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WM 2006

08.02.2012 | 12:32 Uhr

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sport.ard.de

Vor Ort - In Nordrhein-Westfalen

Deutsche Fans und englische Presse belagern Portugiesen

Fast wie bei Tokio Hotel

Von Katrin Heine

In Marienfeld, wo Portugals Nationalkicker wohnen, wehen vor dem Viertelfinale gegen England neben den deutschen auch viele portugiesische Fahnen im Wind. Englische Flaggen sucht man vergebens, ganz im Gegensatz zu englischen Journalisten.

Journalisten im portugiesischen Pressezelt; Rechte: WDR/Heine Bild groß Was gibt's Neues?

Im Laufe der vergangenen Woche haben sich immer mehr Reporter von der Insel in dem ostwestfälischen Örtchen einquartiert. Sie sollen den Fans daheim berichten, ob es am Samstag (01.07.06) in Gelsenkirchen gelingen kann, Scolaris Team zu besiegen. Denn sowohl bei der WM 2002 - auf dem Weg zum Titel mit Brasilien - als auch bei der EM 2004 mit Portugal, warf der Coach die Engländer in der Runde der letzten Acht aus dem Rennen. "Am Anfang der Woche war es noch ziemlich ruhig hier", erzählt eine britische Radioreporterin vor der täglichen Pressekonferenz der Portugiesen am Marienfelder Kloster und muss erstaunt feststellen, dass die Stimmung gekippt ist.

Angst vor Beckham oder der Boulevardpresse?

Gefälschte Interviews mit Trainer Luiz Felipe Scolari und Stürmer Pauleta seien in der englischen Presse aufgetaucht, verkündet der portugiesische Pressesprecher Afonso Melo mit Grabesmiene den gut 100 Journalisten. Das Fazit: Drei englische Journalisten erhalten Hausverbot, und für den Rest der Woche dürfen ihre Landsleute in der täglichen Pressekonferenz insgesamt nur noch drei Fragen stellen. Zuerst muss sich jeder Journalist allerdings vorstellen und seinen Arbeitgeber nennen. "Wovor haben Sie am meisten Angst: vor der englischen Mannschaft, vor den englischen Fans oder vor der englischen Presse?", lautet prompt eine der Fragen an den portugiesischen Stürmer Pauleta. "Wer uns kennt, weiß, dass wir vor niemandem Angst haben", so die spitze Antwort. Ganz bestimmt fürchte man die Medien nicht, betont auch Sprecher Mela, ist aber stocksauer, dass sich in den vergangenen Tagen englische Fotografen in Bäumen versteckt hätten, um durch die Hotelfenster zu fotografieren.

Lange Anfahrt für Figo-Anhänger

Fans mit Portugal-Schal und Trikots; Rechte: WDR/Heine Bild groß Nur nicht aufgeben: Melani (rechts) und ihre Freunde auf Autogrammjagd

Auch Melani würde auf Bäume klettern, wenn sie nur Cristiano Ronaldo aus der Nähe sehen könnte. Zum zweiten Mal ist sie mit ihren Freunden Sallyna, Filipe und Erdo aus Hamburg gekommen, um die portugiesischen Kicker zu sehen und ihre Unterschriften zu sammeln. Auch wenn die vier an diesem Tag leer ausgehen: Figo, Simao und Petit haben bereits auf ihren Trikots unterschrieben. Aufgekratzt kehren sie von ihrer Autogrammjagd zurück, um Kraft für einen weiteren Anlauf zu schöpfen. Als die Spieler nach einem Geheimtraining am Donnerstag (29.06.06) zurück auf ihre Zimmer gehen, stehen schon wieder Dutzende von Fans aus ganz Deutschland vor den Absperrgittern am Hotel, um ihren Idolen wenigstens auf 100 Metern Entfernung nahe zu sein. Näher ran kommt keiner, und so erkennt man kaum, welcher Spieler in seinem verschwitzten grünen Trikot um die Ecke biegt. Ein Beobachter ruft "Figo!" und das nächste Mal "Ronaldo!" und zumindest die Mädchen kreischen. Als ein Spieler mit beiden Armen den Fahnen schwenkenden Fans zurückwinkt, fallen zwei Mädchen vor Aufregung fast von der Absperrung und schnappen hysterisch nach Luft.

Die WM zu Gast in Ostwestfalen

Aufgeregt ist Polizist Andreas Isenbort nicht, als er direkt vor Pauleta und Nuno Valente steht und seine Bilder schießt, aber er ist mit Begeisterung bei der Sache. Der Beamte vom WM-Team der Stadt Gütersloh hat eigentlich frei, besucht aber kurz vor dem Viertelfinale das portugiesische Mannschaftshotel. "Wer weiß, wie lange die Mannschaft noch da ist", schmunzelt er und will mit Bildern festhalten, was diese Weltmeisterschaft für Gütersloh, Marienfeld und Ostwestfalen bedeutet hat. Eine echte Nationalmannschaft zu Gast hat ja schließlich nicht jeder - und dann auch noch eine so erfolgreiche.

Nationalkicker als Nachbarn

Horst Meier radelt währenddessen an den Fans vorbei, die immer noch auf Autogramme warten. "Jeden Tag stehen hier Menschen und schwenken Fahnen", lacht der Marienfelder. Verrückt findet er das - die Spiele der Portugiesen guckt er aber natürlich auch alle. "Die sind doch fast meine Nachbarn", sagt er und fährt unter flatternden portugiesischen Fahnen weiter nach Hause. Die Fans harren noch eine Weile aus, bevor sich einige im Eiscafé Dolce Vita von ihrem Tag erholen. Für wen sind sie eigentlich, wenn Deutschland auf Portugal treffen sollte? "Das haben wir heute auch zum ersten Mal überlegt", erzählt eine Frau aus Warendorf und antwortet dann wie die Mehrheit an diesem Abend in Marienfeld: "Für Deutschland natürlich!"

Stand: 01.07.2006, 11:22 Uhr

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