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Aus dem Archiv von sportschau.de
08.02.2012 | 12:33 Uhr
Nach der Niederlage der Nationalmannschaft
Tiefenpsychologische Analysen sind das Spezialgebiet von Stephan Grünewald. Der 45-Jährige ist Mitbegründer des Kölner rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Mit sport.ARD.de sprach der Psychologe und Buchautor über die Folgen der Niederlage der deutschen Nationalelf.
sport.ARD.de: Das Spiel ist aus, Deutschland ist nicht Weltmeister. Was passiert jetzt mit den vielen Fahnen?
Stephan Grünewald: (lacht) Die Fahnen werden weiter wehen. Denn die WM ist für die Fans ein riesiger, fast karnevalesker Ausnahmezustand. Man wird zwar trauern, dass die Vision, ein zweites Wunder von Bern erleben zu dürfen, vorbei ist. Aber man weiß ja: Es ist noch bis Sonntag (09.07.06) Zeit, in der man Spiele gemeinsam zelebrieren kann. Tage, an denen man Zusammengehörigkeit erlebt und das Gefühl hat, dass die drei verbleibenden WM-Städte der Nabel der Welt sind. In dieser Zeit ist man vom Sanierungsfall Deutschland entbunden und kann sich auf die einfachen Regeln der Fußball-WM einlassen.
Wie reagieren die Fans jetzt?
Grünewald: Sie werden die Lager wechseln und eine andere Sympathie-Mannschaft auswählen. Der Wunsch zu feiern wird die Leute weitertragen.
Wie tief wird der Fall sein, wenn am Ende ein anderes Team den Pokal in den Händen hält?
Grünewald: Der tiefe Fall kommt, wenn das Event vorbei ist. Dann steht man auf einmal wieder in einer komplexen Welt voller Probleme, in der die Mehrwertsteuererhöhung wartet, hohe Arbeitslosigkeit herrscht und in der persönliche Opfer verlangt werden. Dann wird sich zeigen: Es fehlt eine übergeordnete Leitlinie, eine Vision, die das alles ermöglicht, was wir während der WM erleben: Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, eine Sinn-Perspektive, und damit das Gefühl, dass jeder weiß, wofür er lebt, arbeitet und kämpft.
Haben Sie mit so viel WM-Euphorie gerechnet?
Grünewald: Ja, das haben wir auch mit einer Studie belegt. Erst ein deutscher Papst und dann ein Klinsmann... Beim Bundestrainer hat man schon mitbekommen, dass das jemand ist, der nicht so einem kaiserlichen Prinzip folgt wie Beckenbauer oder Völler. Klinsmann geht einen anderen Weg, und das mit jugendlichem Elan, und ist - vor allem im Vergleich mit dem doch sehr konservativen Papst - so etwas wie eine Galionsfigur.
Stichwort Patriotismus-Debatte: Kann es nicht auch zu viel Begeisterung geben?
Grünewald: Im Vorfeld der WM war die deutsche Angst stark zu spüren, dass zu große Euphorie in Verblendung übergeht. Und dann erwacht der fiese Deutsche. Deshalb war es wichtig, alles dafür zu tun, sich auch als guter Gastgeber in Szene zu setzen. Das kann jetzt unsere zweite Trumpfkarte werden: Der Weltmeistertitel unter den Gastgebern.
Wenn der Fußball es nicht schafft - was könnte denn eine solche Identität stiften?
Grünewald: Das ist die große Frage. In den 80er und 90er Jahren haben wir jede Ideologie relativiert und ironisiert. So lange wir wirtschaftlich gut abgefedert waren ging das gut. In der Krise braucht man aber so etwas wie ein Leitbild. Auch Angela Merkel spricht von der Politik der kleinen Schritte und davon, dass die Große Koalition keine Vision hat. Psychologisch ist das ein Problem. Kleine Schritte machen die Menschen mit, wenn sie ein Ziel vor Augen haben. In den Parteien, Schulen und Familien muss nach dem sportlichen Wettkampf ein wirklicher Streit über den Sinn unserer Zukunft entbrennen.
Kann denn die WM-Euphorie dennoch nachhaltig genutzt werden?
Grünewald: Die Euphorie wird noch einige Wochen anhalten, doch dann folgt die Depression, das Sinn-Vakuum. Die Frage ist, ob es Frau Merkel gelingt, eine Art mütterliche Tröstung ins Spiel bringt. Ihre Anerkennung ist ausschlaggebend, wenn die Wunden geleckt werden.
Sie sind selbst Fußball-Fan. Wie lecken Sie denn Ihre Wunden?
Grünewald: Bei mir übertrumpft die Heimatliebe die Vaterlandsliebe. Ich bin gebürtiger Mönchengladbacher.
Lassen Sie mich raten, was Ihr schönster WM-Moment war...
Grünewald: Natürlich Oliver Neuvilles 0:1 gegen Polen!
Das Interview führte Annika Franck.
Stand: 05.07.2006, 00:00 Uhr
Links im WWW
Infos zu Kultur-, Markt- und Medienforschung