/Wardenbach Bild groß Mitternachtsmission berät Prostituierte.

Im Vorfeld der WM machte das Thema Zwangsprostitution Schlagzeilen. Bis zu 40.000 Frauen sollten anlässlich der WM nach Deutschland kommen und sich teilweise gezwungen prostituieren, so war gemutmaßt worden. Im berühmten Amsterdamer Rotlichtviertel würden die Touristen vor leeren Schaufenstern stehen, hieß es. "An den Haaren herbeigezogen", urteilt Sozialarbeiterin Gisela Zohren von der Mitternachtsmission in Dortmund, die Prostituierte berät. Dennoch richtete die Hilfsorganisation vorsichtshalber ein Notfalltelefon ein. "Es hat zwei Mal geklingelt. Wegen klassischer Geldstreitigkeiten, die nichts mit der WM zu tun haben", sagt Zohren, "wir hatten mit etwa 200 Frauen mehr gerechnet, aber die sind wohl schon wieder abgereist." Normalerweise arbeiten zwischen 1.200 und 2.000 Huren in Dortmund in elf Clubs und über hundert Bordellen. Die Dortmunder Polizei freut sich über die Ruhe. "Fälle von Zwangsprostitution und Menschenhandel wurden nicht festgestellt", lautet die klare Bilanz Ende Juni.

Anstelle der Freier kam die Presse

"Wir hatten ganz anderen Besuch zur WM als gedacht", sagt Elfi Schmitthardt. Anstelle von Freiern aus den Gastländern kamen Journalisten. Fernsehteams aus Schweden, England, Portugal und Frankreich interviewten die Clubbesitzerin. Seit 2002 wird Prostitution in Deutschland toleranter gehandhabt. Sexarbeit ist als Dienstleistung anerkannt und ein passendes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nicht mehr per se strafbar. "Deutschland hat so schlechte Presse im Ausland gehabt, als wäre das hier Sodom und Gomorrha", berichtet die 58-Jährige, "viele waren dann ganz überrascht, dass die Rotlichtszene die neue Politik für einen Fortschritt hält. Wir haben dadurch weniger Kriminalität!" Ein französischer Journalist wollte das Dortmunder Modell, bei dem Sexarbeiterinnen, Bordellbetreiber und die Behörden gemeinsam an einem Tisch saßen, sogar in seinem Heimatort vorstellen.

Zeit für Interviews haben die Frauen momentan genug. Anders als bei Messen bringt die WM keine zusätzlichen Freier. Vielen bleiben sogar die Stammgäste weg. "Fußball ist offenbar doch ein Männersport, und Männer sind ja nicht multi-taskingfähig", frotzelt Michaela.

Stand: 03.07.2006, 11:48 Uhr

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